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Sexualkunde

27.11.2018

Sexualkunde in der Schule: Wann ist dafür der richtige Zeitpunkt?

Laut dem Ifo-Bildungsbarometer sieht die Mehrheit der Deutschen in Sachen sexuelle Aufklärung Schulen und Eltern gleichermaßen in der Pflicht.
Bild: dpa

Wie soll Sexualkundeunterricht an bayerischen Schulen stattfinden? Das wird kontrovers diskutiert. Das sagen Wissenschaftlerinnen und konservative Vereine dazu.

Es ist ein Thema, bei dem es vielen Eltern schwer fällt, darüber zu sprechen: Sexualität. Die Verantwortung liegt nicht nur bei Vätern und Müttern, sondern auch bei den Schulen. In dem aktuellen Ifo-Bildungsbarometer sind zwei von drei Befragten der Ansicht, dass Eltern wie Lehrer gleichermaßen das Thema sexuelle Aufklärung ansprechen sollen. Nur etwas mehr als drei Prozent sehen die Schulen in der alleinigen Verantwortung. Doch der Unterricht dient auch als Anhaltspunkt in Sachen Aufklärung. Zwei Jahre ist es her, dass das Bayerische Bildungsministerium neue Richtlinien zur Familien- und Sexualerziehung in Kraft setzten. Die Verfasser mussten sich mit der Frage auseinandersetzen: In welchem Alter sollen Bayerns Schüler wie über Sexualität aufgeklärt werden?

Sexualkunde findet ab der ersten Klasse statt

In der Tat findet Sexualkunde ab der ersten Klasse statt. Doch nicht explizit, wie manche Eltern befürchten. Geschlechtsverkehr ist kein Thema an der Grundschule. Vielmehr werden die körperlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen benannt. Eine genauere Betrachtung der Anatomie ist laut Lehrer-Richtlinien im Biologie-Unterricht in der fünften Jahrgangsstufe vorgesehen. Dass Sexualkunde zwischen der ersten und vierten Klasse stattfindet, dafür sprechen sich im Ifo-Bildungsbarometer knapp zwei Drittel der befragten Frauen und Männer aus.

Die Frage ist, wie sollen Lehrer ihre Schüler an das Thema Sexualität heranführen? Vereine, wie das Aktionsbündnis „Besorgte Eltern“, warnen vor den „verborgenen Wurzeln der modernen Sexualaufklärung“. Der Verein klingt wie eine Zusammenkunft fürsorglicher Eltern. Doch zu zu ihren Demos laden sie umstrittene Redner ein, wie Béatrice Bouges. Die französische Aktivistin ist radikale Gegnerin der gleichgeschlechtlichen Ehe. In einer Broschüre druckt das Bündnis fragwürdige Geschichten darüber ab, wie Kinder im Unterricht mit Sexualität konfrontiert werden. So würden Grundschullehrer mittels Sexshopartikel wie Lederpeitschen die Kinder aufklären. Das ist komplett erfunden.

Aus Sicht von Barbara Thiessen, Professorin für Gendersensible Soziale Arbeit an der Hochschule Landshut, sind solche Beiträge Panikmache: „Das ist der Fehler der sogenannten ,Besorgten Eltern’: Sie sind weniger um die Kinder, als um ihre traditionelle Modelle und Vorstellungen besorgt.“ Den Begriff der „Frühsexualisierung“ lehnt die Professorin ab. Er sei „Quatsch, weil Kinder schon immer sexuelle Wesen sind“. Daher komme es weniger auf den Zeitpunkt, sondern vielmehr auf die Art und Weise an, wie Lehrer das Thema Sexualität ansprechen. „Sobald Kinder entdecken, dass sie Geschlechtsorgane haben und dass diese unterschiedlich sind, stellen sie Fragen“, sagt Thiessen. Dies sei bereits im Alter von zwei bis drei Jahren der Fall. Es sei daher wichtig, die Fragen der Kinder nicht zu ignorieren, sondern sie „adäquat aufzunehmen“.

