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Corona-Krise

07.05.2020

Verrückte Zeiten für Bahnfahrer: Eine Reise quer durch Corona-Bayern

Mit Mundschutz und Handschuhen am Bahnsteig: Zugreisende sind in diesen Tagen nicht zu beneiden. In den Regionalzügen gilt eine Maskenpflicht, im Fernverkehr allerdings noch nicht.
Bild: Laurie Dieffembacq, dpa

Plus Wer kann, nimmt in diesen Tagen das Auto. Doch viele sind auf den Zug angewiesen. Bahnfahren, das ist jetzt ein bisschen befremdlich, vor allem aber ganz anders.

Die Frau im dunkelroten Anorak hat Pech gehabt. Gerade ist sie in die S-Bahn Richtung München gestiegen und sucht, durch die Gänge schlurfend, einen guten Platz. Gut heißt momentan: weit weg genug von allen anderen. Doch es ist kurz nach halb acht an diesem grauen Maimorgen, Pendlerzeit, und inzwischen hat in jeder der Vierer-Sitzgruppen jemand Platz genommen. Also setzt sich die Frau mit grauem Haaransatz – sie mag Ende 50 sein – zu einem etwa gleich alten Mann, der ein Buch liest. „Tut mir leid, aber ich stehe heute in der Arbeit noch lange genug“, sagt sie, und es klingt, als wolle sie sich entschuldigen. „Aber Sie schauen ja noch ganz gesund aus.“ Der Mann rutscht ein Stück weg und antwortet: „Das werden Sie dann schon sehen.“ Ob er es als Witz meint oder schroff, bleibt sein Geheimnis, verborgen unter einer blau-weiß gestreiften Stoffmaske.

Bahnfahren – ebenso wie die Sache mit dem Humor – war schon mal einfacher. Es verkompliziert sich, frei nach Jean-Paul Sartre, momentan durch das Vorhandensein des anderen. Infektionsketten müssen gebrochen und Abstände gehalten werden. Wie funktioniert das im Zug – einem Verkehrsmittel, das ja gerade darauf ausgelegt sind, so viele Menschen wie möglich auf so wenig Platz wie möglich zu transportieren? War Reisen auf Gleisen noch nie so entspannt – oder noch nie so beklemmend? Fragen, die um 7.14 Uhr in Geltendorf mit in die S-Bahn steigen. Das Ziel: zehn Stunden Bayern im Zug.

In der S-Bahn ist es selbst um diese Zeit gespenstisch ruhig

Die S-Bahn-Linie 4 beginnt in Geltendorf, der Bahnhof ist deshalb ein wichtiger Knotenpunkt für den Verkehr von und nach München – gerade zu Stoßzeiten. Jetzt wäre so eine Stoßzeit. Aber die S-Bahn, die gerade losfährt, ist faktisch leer. Ein gutes Dutzend Menschen hat sich auf drei Wägen verteilt, viel mehr Abstand geht nicht. Doch der halbiert sich mit jeder Station, die die S-Bahn weiter Richtung Landeshauptstadt fährt.

Ohne dass es dafür einer Durchsage bedurft hätte, setzt sich fast ein jeder einzeln ans Fenster einer Vierer-Sitzgruppe, den Blick in die Fahrtrichtung – eine Symmetrie gesenkter Köpfe, so ästhetisch wie befremdlich. Nach 20 Minuten steigt ein Schwung neuer Leute ein, die Frau im dunkelroten Anorak nimmt Platz. Die S-Bahn wird voller – und doch bleibt es gespenstisch ruhig. Keine Telefonate, keine Musik, nur vereinzelte, genuschelte Gespräche. Ab und zu rauscht in der Gegenrichtung ein Zug vorbei.

"Mund und Nase bedecken!". So steht es in Deutsch und Englisch auf einem Schild an einem Waggon der Münchner U-Bahn.
Bild: Lino Mirgeler, dpa

Je länger die Fahrt dauert, desto aufmerksamer wird die vermummte Fahrgemeinschaft. Jeder ist zwar irgendwie vertieft, in das Smartphone, eine Zeitung oder einen Gedanken. Doch nimmt man es sonst gleichgültig hin, wenn sich nebenan jemand setzt, laufen nun zigfach und parallel Musterungsprozesse ab. Jeder und jede ist verdächtig, Corona-verdächtig, mit Potenzial zum Lebensgefährder.

