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Pandemie

19.05.2020

Produzieren wir in der Corona-Krise mehr Müll?

Corona und die Folgen: Vielerorts sind die Müllmengen gestiegen, Tonne quellen über, an den Wertstoffhöfen bilden sich langen Schlangen. 
Bild: Matthias Becker

Plus Viele Menschen entrümpeln jetzt ihr Zuhause, bestellen bei Lieferdiensten, verbrauchen mehr Lebensmittel. Wie sich das auf die Abfallmengen auswirkt.

Und noch ein Auto. Die Schlange vor dem Wertstoffhof im Augsburger Stadtteil Bärenkeller wird an diesem sonnigen Mainachmittag immer länger. „Ganz schön viel los“, brummt ein Mann, der gerade ein paar alte Regalböden entsorgt, die mit einem dumpfen Donnern in einem orangefarbenen Container verschwinden. Einer der Mitarbeiter, der die vielen wartenden Autos in die richtigen Parkplätze einweist, erklärt, dass der Andrang – natürlich – an der Corona-Krise liege. Daran, dass die Wertstoffhöfe lange zugehabt hätten und noch immer nicht alle wieder geöffnet seien.

Und es ist ja längst nicht nur das: Wegen der Pandemie sind gerade viele Menschen zuhause – und entrümpeln. Kaputte Regale, Vorhangstangen, alte Computer, die irgendwo im Keller einstaubten, oder große Kartons, in denen neue Möbel geliefert wurden, werden zum Wertstoffhof gebracht. Etwa in diesen im Norden der Stadt, wo sich immer mehr Autos in die Schlange einreihen. Und warten.

Corona-Krise: Lange Schlangen an den Wertstoffhöfen

Solche Erfahrungen hat man auch im Landkreis Augsburg gemacht. Durch die coronabedingte vierwöchige Schließung der Wertstoffhöfe hätten sich nach der Wiedereröffnung zum Teil lange Schlangen gebildet, teilt das Landratsamt mit. Wartezeiten von mehr als einer Stunde seien an der Tagesordnung gewesen. Dies sei der Zugangsbeschränkung geschuldet gewesen, da nur maximal vier Fahrzeuge gleichzeitig entladen werden durften. Diese Beschränkung sei nun aber aufgehoben. Das Abstandsgebot von 1,5 Metern zu anderen Bürgern sowie zum Personal müsse aber weiterhin eingehalten werden. Auch die Maskenpflicht gelte weiterhin.

Mal abgesehen von den langen Schlangen vor den Wertstoffhöfen: Wie wirkt sich denn das viele Zuhausesein ganz generell auf unsere Müll–Produktion aus? Steigen die Abfallmengen, weil wir mehr einkaufen, öfter kochen, anstatt ins Restaurant zu gehen? Gibt es mehr Altpapier? Mehr Verpackungsmüll?

Mehr Müll duch die Corona-Krise? In Augsburg spürt man die Auswirkungen

In der Stadt Augsburg spürt man in der Tat die Auswirkungen der vergangenen Wochen. Der Abfall im Haushaltsmüll sei bei allen vier Tonnen – Bioabfälle, Papier, Restmüll und Verkaufsverpackungen – gestiegen, da viele Bürger im Homeoffice gearbeitet hätten beziehungsweise vermehrt daheim geblieben seien, sagt Reiner Erben, Referent für Nachhaltigkeit, Umwelt, Klima und Gesundheit. Es habe auch vermehrte Anfragen von Hausverwaltungen bezüglich Sonderleerungen gegeben. „Dies betraf hauptsächlich die Leerung der grauen Restmülltonne“, teilt Erben mit.

Auch in der bayerischen Landeshauptstadt hat man eine Veränderung bemerkt. Der Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) verzeichnete in den Wochen des Lockdowns einen leichten Anstieg sowohl des privaten Hausmülls (plus acht Prozent) als auch des Biomülls (plus zehn Prozent). Der Anstieg der Bioabfälle könne zum einen an den milden Temperaturen, zum anderen an der zeitweisen Schließung der Wertstoffhöfe, an denen auch Grüngut angenommen wird, liegen, sagt Kathrin Stanner-Junghanns, die Sprecherin des AWM.

Die Abfallmenge steigt seit Jahren

Gerhard Wiedemann, Werkleiter beim Abfallwirtschaftsverband Nordschwaben (AWV) mit Sitz in Donauwörth, hat indes keine außergewöhnliche Veränderung der Müllmenge während der Pandemie bemerkt. „Wir sehen keine coronabedingte Steigerung“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion.

Kleinere Schwankungen könnten Wiedemann zufolge aber auch nicht verifiziert werden, angesichts der immensen Mengen die vom AWV Nordschwaben entsorgt werden: Pro Jahr sind es mehr als 100.000 Tonnen. Was aber auffällt, sei das: Schon seit Jahren steigt Wiedemann zufolge die Abfallmenge kontinuierlich an – auch ohne Corona.

Naturschützer beobachten diese Entwicklungen mit großer Sorge. Bernhard Bauske, Experte für Plastikmüll bei WWF Deutschland, sagt in eine Pressemitteilung der Organisation: „Mit der Menge an Hausmüll steigt die Dringlichkeit, unseren Umgang mit Müll zu überdenken. Wir müssen mehr Müll vermeiden und mehr für die Wiederverwendung von Verpackungsmaterial tun.“

Schon vor der Pandemie hätte die Deutschen pro Kopf so viel Verpackungsmüll produziert wie das in kaum einem anderen Land in Europa der Fall sei. Und dieser Trend werde durch die Corona-Krise nun verstärkt. Der WWF verweist in diesem Zusammenhang auch auf eine Prognose der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft. Die rechnet für das gesamte Jahr 2020 mit 2,26 Millionen Tonnen zusätzlichem Hausmüll. Das sind über fünf Prozent mehr als 2017.

Entsorger kämpfen mit Problemen

Es gibt aber noch eine andere, gegensätzliche Entwicklung: Beim Altpapier sind die vom Abfallwirtschaftsbetrieb München gesammelten Mengen gewichtsmäßig um circa elf Prozent gesunken. „Das könnte zum Beispiel daran liegen, dass mehr Kartonagen, etwa durch den Onlinehandel, angefallen sind, diese aber nicht zerkleinert in die Papiertonnen gegeben wurden und so die Tonnen durch mehr Volumen gefüllt waren, aber insgesamt weniger Gewicht zustande gekommen ist“, erklärt Stanner-Junghanns.

Und dann sind da noch die Betriebe und Geschäfte, die weniger Müll produzierten, weil die Produktion eingestellt wurde oder die Läden geschlossen hatten. „Im Bereich der gewerblichen Abfälle gab es einen Rückgang“, sagt Stanner-Junghanns. Auch in Augsburg ist die Menge an Gewerbeabfall gesunken, wie die Stadt mitteilt.

Und genau diese Situation macht vielen Entsorgungsunternehmen zu schaffen. Da viele der privaten Unternehmen auf Entsorgung im Gewerbebereich oder in der Gastronomie spezialisiert sind, sei es in den vergangenen Wochen teilweise zum „vollständigen Einbruch von Erfassungsmengen“ gekommen, teilt der Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft mit.

Ein Großteil aller Unternehmen müsse notwendige Investitionen verschieben oder ganz streichen. Das ergab eine Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen des Verbandes. Demnach setzen 74 Prozent der Firmen ihre Investitionen aus, oder verschieben sie auf unbestimmte Zeit. Zudem rechnen mehr als vierzig Prozent der Befragten mit personellen Auswirkungen auf ihr Unternehmen.

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