Mehrheit der Deutschen ist dafür sexuelle Vielfalt im Unterricht darzustellen

Oftmals werden bereits Grundschüler mit Pornografie konfrontiert, sagt die Professorin. Vor allem der Schulhof sei ein problematisches Pflaster. Viele Lehrer würden nicht mitbekommen, dass sexualisierte Schimpfwörter mittlerweile selbstverständlich seien. Umso wichtiger sei es die Kinder „sprachfähig“ zu machen, betont Thiessen. Gerade im Hinblick auf sexuellen Missbrauch sei es wichtig, dass Buben und Mädchen eine Sprache finden, ihren Körper und ihre Gefühle zu benennen: „Wir müssen Kinder in ihrer körperlichen und psychischen Integrität stärken – und da ist das Wissen über die eigene Sexualität ein wichtiger Aspekt.“ Sexualkundeunterricht müsse mehr sein, als den Unterschied zwischen Frauen und Männern zu vermitteln.

Die Landshuter Professorin spricht damit einen weiteren kontrovers diskutierte Aspekt an. Nämlich die Frage, inwiefern der Sexualkundeunterricht an den Schulen die sexuelle Vielfalt abbilden soll. Das heißt: Sollen sexuelle Orientierungen wie Homo- oder Bisexualität und sexuelle Identitäten wie Inter- oder Transsexualität im Unterricht thematisiert werden? Laut dem Ifo-Bildungsreports sind 70 Prozent der Frauen und 64 Prozent der Männer dafür, dass Sexualkunde die verschiedenen Lebensrealitäten abbilden muss.

Schule als geschützter Ort für Menschen jeglicher sexuellen Orientierung

Doch es gibt Widerstand. Seit der Reform des Sexualkundeunterrichts werden Bi-, Trans- und Intersexualität in der 9. und 10. Jahrgangsstufe thematisiert. Begleitet von Protesten der Bewegung „Demo für alle“. Ein Aktionsbündnis, das sich gegeneine angebliche „Homo-Lobby“ und „Gender-Wahnsinn“ mobil macht – und in ihren Positionen der AfD nahe steht. „Demo für alle“ befürchtet, dass die Thematisierung von Bi-, Trans- und Intersexualität zu einer „Ideologisierung und Indoktrinierung“ der Kinder führe. So steht auf ihrer Internetseite: „,Vielfalt’ klingt harmlos und nett. Die Sexualpädagogik der Vielfalt ist aber nicht harmlos. Sie hat eine mehr als problematische Vorgeschichte, ihre Ziele sind intransparent und ihre Praktiken äußerst fragwürdig.“ Das Aktionsbündnis befürchtet: Wenn Schulen Homo-, Inter- und Transsexualität im Unterricht behandeln, sei dies ein Angriff auf die klassische Familie – bestehend aus Vater, Mutter, Kind(er).

Juliette Wedl, Leiterin des Braunschweiger Zentrums für Gender Studies, erläuert: „Kein Kind wird homosexuell, weil über Homosexualität gesprochen wird. Das ist eine Mär.“. Statistisch gesehen gebe es in jeder Klasse und in jedem Kollegium ein bis zwei Menschen, die nicht der heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit entsprechen. Wenn die Sexualpädagogik auf Heterosexualität ausgelegt wird, besteht die Gefahr, dass Unsicherheiten über die eigene Identität gefördert werden, warnt die Soziologin. „Wenn offen über sexuelle Vielfalt gesprochen wird, kann auch die Haltung der Kinder offener sein.“ Wenn stattdessen das Thema tabuisiert wird, trage das zur Diskriminierung bei. Auftrag der Schule sei es, ein geschützter Ort für alle Menschen zu sein – egal welcher sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität.

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Die Diskussion ist geschlossen.

27.11.2018

Sollte es stimmen, dass besorgte Eltern AFD wählen, dann wäre dies ja ein Armutszeugnis aller etablierten/konkurierenden Parteien, denn ich kann bei der AFD keinen positiven Wortschatz erkennen. Die sexuelle Vielfalt ist keineswegs harmlos, ansonsten gäbe es keine so negative Statistik über den sexuellen Missbrauch in der Gesellschaft. Die ehrbare Sexualität, wie sie nur in der Wertschätzung des Kindes und nicht im technischen Orgasmus zum Ausdruck kommt, hat leider in allen Parteien nur einen Minderheiten-Status. Wie sollen denn die Eltern eine kindgerechte Aufklärung leisten können, wenn sie selbst mit der Verblendung der Begriffe zu ringen haben.

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