Wer weiß schon, wann sich diese Frau das letzte Mal die Hände gewaschen hat. Wie gut der Mann gegenüber auf Hygiene-Tipps achtet, wenn er sogar durch die Mundschutzmaske streng riecht. War das gerade noch ein Räuspern oder schon ein Husten? Auf der digitalen Werbetafel über dem Gang ploppt eine Anzeige auf: „Es gibt immer noch viel zu lachen.“ Man bekommt so seine Zweifel.

Hauptsache raus aus dem Zug. Abstand? Egal!

Die S-Bahn gräbt sich in den Untergrund. Nächste Station: München, Hauptbahnhof. Viele steigen aus, drängen sich dicht an dicht aus der S-Bahn und anschließend über die Rolltreppe nach oben. Abstand? Egal. Hauptsache raus – und das hat tatsächlich etwas Befreiendes.

Nirgendwo auf dieser Reise wird die Entschleunigung so sichtbar wie am größten Bahnhof Süddeutschlands. In der Halle des Bahnhofs, der gerade im großen Stil umgebaut wird, surren die Entlüftungsanlagen der ICE-Züge dumpf vor sich hin. Sonst herrscht Ruhe, nur vereinzelt unterbrochen von den hallenden Durchsagen, man möge Mundschutz tragen und Abstand halten. Vor den geöffneten Bäckereiständen, üblicherweise hoch frequentiert: gähnende Leere. Ein paar Tauben flattern vorbei und nähern sich zaghaft den wenigen Menschen, die Platz genommen haben. Die Bahnhofshalle – ein Mikrokosmos, der seine Verschnaufpause zu genießen scheint.

Leere am Münchner Hauptbahnhof.
Bild: Sven Hoppe, dpa (Symbolbild)

450.000 Menschen aus der ganzen Welt steigen an normalen Tagen am Münchner Hauptbahnhof ein, um und aus. Corona macht aus einer abstrakten Masse wieder viele Einzelne. Hier zwei adrett gekleidete Bahnmitarbeiter, dort ein älterer Herr mit abgewetztem Trenchcoat, zotteligem Haar, Einkaufswagen und natürlich Mundschutz. Damit sich alle an die Regeln halten, sind auffällig viele Sicherheitskräfte und Polizisten unterwegs. Die Beamten kontrollieren Menschen, durchsuchen Taschen, checken Personalien. War das davor schon so oder fällt es jetzt nur deutlicher auf?

Pendler, die früher durch halb Deutschland reisten, schätzen jetzt die Videokonferenz

Es ist kurz vor 10, der ICE mit Endstation Berlin wartet schon. Gut 500 Kilometer Luftlinie und im besten Fall knapp vier Stunden Fahrt liegen zwischen der bayerischen und der deutschen Hauptstadt. Ein Exempel von Mobilität, wie sie bis Ende März selbstverständlich war. Mobil sein heißt frei sein. Viele Wochen hat die Sorge vor Corona diese Gewissheit überlagert. Sie wieder zu erleben, als der ICE langsam antrabt und kurz darauf mit über 250 Stundenkilometern gen Norden rauscht, fühlt sich an wie ein Stück Normalität. Eines, das man aktuell neu wertschätzen lernt und doch für manche bald überflüssig sein dürfte.

Einer der vielen Bewusstseinsprozesse, die Corona ausgelöst hat, betrifft auch das Reisen. Viele Berufstätige, die sonst im Fernverkehr über große Distanzen pendeln, haben sich ins Homeoffice verschanzt – und merken dort, dass es funktioniert. Wozu also künftig einmal quer durch halb Deutschland reisen, wenn es eine Videokonferenz auch tut? Es wäre schade, irgendwie. Auch, weil man sonst im Bordrestaurant so spannende, so unterschiedliche Menschen treffen kann. Jetzt, im ICE Richtung Berlin, teilt man den Raum nur mit rot überzogenen Sitzbänken und leeren Tischen. Die Bistro-Leiterin, ein unterbeschäftigtes Ein-Frau-Team, legt kommentarlos ein blaues Tütchen mit Schokolinsen auf den Tisch. „Lieblingsgast“ steht darauf. Eine große Auswahl gibt es ja auch nicht.

