1. Startseite
  2. Bayern
  3. So lebt Deutschlands berühmtester Karikaturist Horst Haitzinger

80. Geburtstag

18.06.2019

So lebt Deutschlands berühmtester Karikaturist Horst Haitzinger

DSC_2847(1).jpg
4 Bilder
So sieht das aus, wenn sich Horst Haitzinger jeden Tag an seinen Schreibtisch setzt und aktuelle politische Vorgänge karikiert.
Bild: Ulrich Wagner

Plus Seit Jahrzehnten nimmt Horst Haitzinger die Politik und ihre Akteure aufs Korn. Zum 80. Geburtstag durften wir in sein Arbeitszimmer schauen.

Horst Haitzingers Tag beginnt eher spät. Er sagt von sich selbst, dass er im Vergleich zu anderen Berufstätigen Langschläfer sei. Mit dem Aufwachen geht der erste Griff zum Radio. Um 9 Uhr hört er die Nachrichten des Morgens. Er mag die klassischen Medien. Natürlich ist er intensiver Zeitungsleser. Die Informationsfluten aus dem Internet sind seine Sache nicht. In den nächsten Stunden wird er lesen und B5 aktuell hören – immer wieder Nachrichten, auf der Suche nach der vielleicht wichtigsten dieses Tages. Eine Nachricht, bei der er mit einer einzigen Zeichnung „ein kleines überschaubares Theaterstück konzipieren kann“, wie er sagt. Verbunden mit einer Geschichte, zu der er eine Haltung hat. Zu der er eine Metapher findet. Um dann einen weiteren Beleg dessen abzuliefern, was ihn zu einem der bedeutendsten Karikaturisten des Landes macht.

„Eheleben, Auto, Krankenhaus – das ist ein fast unerschöpflicher Fundus“, sagt Haitzinger. Aber auch die Welt der Märchen, Sagen und Fabeln, die biblischen Geschichten, deren Bilder ihn schon als Kind magisch angezogen haben, zieht er heran. Sein Problem ist: Die jüngeren Menschen können mit diesen Bildern oft nichts mehr anfangen. Horst Haitzinger läuft zu Hochform auf, wenn Tiere seine Hauptdarsteller parodieren.

Die Heimat des Oberösterreichers, geboren in Eferding bei Linz, ist seit Ende der fünziger Jahre München. Das Haus, in dem er in der 4. Etage wohnt, wurde vor 50 Jahren ursprünglich für Olympia-Funktionäre gebaut. Die saftig grünen Blätter der hoch gewachsenen Bäume versperren im Sommer den Blick auf hässlichere Wohnblöcke aus jener Zeit. Es sind nur ein paar Schritte bis zum Olympiapark. Unten in den gepflegten Anlagen vor dem Haus treffen wir frei laufende Zwergkaninchen. Eine kleine Naturoase am Rande Schwabings.

Bild: Horst Haitzinger

Irgendwann um die Mittagszeit zieht sich Horst Haitzinger zurück. Nach nebenan in die Nachbarwohnung, auf der gleichen Etage und nur über das Treppenhaus erreichbar. Bewusst haben er und Ehefrau Ilse auf eine direkte Verbindung verzichtet. Es ist Horst Haitzingers eigene kleine Welt.

Haitzingers Arbeitszimmer ist nur zehn Quadratmeter groß

Sein eigentliches Arbeitszimmer ist überschaubar und nur etwa zehn Quadratmeter groß. Vor dem Fenster steht der einfache Tisch, auf dem täglich seine Zeichnungen entstehen. Der Blick geht raus auf die Bäume, in denen Haitzinger, der Freund der Naturschützer, ab und zu die überraschend vielen hier heimischen Vogelarten zählt.

Ist es Zufall, dass wir an diesem Nachmittag auf eine besondere Zeichnung stoßen? Darauf steht links der New Yorker Freiheitsstatue das Wasser bis zum Hals, rechts sieht man ein Labor. Und darüber stehen „Klimakatastrophe“ und „Angst vor Genmanipulation“. Beides hochaktuell – aber die Zeichnung ist aus dem Jahr 1996. Haitzinger bewundert Greta Thunberg und die jungen Leute, die jetzt für den Klimaschutz protestieren. Seine Sorge ist: „Hoffentlich bleibt das kein Strohfeuer.“

Bild: Horst Haitzinger

Das Regal rechts vom Tisch ist voller Bücher. Dazwischen geklemmt steht das Faxgerät, mit dem er früher die Redaktionen mit seinen Karikaturen bedient hat. Inzwischen hat der bekennende Internetabstinenzler ein Zugeständnis gemacht. Er scannt seine Zeichnungen, wenn sie fertig sind, ein und verschickt sie per Mail. Seinen Auftraggebern zuliebe, sagt er. Davon gibt es noch immer viele, vor allem Tageszeitungen. Auch unsere Redaktion gehört dazu.

