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Lindau

14.02.2020

Vom Stiefvater getötet: Kalinkas Mörder soll vorzeitig frei kommen

Die 14-jährige Kalinka, eine Französin polnischer Abstammung, ist 1982 im Haus ihrer Mutter und ihres Stiefvaters in Lindau getötet worden.
Bild: privat, dpa

Plus Kalinka wurde vor 40 Jahren umgebracht. Der Täter will nach seiner Haftentlassung zurück nach Deutschland - unvorstellbar für den leiblichen Vater des Mädchens.

Er ist ein gebrochener Mann. Doch wenn er spricht, dann wirkt André Bamberski gefasst. Für den 82-Jährigen geht es noch einmal um alles. Fast 40 Jahre ist es her, dass seine Tochter Kalinka tot in ihrem Bett in Lindau lag. 30 Jahre hat es danach gedauert, bis der Mann, der das Mädchen umgebracht hat, in Frankreich hinter Gitter kam. Doch nun soll Dieter Krombach wieder freikommen. Vorzeitig entlassen aus gesundheitlichen Gründen. Für Bamberski ein Schlag ins Gesicht.

Kalinkas Mörder sitzt seit zehn Jahren in Frankreich im Gefängnis

„Ich bitte Sie, diese Anerkennung zu verweigern“, steht in dem Brief, den Bamberski an die Staatsanwaltschaft in Kempten geschrieben hat. In dem Schreiben führt er Gründe auf, warum Dieter Krombach nicht vorzeitig entlassen werden darf. Eine verzweifelte Anhäufung von Gesetzesparagrafen, mit denen sich Bamberski längst so gut auskennt wie einer, der Jura studiert hat.

Sein halbes Leben hat sich der Franzose mit Gesetzen beschäftigt, zunächst mit deutschen, dann mit französischen. Und jetzt wieder mit deutschen. Denn gegen den Mann, der 1982 in Lindau seine Tochter Kalinka umgebracht hat, wurde zunächst in Deutschland ermittelt. Später wurde ihm in Frankreich der Prozess gemacht. Dort sitzt er seit zehn Jahren im Gefängnis.

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Damit er aus gesundheitlichen Gründen freikommen kann, bedarf es aber wieder der Zustimmung der deutschen Behörden. „Die Staatsanwaltschaft Kempten ist zuständig, weil er hier seinen letzten Wohnsitz hatte“, erklärt Oberstaatsanwältin Susanne Fritzsche. „Er wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt. Das ist sowieso schon wenig für das, was er getan hat“, sagt André Bamberski am Telefon. Er spricht sehr langsam. Sein Englisch ist gut, der französische Akzent dominant.

Andre Bamberski, der leibliche Vater von Kalinka Bamberski, kämpft um Gerechtigkeit.
Bild: Yoan Valat, dpa (Archiv)

Der 82-Jährige kennt die meisten Prozessakten im Fall Krombach in- und auswendig. Er hat Dossiers angehäuft und über die Jahre mehrere Anwälte verschlissen. Alles im Namen seiner Tochter, die am 10. Juli 1982 unter mysteriösen Umständen in Lindau gestorben ist. Es ist eine Geschichte voller ungelöster Rätsel, Skandale, Emotionen und Obsession, die in einem der spektakulärsten Fälle von Selbstjustiz der vergangenen Jahrzehnte mündet. Bamberskis Leben seit dem Tod seiner Tochter wirkt so fiktional, dass dessen Verfilmung vor einigen Jahren nur folgerichtig scheint.

Stiefvater hat Kalinka vergewaltigt und umgebracht

Nach der Trennung von André Bamberski zieht Kalinkas Mutter mit dem Mädchen von Frankreich zum neuen Lebensgefährten nach Lindau. Dort wohnen sie mit dem Arzt Dieter Krombach und dessen zwei Kindern. Nach außen eine glückliche Patchworkfamilie, bis Kalinka eines Morgens tot im Bett liegt. Für André Bamberski ist bald klar, wer die Verantwortung dafür trägt. Er ist davon überzeugt, dass Dieter Krombach seine Stieftochter vergewaltigt und umgebracht hat.