Zurück am Platz, diskutiert die Kontrolleurin mit einem Mann gegenüber. Er versteht offensichtlich kein Deutsch. Die stämmige Frau mit Uniform und kurzen, roten Haaren deutet auf dessen Smartphone herum und versucht es auf Englisch: „Supersparpreis only for this train, not for this.“ Der Supersparpreis gilt nur für einen anderen, nicht aber für diesen Zug. „That’s not good“, gut sei das nicht, sagt die Kontrolleurin, richtet noch einen mahnenden Blick an den Sünder und geht weiter. Gnade vor Recht, die Corona-Version. Doch noch eine schöne, persönliche Begegnung.

An der zweiten Haltestelle des ICE zeigt der Mundschutz eines jungen Mannes, wo man gelandet ist. Fein drapiert windet sich ein Fan-Schal um sein Gesicht. Vor dem Mund, dort, wo es am besten sichtbar ist, prangt das dunkelrote Logo des 1. FC Nürnberg. Man bekundet Zuneigung in diesen Tagen, wo und wie man kann. Ein älteres Ehepaar verabschiedet sich am Gleis mit einem Kuss, Maske auf Maske.

Auch am zweitgrößten Bahnhof Bayerns sind aus den vielen Menschenströmen zwischen den Gleisen an der Oberfläche, den Bahnröhren im Untergrund und der Stadt kleine Rinnsale geworden. Einen Hauch von Normalität suggeriert ein junger Mann, der höflich um einen Euro bittet (er hat sein Bahnticket verloren, natürlich). Auch den Mann mit asiatischen Gesichtszügen, der sich vor einem Modelleisenbahn-Automaten fotografiert, hätte man bis zu Beginn der Pandemie wohl dort erwartet. Aber jetzt? Ist der Mann die Ausnahme schlechthin. Kein Bundesland ist bei deutschen und ausländischen Touristen so beliebt wie Bayern. Man hat sich an Reisegruppen und -rucksäcke gewöhnt; auch daran, hier und da eine exotisch klingende Sprache aufzuschnappen. Übrig ist davon nichts mehr. So häufig man sich darüber ärgert, deswegen keinen Platz mehr im Zug zu finden – die Reiseerfahrung wird dadurch ärmer. Und man versteht, wie sehr die Tourismusbranche in Bayern und darüber hinaus momentan leiden muss.

Ein letztes Mal: Jetzt bloß nicht dem anderen zu nahe kommen!

Besonders beliebt bei Touristen, da oft allzu klischeehaft mit Bayern assoziiert, sind die Alpen, Füssen, Schloss Neuschwanstein. Ein Weg dorthin führt von Nürnberg aus über Augsburg. Es ist kurz nach 13 Uhr, als der Regionalexpress losfährt. Draußen ein stinknormaler Frühlingstag, nicht zu warm, nicht zu kalt. Kleine und große Dörfer, Fußballplätze und weitläufige Grünflächen ziehen vorbei, ab und an auch ein Radfahrer. Unterhaltung in einer ihrer ursprünglichsten Formen. Drinnen hat sich die Schaffnerin nach einem Proforma-Kontrollgang in die erste Klasse zurückgezogen und spielt gelangweilt auf ihrem Smartphone. Umstieg in Augsburg.

In der Regionalbahn Richtung Füssen haben zwei Frauen mit Sicherheitsabstand Platz genommen, scheinbar Arbeitskolleginnen auf dem Weg nach Hause. Sie unterhalten sich munter, über dies und das und auch darüber, wie angenehm ruhig der Weg in die Arbeit momentan doch sei. „Die ganzen Kinder und Asiaten – ich bräuchte sie nicht.“ Ihre Gesprächspartnerin stimmt zu. „Jetzt laufen halt wir mit den Masken herum.“

 

Letzter Umstieg Kaufbeuren, von dort geht es mit der Regionalbahn zurück nach Geltendorf. Wer hier drinsitzt, so scheint es, hat einen Arbeitstag hinter sich. Auf den wenigen Millimetern zwischen Augen und Masken haben sich die Anstrengungen der vergangenen Stunden, vielleicht auch der vergangenen Tage und Wochen eingegraben. Kurz vor dem Ausstieg wird allen noch einmal ein Akt der Aufmerksamkeit abverlangt: Jetzt bloß nicht dem anderen zu nahe kommen, bloß nicht an einen der Griffe fassen! Wer weiß.

Um 17.36 Uhr, der Zug war wie alle anderen pünktlich, endet die Reise. An der Haltestelle vor dem Bahnhof wartet ein weißer Linienbus, gebaut, um 50 Personen von A nach B zu bringen. Jetzt ist er leer. Auf seiner Anzeige steht in grüngelben Lettern: Pause.

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