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Ursula Herrmann: qualvoll erstickt
30.05.2008

Ein Tonband überführte den mutmaßlichen Täter

Ein Tonband hat die Ermittler auf die Spur des Tatverdächtigen gebracht.

Fast 27 Jahre nach dem Verbrechen an Ursula Herrmann sind die Ermittler fest überzeugt, mit dem 58-jährigen Werner M. den Entführer gefasst zu haben. Ein Tonbandgerät brachte die Ermittler auf die Spur des Tatverdächtigen. Von Peter Richter

Fast 27 Jahre nach dem Verbrechen sind die Ermittler fest überzeugt, mit dem 58-jährigen Werner M. den Entführer der zehnjährigen Ursula Herrmann gefasst zu haben.

"Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist der Verdächtige der Täter", sagte gestern Leitender Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz in Augsburg auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Spitze des bayerischen Landeskriminalamtes.

Sie gaben sich gegenseitig ein Alibi

Auch gegen die Ehefrau des Festgenommenen sowie gegen ein Pärchen wird wegen des Verdachts der Mittäterschaft ermittelt. Alle drei sind jedoch weiter auf freiem Fuß. Insgesamt drei Personen hatten Werner M. im Oktober 1981 ein Alibi für die Tatzeit gegeben, nachdem er bereits vier Tage nach der Entdeckung der Kindsleiche zum Kreis der Tatverdächtigen gehört hatte.

Der Beschuldigte, über dessen Festnahme gestern unsere Zeitung exklusiv berichtete, bestreitet die Tat. Er sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Mit Walter Rubach hat er sich einen Augsburger Rechtsanwalt genommen.

Vor rund 40 Journalisten, zahlreichen Radio- und TV-Teams wies Nemetz auf eine "Fülle" von Indizien hin, die Werner M. belasten würden. Mit Rücksicht auf noch laufende Ermittlungen wollte er jedoch nicht alle preisgeben.

Ein wichtiges Indiz ist laut Staatsanwaltschaft ein altes Tonbandgerät der Marke Grundig. Das Spulengerät, das bereits im Oktober vorigen Jahres am Wohnort des 58-Jährigen, dem kleinen Hafenstädtchen Kappeln an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste, beschlagnahmt worden war, zeichnet sich laut Gutachten durch einmalige Charakteristika bei Bandaufzeichnungen aus. Mit diesem Gerät wurden demnach jene neun Erpresseranrufe abgespielt, die nach der Entführung der kleinen Ursula am 15. September 1981 bei der Familie Herrmann eingingen.

Zwar hatte der Anrufer jedes Mal geschwiegen. Doch als Erkennungszeichen lief, wie zuvor in zwei Briefen angekündigt, der Signalton des Verkehrsfunks von "Bayern 3". Die Polizei hatte damals die Anrufe mitgeschnitten. Ihre Aufzeichnungen weisen die gleichen Charakteristika auf wie neue Vergleichsaufnahmen mit dem beschlagnahmten Gerät.

Die Familie hatte sich beim letzten Anruf bereit erklärt, das geforderte Lösegeld von zwei Millionen zu zahlen, aber zuvor ein Lebenszeichen von ihrer Tochter verlangt. Der Erpresser meldete sich daraufhin nicht mehr. Vermutlich wusste er da, dass das entführte Mädchen längst tot war - qualvoll erstickt in einer in den Waldboden eingelassenen Kiste, die der Erpresser als Gefängnis ausgebaut hatte. Doch nasses Laub verstopfte die Belüftungsrohre, weshalb Ursula Herrmann wenige Stunden nach ihrer Entführung bereits tot war.

Werner M. hatte wie Ursula Herrmann in Eching am Ammersee gelebt - nur 250 Meter Luftlinie von ihrem Elternhaus entfernt. Beide Familien kannten sich. Seine frühere Ehefrau hatte eine Zeit lang bei der Familie Herrmann geputzt. Und Ursula Herrmann und die Tochter des Tatverdächtigen kannten sich vom Spielen.

Werner M., in der Stadt Oberhausen im Ruhrgebiet als Sohn eines Polizisten geboren, zog Anfang der 70er nach Bayern an den Ammersee. In Utting betrieb er eine Zeit lang eine Werkstatt, die Radios und Fernseher reparierte. Der damals schon vollbärtige, groß gewachsene Mann war noch Anfang der 80er kurz nach dem Verbrechen aus Eching weggezogen. Er ließ sich später an der Ostseeküste nahe der dänischen Grenze nieder. Dort betreibt er seither ein Geschäft für Bootszubehör.

Wie Staatsanwaltschaft und LKA gestern deutlich machten, war der heute 58-Jährige trotz einer Vielzahl von Spuren von Anfang an "Hauptverdächtiger" gewesen. Mehrmals war er 1981 und 1982 verhört worden, doch hatte man ihm nichts beweisen können. Als dabei sein Name in die Presse geriet, erhob er seinerseits schwere Vorwürfe gegen die Fahnder und bezichtigte sie "unsauberer Methoden".

Durch einen anonymen Hinweis, der vier Tage nach dem Leichenfund beim LKA einging, war die zur Aufklärung des Verbrechens eingesetzte Sonderkommission auf ihn aufmerksam geworden. Und Monate später gestand ein Freund von Werner M. der Polizei, er habe in dessen Auftrag im Waldstück "Weingarten" eine große Grube ausgehoben. Doch als er den Ermittlern die Stelle zeigen sollte, widerrief der Zeuge seine Aussage und nannte sie eine "Erfindung".

Obwohl es weitere Zeugen gab, die ihn mehrmals mit seinem Mofa hatten in das Waldstück fahren sehen, stets mit einem Spaten, genügten den Fahndern diese Hinweise nicht, um Werner M. festzunehmen. Inzwischen ist dieser Zeuge verstorben.

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