Tatsächlich verdichten sich die Hinweise darauf. An der Leiche Kalinkas finden sich Einstichspuren einer Kanüle, ihre Genitalien weisen Verletzungen auf. Vieles deutet darauf hin, dass Krombach Kalinka betäubt hat, um sie zu missbrauchen. Und dass das Mädchen die Betäubung nicht überlebt hat. Jahre später wird Krombach in einem ähnlichen Fall schuldig gesprochen. Er hatte eine minderjährige Patientin in seiner Praxis betäubt und vergewaltigt. Sein Sperma überführt ihn

Was nach Kalinkas Tod Anfang der 1980er-Jahre passiert, ist eine heute nicht mehr nachvollziehbare Schlamperei von Behörden und Justiz: Der Pathologe lässt Krombach an der Obduktion Kalinkas teilhaben, die Genitalien des Mädchens verschwinden spurlos. 1987 wird das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt, gegen Krombach wird keine Anklage erhoben. Trotz internationalem Haftbefehl liefern ihn die deutschen Behörden nicht nach Frankreich aus. Dort wird er 1995 in Abwesenheit wegen fahrlässiger Tötung zu 15 Jahren Haft verurteilt. Dieses Urteil hat jedoch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte keinen Bestand.

Weitere Jahre vergehen, das Verbrechen droht zu verjähren. André Bamberski beschließt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. 2009 lauern drei Männer Dieter Krombach vor seinem Haus in Scheidegg im Landkreis Lindau auf. „Ich wollte in mein Auto einsteigen, als drei Männer über mich hergefallen sind“, verliest die Vorsitzende Richterin später die Aussage Krombachs. Die Männer hätten ihn geschlagen und ins elsässische Mühlhausen gebracht. Dort hätten sie ihn gefesselt und geknebelt auf einen Gehsteig geworfen. Die französische Polizei findet Krombach nach einem anonymen Anruf und nimmt ihn fest. Ein Gericht in Paris verurteilt ihn in einem zweiten Prozess, fast 20 Jahre nach dem Verbrechen an Kalinka Bamberski, zu 15 Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Für die französischen Richter ist erwiesen, dass Krombach seine Stieftochter vergewaltigen wollte und ihr dafür Beruhigungsmittel sowie eine tödliche Spritze verabreichte. Im Verfahren gegen Krombach erklärt die Staatsanwaltschaft, dass es ohne die Entführung nie einen Prozess gegeben hätte. Das ändert allerdings nichts daran, dass sich André Bamberski wegen seiner Selbstjustiz selbst vor Gericht verantworten muss. Weil er an der Entführung Krombachs beteiligt war, bekommt er eine Bewährungsstrafe.

Der leibliche Vater kämpft weiter um Gerechtigkeit

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein. Doch Krombach gibt sich nicht geschlagen, er beteuert bis heute seine Unschuld. Er reicht Klage ein beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Durch seine Verurteilung in Frankreich sehe er sein Recht verletzt, wegen derselben Strafsache nicht zweimal vor Gericht gestellt zu werden. Erst vor zwei Jahren weisen die Richter in Straßburg diese Klage ab. Bamberski sieht sich in seiner Selbstjustiz bestätigt. Doch Krombachs Anwalt kämpft an mehreren Fronten. Seit mehr als drei Jahren beantragt er die vorzeitige Haftentlassung seines Mandanten aus gesundheitlichen Gründen. Gutachten bestätigen einen Herzfehler. Er wolle nicht in Frankreich sterben, sagt Krombach. Auch dieses Verfahren zieht sich in die Länge. Hatte ein Gericht im französischen Melun bereits im Dezember 2016 grünes Licht gegeben, wurde die Haftentlassung nach einem Berufungsantrag der Staatsanwaltschaft wieder abgelehnt. Nun hat das Strafvollzugsgericht in Melun nach Expertengutachten im Oktober erneut eine vorzeitige Haftentlassung angeordnet.

Wie es aussieht, wird der mittlerweile 84-jährige Krombach in den kommenden Tagen oder Wochen entlassen und nach Deutschland zurückkehren. Bamberski sagte das keiner. Die Gerichte verweigern ihm die Auskunft. André Bamberski hat auch mit 82 Jahren nicht vor, den Fall Kalinka zu den Akten zu legen. Da hilft es auch nichts, dass Krombachs Haftzeit im April ohnehin zu Ende gehen würde, weil es in Frankreich einen automatischen Strafnachlass gibt für Häftlinge, die sich im Gefängnis nichts zuschulden kommen lassen.

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