Auf die von Tochter Tanja betreute Internetseite www.horst-haitzinger.de haben er und Ehefrau Ilse noch keinen Blick geworfen. Das ist nicht ihre Welt. Als es weder Fax noch Mail gab, schickte Haitzinger Eilbriefe und gab allein für das Porto 1000 D-Mark im Monat aus. Und er musste so zeichnen, dass die Karikatur auch noch zwei Tage später ins Geschehen passte.

Links vom Tisch steht ebenfalls ein Regal, hoch bis unter die Zimmerdecke. Griffbereit hat Haitzinger hier all seine Karikaturen seit Anfang der 70er Jahre gesammelt. Sortiert nach Jahrgängen stehen sie nebeneinander und sind nur getrennt durch die dazugehörigen alljährlich erscheinenden Sammelbändchen mit einer Auswahl seiner besten Zeichnungen. Wenn er eine bestimmte sucht, heißt das, durch einen ganzen Jahrgang blättern zu müssen. Und der kann durchaus 300 Karikaturen enthalten. 300 Originale, 300 Ideen, 300-mal eine Haltung zu einem Thema.

Bild: Horst Haitzinger

Auf dem Tisch stehen verschiedene feine Pinsel und kleine Fläschchen mit Tusche. Dazu kommen die Bleistifte, mit denen Deutschlands führender Karikaturist seine Zeichnungen entwirft. Das braucht er nach wie vor. Wenn er mit dem Pinsel die Striche nachzieht, weicht er oftmals davon ab. „Das habe ich immer so gemacht.“ Also liegt irgendwo auch noch ein Radiergummi.

Haitzinger ist ein großer Verfechter der Schwarz-Weiß-Karikatur. Was nicht heißt, dass er nicht auch anders kann. 27 Jahre lang füllte er für die Bunte – frei von Vorgaben, was Inhalt und Haltung zu einem Thema betrifft – eine ganze Seite mit einem aufwendigeren bunten Aquarell. Alles was er tun musste: dienstags anrufen, wenn die Karikatur fertig war, damit der Bote sie holen konnte.

Und schon ist ein neues Exemplar aus der Werkstatt von Horst Haitzinger fertig.
Bild: Ulrich Wagner

Zur Lage der SPD hat er natürlich auch eine Meinung

An diesem eher nachrichtenarmen Tag hat sich Horst Haitzinger die unzähligen Kandidaten zum Thema genommen, die Schlange stehen für die Nachfolge der britischen Premierministerin Theresa May. Mittendrin mit seinem unverkennbaren Pilzkopf: der Brexit-Einpeitscher Boris Johnson. „Die reißen sich um diesen grauenhaften Job“, sagt er verwundert. Und fügt ironisch hinzu: „Denken Sie an unsere SPD, da will keiner.“

Früher brauchte Haitzinger zu seiner Arbeit bombastische klassische Musik. Er hörte bevorzugt Gustav Mahler und Anton Bruckner. Ehefrau Ilse war dann froh, wenn er drüben in seiner „Atelier“-Wohnung war. Heute findet er sehr viel in eher ruhiger Kammermusik von Franz Schubert.

Als Bub daheim in der Stadt Traun besuchte Haitzinger „nur“ die Volksschule („Ich war eine ziemliche Schul-Niete“) und dann in Linz eine Fachschule für Kunstgewerbe. Schon in der Kindheit konnte er seine „seelischen Bewegtheiten“ in Bildern sichtbar machen und verarbeiten. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg geboren, sind Haitzingers Erinnerungen dabei auch geprägt vom selbst erlebten Tod des Vaters. Der Gendarmerie-Beamte hatte den Russlandfeldzug überlebt, wurde aber dann zu Hause von einem Splitter getroffen.

Haitzinger wollte schon als Schüler mehr aus seinem Talent machen. Seine „wunderbare Mutter“ – er sagt, sie sei „amusisch“ gewesen – hat die Begabung zum Glück erkannt und den Sohn, der noch eine zehn Jahre ältere Schwester hatte, gefördert, wo es nur ging. In „aufwendigster Heimarbeit“, sagt Haitzinger, verdiente die Kriegerwitwe das Geld für dessen Ausbildung.

Schon als Kunstgewerbeschüler war er auch regelmäßiger Leser der legendären satirischen Münchner Wochenzeitschrift Simplicissimus, zu deren bekanntesten Zeichnern sehr früh der Norweger Olaf Gulbransson gehörte. Haitzinger, der nicht sein Leben lang nur Gebrauchsgrafiker sein wollte, sagte sich damals: „Auf das möchte ich heraus.“ Der Simplicissimus, 1896 gegründet, war in seiner besten Zeit eine satirische Zeitschrift, für die viele bekannte Zeichner, Schriftsteller und Journalisten arbeiteten. Weil Gulbransson auch an der Münchner Akademie der Bildenden Künste lehrte, meldete sich Haitzinger dort an. „Zu dem muss ich gehen“, sagte der damals erst 19-Jährige. So kam der Oberösterreicher 1958 überhaupt erst in die bayerische Landeshauptstadt. Sie sind sich nicht mehr begegnet. Als er in München ankam, war Gulbransson – längst an der Akademie emeritiert – gerade 83-jährig gestorben.

