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Entwicklung

06.06.2020

Sterben Bayerns Innenstädte? Experte: "Lebensgefühl wird leiden"

Wie wird Corona die bayerischen Innenstädte verändern? Forscher Alain Thierstein ist sich sicher: Die Folgen sind gravierend.
Bild: Jan Woitas, dpa

Plus Nur langsam kehren die Menschen in Bayerns Innenstädte zurück. Forscher Alain Thierstein ist sicher: Die Situation wird bei Stadtbewohnern Spuren hinterlassen.

Die Corona-Krise hat unendlich viele Beziehungen auf die Probe gestellt – private, politische, wirtschaftliche. Doch eine wird nachhaltigen Schaden davontragen, da ist sich Alain Thierstein sicher: die vom Menschen zur Stadt, oder genauer zur Innenstadt. „Das ist längst mehr als eine Schlechtwetterphase“, sagt Thierstein, Städteforscher an der Technischen Universität München (TUM). „Die aktuelle Situation wird in das Unbewusste des Stadtmenschen eindringen und sich dort festhaken. Diese Lebendigkeit und Leichtigkeit, die wir noch im Oktober in den Städten hatten, ist weg – und wenn dieses Vertrauen weg ist, bleibt es so. Für mindestens vier, fünf Jahre.“

Auch wenn sich gerade an sonnigen Tagen der Eindruck aufdrängt, in den Städten wimmele es wie vor Corona, ist die Situation von der Normalität tatsächlich noch gutes Stück entfernt. Das zeigen Daten des Kölner Start-ups Hystreet. Es misst per Laserscanner die Zahl der Passanten, die durch ausgewählte Einkaufsstraßen deutscher Innenstädte gehen. Seit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen am 21. März steigen die Passantenzahlen in ganz Bayern zwar wieder, oft aber nur schleppend. Das Niveau des Jahresbeginns, als es deutlich kälter war, erreichen die aktuellen Werte meist nicht. Ein Beispiel: Am Samstag, 1. Februar, waren in der Neuhauser Straße in München knapp 120.000 Menschen unterwegs. Am Pfingstsamstag, dem mit Blick auf Passantenzahlen lebhaftesten Tag seit Beginn der Corona-Krise, waren es rund 75.000.

Forscher Alain Thierstein: "Das Lebensgefühl in Städten wird leiden"

Augsburg, Ingolstadt oder Ulm haben sich etwas schneller erholt als das bei Touristen besonders beliebte München, sind aber immer noch weit von üblichen Passantenzahlen Anfang Juni entfernt. Städteforscher Thierstein geht davon aus, dass zumindest mittelfristig deutlich weniger Menschen in den Innenstädten unterwegs sein werden. „Vor fast allen Geschäften stehen Schlangen, jede Berührung wird als Bedrohung aufgefasst, manche Zonen sind gesperrt. Dadurch entsteht ein Gefühl des Unwohlseins, das sich mit jedem Tag verfestigt und Menschen zum Nachdenken bringt, ob sie überhaupt noch in die Stadt gehen sollen.“ Für Metropolregionen genauso wie für Kleinstädte gelte: „Das Lebensgefühl wird über Corona hinaus leiden.“

Ist das Virus, sind die Ausgangsbeschränkungen also dafür verantwortlich, dass die bayerischen Innenstädte aussterben? „Nein. Corona beschleunigt nur extrem Entwicklungen, die längst im Gange sind“, sagt Thierstein. Das Stichwort laute Strukturwandel. Er steht für den immer härteren Kampf des innerstädtischen Einzelhandels, sich zu behaupten - gegen die Konkurrenz aus dem Internet, aber auch gegen große Einkaufsflächen außerhalb. „Dass die Innenstadt-Lagen ausbluten, ist auch ein hausgemachtes Problem“, sagt der Städteforscher. „Diese Entwicklung hat großen Filialen, Bauunternehmen und Kommunen finanziell genutzt. Die einzigartige Lebendigkeit mancher Stadt hat man damit aber schon länger gekillt.“

Stadtentwicklung: Setzen sich Corona-Maßnahmen auch langfristig durch?

Lösungen, mit denen die Innenstädte neu belebt werden könnten, gibt es nach Thiersteins Ansicht durchaus. „Es geht darum, den öffentlichen Raum neu aufzuteilen“, sagt der Städteforscher und verweist auf eine Planungsphilosophie, die als „Shared Space“ („gemeinsam erfahrener Raum“) bezeichnet wird. Sie stammt aus den Niederlanden und fußt auf der Idee, dass sich alle Verkehrsteilnehmer - Fußgänger, Fahrrad-, Auto- und Busfahrer - gleichberechtigt im öffentlichen Straßenraum bewegen. „Schlaue Städte haben in der Corona-Krise Maßnahmen getroffen, die in diese Richtung gehen und sich beweisen werden.“ Er nennt Wien, Paris, Mailand oder Berlin, wo schon früh Autospuren in Fahrradwege umgewandelt wurden – eine Maßnahme, die nach längerem Zögern auch die Stadt München umgesetzt hat.

Eine wichtige Lebensader für die Innenstädte ist die Gastronomie. „Wenn ich in die Stadt gehe, möchte ich nicht nur zweckgebunden einkaufen, sondern auch einen Kaffee trinken oder ein Eis essen. Da geht es auch ums Gesehen-Werden“, sagt Thierstein. „Diese Kombination kleinerer Aktivitäten macht die Atmosphäre in einer Stadt aus, davon lebt sie.“ Umso gefährlicher könne laut Thierstein eine zweite Shutdown-Welle werden. „Dann werden sich viele Geschäfte nicht mehr über Wasser halten können. Und Leerstände, wie wir sie schon aus vereinzelten Städten kennen, sind kein Schreckgespenst mehr, sondern Realität.“

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