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Balderschwang

30.01.2019

Sind die Lawinen-Probleme hausgemacht?

So idyllisch kann es aussehen in Balderschwang. Doch vor zwei Wochen brach eine Lawine in ein Hotel ein und führte zu großem Schaden.
Bild: Ralf Lienert

Plus Seit langem scheitern Versuche, die Lawinengefahr zu verringern. Pläne, einen Schutzwald anzulegen, sind schon alt. Jetzt werden Vorwürfe laut.

Tickt die Uhr im Schutzwald oberhalb von Balderschwang rückwärts? So formuliert es zumindest ein Förster. Sind die Lawinen-Probleme also hausgemacht und hätte der schwere Schaden am Hotel Hubertus vor gut zwei Wochen vermieden werden können? In Forstkreisen gibt es Zustimmung zu dieser These. Die Pläne, oberhalb von Balderschwang Schutzwald zu schaffen, sind schon alt.

Fakt ist aber auch: Die Bergwald-Offensive hat ihre Bemühungen dort vor vier Jahren eingestellt – auf „Stand-by“. Sie tat nichts mehr, weil in Balderschwang Wild zu viel Schaden anrichtet; Geld für Neupflanzungen wäre Verschwendung, lautet die Argumentation.

Unsere Spurensuche beginnt im Grünen Zentrum in Immenstadt, wo Ulrich Sauter den Bereich Forsten des Landwirtschaftsamtes leitet. Er bestätigt, dass der Schutzwald-Aufbau in Balderschwang verschleppt worden sei: „Wir helfen Grundbesitzern, bieten Hilfe und forstliche Expertise an – aber die Leute müssen das auch annehmen.“ Sauter erinnert an das Lawinenunglück von 1954. Danach sei ein erstes Stück Schutzwald entstanden, weiß Klaus Dinser, seit Jahrzehnten fürs Schutzwald-Management im Allgäu zuständig.

Lieber Evakuierungsplan statt Aufforstung: Fehlt Grundeigentümern das Interesse?

Das Wasserwirtschaftsamt errichtete Lawinenverbauungen, die Sicherheit gewährleisten sollten, bis die neu gesetzten Bäumchen kräftig genug sind, die Schutzfunktion zu übernehmen. 30 Jahre dauert so etwas. 1974/1975 gab es Pläne von Forstamt und Wasserwirtschaft, den Schutzwald oberhalb des Ortes deutlich auszuweiten, sagt Dinser. Auch dort, wo jetzt die Lawine herkam, die das Hotel traf.

Damals hatten auch Grundeigentümer der Aufforstung zugestimmt. Doch das Projekt wurde nicht umgesetzt. Warum, weiß Dinser nicht. Zwischen 1995 und 2000 folgte wieder ein Anlauf. Doch die Grundeigentümer unterschrieben die neuen Pläne nicht. Hilferufe etwa von den Wasserwirtschaftlern ans Rathaus seien im Sand verlaufen, sagt Dinser. Und Sauter ergänzt: „Es fehlte am Interesse der Grundeigentümer und der Gemeinde.“ Stattdessen sei dann ein Evakuierungsplan entworfen worden.

Wo die lawinengefährdeten Bereiche bei Balderschwang liegen.
Bild: AZ-Infografik

Ein weiterer Anlauf folgte im Zuge der Bergwald-Offensive. Vergangenes Jahrzehnt investierte das Forstamt an der Sonnenseite oberhalb des Orts etwa 350.000 Euro in bestehende Waldgebiete. Es entstanden neue Verbauungen und Wege, es wurde gepflanzt und die Schutzfunktion verbessert.

Lawine in Balderschwang: Es gebe Lösungswege

Doch nur anfänglich gab es Verbesserungen. Als Problem macht Sauter den Wild-Druck aus. Er bilanziert: „Die Voraussetzungen für das Aufwachsen eines gesunden Bergmischwalds sind wegen der Jagdproblematik nicht gegeben.“ Als die Verbiss-Situation zeigte, dass kleine Bäumchen keine Chance haben aufzuwachsen, habe man die Arbeit eingestellt. Die Situation sei verfahren, sagt Sauter. „Voraussetzung für den Schutzwald in Balderschwang ist, das jagdliche Problem zu lösen.“

Dass sich so lange nichts geändert hat, liegt wohl wesentlich an den Eigentumsverhältnissen: Die Weiden gehören vielfach nicht den Menschen unten an der Straße. Grundeigentümer oben am Hang haben nichts von einem Schutzwald. Dagegen bringen Alpflächen um die 700 Euro pro Jahr und Hektar als Basis. Für Arbeiten wie das Schwenden gebe es weiteres Geld, heißt es im Forstamt. Die Behörde sieht sich machtlos. Man könne keinen Wiesen-Eigentümer zum Aufforsten verdonnern. Lösungsweg? Tausch, Kauf oder Pacht der Grundstücke.

Lawinenschutz: Stahl-Variante sei teuer und nicht schön

Dann bleibt immer noch die Frage, wie man neu gepflanzten Mischwald vor hungrigem Wild schützt. Es gibt Fälle, in denen das gut geklappt hat: etwa am Gaisberg. Dort waren die Bäumchen eingezäunt. Sauter und Dinser halten dies in Balderschwang mit Blick auf Fläche, Hang- und Schneelage für unmöglich.

Eine Alternative zu einer temporären Holz-Verbauung, die dem Wald 30 Jahre das Aufwachsen ermöglicht, wäre eine dauerhafte Stahl-Variante ohne Bäume. Keine schöne Lösung und doppelt so teuer. Für Landrat Anton Klotz ist klar: „Wir müssen das Thema Jagd in Balderschwang ganz anders bewerten.“

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