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Prozess in Augsburg
30.06.2016

Mutter ließ Baby fast verhungern: Richter findet deutliche Worte

Späte Reue: Sindy P. vor Gericht.
Foto: Peter Fastl

Sindy P. ließ ihren Sohn fast verhungern. Der Richter spricht in Augsburg von einem "erschreckenden Verfahren" - und verhängt eine härtere Strafe als vom Staatsanwalt gefordert.

Während des Prozesses hat sie immer wieder geweint. Als der Richter das Urteil verkündet, blickt die Angeklagte starr geradeaus. Sindy P. hat ihr Baby fast verhungern lassen und muss sieben Jahre in Haft. Das Landgericht Augsburg verurteilt die fünffache Mutter wegen versuchten Totschlags. „Sie nahm den Tod ihres Kindes billigend in Kauf“, sagt der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung. Er spricht von einem „erschreckenden Verfahren“.

Säugling kam in lebensbedrohlichem Zustand ins Krankenhaus

Die 29-Jährige habe den acht Monate alten Säugling wochenlang vernachlässigt und nicht ausreichend ernährt. „Mir tut das alles schrecklich leid. Ich wollte meinem Kind nicht schaden“, beteuerte die Angeklagte in ihrem Schlusswort unter Tränen. Doch ihre Erklärung zum Prozessbeginn, sie habe die dramatische Lage ihres Babys nicht bemerkt, nennt der Richter „blanken Unsinn“: Die Bilder des Säuglings, der sich in einem „erbärmlichen Zustand“ befand und nur noch aus Haut und Knochen bestand, hätten ihn schockiert. Die Frau aus Augsburg hat fünf Kinder von vier verschiedenen Männern. Während die beiden ältesten Söhne bei ihrem Vater leben, blieben die drei jüngeren Kinder bei ihr. Doch über Wochen hinweg wurden sie vernachlässigt, weil die Mutter überfordert war.

Der Säugling war so schlecht versorgt, dass er im Mai 2015 in einem lebensbedrohlichen Zustand ins Krankenhaus kam. Sehendes Auges habe seine Mutter ihn „verkommen lassen“, sagt der Richter. „Dem Jungen ging es so schlecht, dass ihm die Kraft zum Schreien fehlte.“ Die Ärzte konnten dem nur 3950 Gramm schweren Baby gerade noch das Leben retten. Die beiden älteren Kinder, ein fast zweijähriger Bub und ein vierjähriges Mädchen, waren ebenfalls unterernährt und mussten medizinisch behandelt werden.

Der Anklagevorwurf lautete ursprünglich auf versuchten Mord. Weil kein Mordmerkmal festzustellen war, entschied das Gericht auf versuchten Totschlag. Im Strafmaß liegt es noch über dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Diese hat sechs Jahre und drei Monate Haft gefordert. Die Verteidigerin sprach sich für eine Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung aus.

Sozialarbeiterin fiel das dramatische Untergewicht des Babys nicht auf

Der Prozess hat auch Versäumnisse beim Augsburger Jugendamt offenbart. Bei der Behörde war die fünffache Mutter bekannt. Es gab konkrete Hinweise darauf, dass ihre Kinder zu dünn waren. Zwei Wochen bevor die drei Kinder in Kliniken kamen, war deshalb eine Sozialarbeiterin im Auftrag des Amtes in der Wohnung der Familie. Ihr fiel das dramatische Untergewicht des Babys aber nicht auf, weil sie sich das Kind offenbar gar nicht richtig angeschaut hat.

Gegen zwei vom Jugendamt beauftragte Fachkräfte hat die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelt. Wie ein Sprecher der Behörde mitteilte, wurden die Verfahren inzwischen eingestellt – in einem Fall wegen erwiesener Unschuld und im zweiten Fall, weil kein strafbares Verhalten nachgewiesen werden konnte. Birgit Ellinger, dpa

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