Während der junge Haitzinger nun Zeichen- und Malereiklassen besuchte, pflegte er den Kontakt zum Simplicissimus, der nach Gleichschaltung und späterem Einstellen durch die Nazis in den 50ern einen Neustart gewagt hatte. „Kiloweise“ trug Haitzinger seine Zeichnungen in die Münchner Redaktion zum damaligen Chefredakteur Otto Iffland. Und nachdem der ihm klargemacht hatte, worauf es ankommt, investierte der Student noch mehr in seine Zeichnungen und reduzierte die Texte auf das Notwendigste.

In seinem Atelier stapeln sich 17.000 Zeichnungen - genau weiß er es nicht

Daraus wurde sein Beruf. Jahrzehntelang arbeitete Haitzinger ausschließlich als freiberuflicher politischer Karikaturist. Die anderen grafischen Zeichen- und Maltalente ließ er ruhen. In seinem Regal und dem einen oder anderen Schrank im „Atelier“ stapeln sich vielleicht 17000 Zeichnungen, so genau weiß es Haitzinger nicht.

Die Nürnberger Nachrichten druckten sie als Erste ab. Das war für den Karikaturisten das erste richtig verdiente Geld. Unsere Redaktion folgte einige Jahre später. Dann bediente sich der Spiegel der Karikaturen. Zehn „Haitzinger“ schmückten auch Titelseiten. Für die Bunte hatte Haitzinger den Spezialauftrag so lange, bis die politischen Inhalte der Illustrierten endgültig den bunten Promigeschichten weichen mussten.

Mit Ehefrau Ilse: Die beiden wohnen unweit des Münchner Olympiaparks.
Bild: Ulrich Wagner

Horst Haitzinger wird am Mittwoch 80. Inzwischen ist er Urgroßvater. Wird man mit dem Alter gnädiger? „Ich mache tatsächlich nicht mehr alles, was eine Pointe ist.“ Ihm kommen häufiger Skrupel, etwas zu Papier zu bringen. „Ich überlege mir, was ist eigentlich die Konsequenz von dem, was du hier kritisierst?“ Denn Karikaturen haben auch die Macht, etwas auszulösen, 2005 etwa einen Sturm der Entrüstung in Teilen der muslimischen Welt. Die dänische Zeitung Jyllands-Posten hatte Mohammed-Karikaturen abgedruckt. 2010 entging Kurt Westergaard nur knapp einem Mordanschlag. Er hatte mit einem Mohammed als finsterem Terroristen mit Bombe im Turban zu den zwölf Karikaturen beigetragen.

Ein Rentnerdasein gibt es für Horst Haitzinger bisher nicht, aber er denkt über das Aufhören nach. Und er hat in den letzten eineinhalb Jahrzehnten wieder das Malen mit Öl für sich entdeckt. Dann zieht er sich an den Wochenenden auf seinen einsamen Hof in der Nähe von Schrobenhausen zurück und arbeitet an großformatigen Bildern, die immer wieder auch in Ausstellungen gezeigt werden. Zwei Tage des Aussteigens, an denen er sich – ganz anders als im aktuellen Geschäft – viel Zeit für seine Bilder nehmen kann. Manchmal dauert es ein Jahr und mehr, bis eins fertig ist, bis auch die kleinsten Fehler beseitigt sind und er mit einem neuen beginnen kann.

Mit der Kunst an sich hat Horst Haitzinger ein Problem 

Das Werk, in dem er offen Vorlagen, beispielsweise von Brueghel und Lenbach, parodiert und in eine scheinbar vergangene fantastische Welt abtaucht, umfasst deshalb gerade mal 16 Bilder. „Ob das ein künstlerisches Niveau hat, das muss ich der Beurteilung von anderen überlassen“, sagt er zurückhaltend.

Haitzinger hat sowieso Probleme mit der Kunst an sich. „Alles und nix ist Kunst“, sagt er. Er findet, dass der Begriff zu weit gefasst ist. Und nennt beispielhaft das massenhafte Aufstellen irgendwelcher Objekte oder bunter Figuren. Haitzinger grinst: „Der heilige Beuys ist da nicht unschuldig dran.“

Jeden Werktag zwischen 13.30 und 14.30 Uhr haben die Redaktionen eine Mail von Horst Haitzinger im Postfach. Dann hat er seinen Beitrag abgeliefert. Der restliche Tag gehört der Familie, wenn er nicht gerade Interviews geben muss. Oder es geht raus in die Natur. Und am nächsten Morgen um neun wird er wieder die Nachrichten hören.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren