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Interview

13.04.2020

Schwäbischer Corona-Koordinator: „Wir befinden uns auf Eskalationsstufe eins“

Professor Axel Heller leitet die Führungsgruppe Katastrophenschutz im Rettungszweckverband Augsburg.
Bild: Universitätsklinikum Augsburg

Plus Professor Axel Heller ist einer von drei schwäbischen Corona-Koordinatoren. Im Interview erklärt er, warum es in der aktuellen Lage nichts bringt, zu weit voraus zu planen.

Herr Professor Heller, Sie leiten die Führungsgruppe Katastrophenschutz im Rettungszweckverband Augsburg. Es gibt schwabenweit noch zwei weitere solcher Verbände, Allgäu und Donau-Iller. In Corona-Zeiten koordinieren Sie die Arbeit von 16 Kliniken in der Stadt Augsburg sowie den Kreisen Augsburg, Aichach-Friedberg, Donau-Ries und Dillingen. Wie bereitet man sich auf diese riesige Aufgabe vor?

Prof. Axel Heller: Ich komme aus Dresden und hatte das zweifelhafte Vergnügen, 2002 und 2013 die Elbfluten dort mitzumachen. Auch damals war ich in führender Position für die medizinische Versorgung zuständig. Ich habe noch viele Handlungsideen, die mir jetzt helfen. Ich sehe viele Parallelen zur jetzigen Situation.

Was haben denn ein Hochwasser und das Coronavirus gemeinsam?

Heller: Damals fing es mit der Meldung an: „Hochwasser in der Moldau“. Weit weg – so wie anfangs das Coronavirus. Irgendwann war die Flut 60 Kilometer vor der Stadt. Keiner wusste, wann und in welchem Ausmaß das Wasser der Elbe in Dresden Hochwasser verursachen würde. Zu viele unbekannte Faktoren. Doch die Flut rückte näher. Wir hatten keine Hochwasserkarten, wussten nicht, welche Stadtteile bei welchem Pegelstand überschwemmt werden würden, ob unsere Klinik weiter Strom haben würde. Das war identisch zur Situation jetzt, nur ist die Naturgewalt eben eine andere.

Was lernten Sie damals für heute?

Heller: Man kann nicht zehn Schritte im Voraus planen, sondern muss immer lage-elastisch und an die Situation angepasst handeln. Am Anfang muss man Struktur und Ressourcen schaffen – und das haben wir getan.

Zu den wichtigsten Ressourcen zählt es, in den Kliniken genügend Betten für Covid-19-Patienten zur Verfügung zu stellen. Ist das für Ihr Einsatzgebiet gewährleistet?

Heller: Ja. Ich habe einen exzellenten Stab an Mitarbeitern – Anästhesisten, Intensivmediziner, Notfallmediziner, die auch zum Teil schon in Schadenslagen erprobt sind. Über das Einsatzgebiet hinweg haben wir Koordinierungsgruppen gebildet – und eine unserer ersten Aufgaben war, die Versorgung mit Intensivbetten voranzutreiben, ein Konzept für Hilfskrankenhäuser zu erarbeiten und der bayerischen Führungsgruppe Katastrophenschutz weiterzuleiten.

Was beinhaltet dieses Konzept?

Heller: Es beinhaltet drei Eskalationsstufen: Als erstes sollten die vorhandenen Krankenhäuser für die Aufnahme von Covid-19-Patienten vorbereitet werden. Stufe zwei sieht vor, vorhandenen Baubestand zu ertüchtigen – etwa alte, leer stehende Krankenhäuser. Stufe drei beinhaltet den Aufbau völlig neuer Hilfskrankenhäuser.

 

Auf welcher Stufe befinden wir uns?

Heller: Auf Stufe eins. Wir haben in den 16 Kliniken mehr als 700 Betten für Covid-Patienten.

Wie viele davon sind belegt?

Heller: Momentan werden im Rettungszweckverband etwa 100 Patienten mit Covid-19 behandelt, davon sind 30 auf der Intensivstation (Stand: 10. April, Anm. d. Redaktion).

Im Allgäu werden schon erste Rehakliniken so umgebaut, dass sie im Notfall Corona-Patienten aufnehmen könnten – etwa die KJF-Rehaklinik Oberjoch. Ist so etwas auch in Ihrem Gebiet geplant?

Heller: Die Staatsregierung hat eine Liste mit reaktivierbaren Altbaubeständen herausgegeben. Dort könnte man mit dem Vorlauf von einer Woche weitere Betten bereitstellen. Konkreter kann ich im Moment nicht werden.

Wird es soweit kommen?

Heller: Wenn man die Stufen eins uns zwei zusammenzählt, haben wir mehr als 800 Betten zur Verfügung. Dank dieses Bestands glaube ich nicht, dass wir in die Not kommen, Stufe drei ausrufen zu müssen.

Sie und ihr Team haben genau im Blick, welcher Corona-Patient in welches Krankenhaus eingeliefert wird. Gab es schon Engpässe in einer der Kliniken?

Heller: Nein. Auch vor der Corona-Pandemie haben sich die Krankenhäuser ausgetauscht. Es ist auch im Standardbetrieb üblich, dass ein Patient in die Uniklinik Augsburg abverlegt wird, wenn die Krankheitsschwere, eine besondere Behandlung oder mangelnde Kapazität es erfordern – egal ob er im Straßenverkehr schwer verletzt wurde oder jetzt eben an Covid-19 leidet.

 

Wann wird der Höhepunkt der Corona-Infektionszahlen erreicht sein?

Heller: Das liegt im Dunkeln. Wir kennen ja nur die Patienten, deren Infektion neu bestätigt wurde. Wie viele Menschen sich insgesamt neu infizieren, wissen wir nicht. Und deshalb kann ich auch nichts dazu sagen, wann der Gipfel erreicht sein wird.

Viele Menschen leiden unter der sozialen Isolation, die die Ausgangsbeschränkungen in Bayern mit sich bringen. Wagen Sie eine Prognose, wie lange sie noch andauern werden?

Heller: Selbst wenn die Neuerkrankungsraten nach unten gehen, muss man sich überlegen, ob die Ausgangssperren trotzdem aufrechterhalten werden – vielleicht etwas gelockert. Ziel muss es aber sein, dass die Zahl der Neuerkrankungen jeden Tag um höchstens drei Prozent steigt. Sonst können vor allem die intensivmedizinischen Behandlungsplätze knapp werden und es kann schnell zu einem Flashback kommen. Ich sage das aus rein medizinischer Sicht, ungeachtet dessen, wie sich die Beschränkungen auf die Wirtschaft auswirken. Das ist nicht mein Ressort.

Sind die Beschränkungen aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Heller: Höchst sinnvoll. Die Menschen müssen sich daran halten, sonst werden wir doch noch überrollt. Die Leute haben es selbst in der Hand. Wir hier in der Einsatzzentrale und in den Krankenhäusern können nur Schadensbegrenzung auf der Endstrecke betreiben.

Zur Person Professor Axel Heller leitet die Führungsgruppe Katastrophenschutz im Rettungszweckverband Augsburg.

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