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München-Solln

11.09.2019

Vor zehn Jahren starb Dominik Brunner - weil er vier Schüler beschützt hat

München, S-Bahnstation Solln: Diese Gedenktafel erinnert an den 2009 getöteten Geschäftsmann Dominik Brunner.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Plus Vor zehn Jahren bewies Dominik Brunner Mut - und bezahlte mit dem Leben. Was Zivilcourage heute bedeutet und wie Männer aus Kempten vier Räuber stoppten.

Christian Albrecht blickt vom Bahnsteig aus nachdenklich auf das gegenüberliegende Gleis am S-Bahnhof München-Solln. „Dort passierte es“, sagt er. „Ich erinnere mich noch an diesen Tag, wir waren mit der S-Bahn zum Einkaufen in die Innenstadt gefahren.“ Drüben auf der anderen Seite ist nicht viel zu erkennen, das an den Gewaltexzess von damals erinnert. Da ist nur eine Metallplakette. Auf der Vorderseite steht: „Dominik Brunner. † 12. September 2009“. Dazu sieht man ein Foto des Managers, der an diesem Tag starb, weil er sich schützend vor vier Schüler stellte. Und damit gegen zwei aggressive junge Männer, die – anfangs im Bunde mit einem Dritten – die 13- bis 15-Jährigen bedroht, geschlagen, getreten und erpresst hatten. Es kam zu einer Schlägerei und heftigen Tritten gegen den Kopf des schon am Boden liegenden Mannes. Wenig später starb das Vorstandsmitglied des niederbayerischen Ziegelherstellers Erlus im Klinikum Großhadern.

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Ein Gedenkstein erinnert an den Tod von Dominik Brunner

Der S-Bahnhof von Solln ganz im Süden Münchens mit seinen zwei Gleisen ist so schmucklos wie viele S-Bahnhöfe in der Landeshauptstadt. Ins Auge sticht aber die kleine Gedenkstätte mit den drei Metallfiguren und einer weiteren Tafel, die ebenfalls an den Tod Brunners erinnert. Das Ganze befindet sich aus Platzgründen in der Nähe des anderen Gleises – nicht an jenem, an dem die Tat letztlich passierte.

Christian Albrecht und seine Kinder Margarete und Theodor stehen gerade an der Gedenkstätte. „Damals, als wir aus der Stadt zurückkamen, wies auch nichts auf die Tat hin, die kurz vorher passiert war“, erinnert er sich. Erst wenig später habe er davon erfahren. „Das war unfassbar für uns.“

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Ob er ähnlich gehandelt hätte wie Dominik Brunner? Eine mehr als schwierige Frage. Wieder wird Christian Albrecht, Vater von insgesamt vier Kindern, nachdenklich. „Man hofft es, dass man in einer solchen Situation mutig ist.“

Eines ist gewiss: Dominik Brunner hatte damals sehr großen Mut. Bewundernswerten Mut. Mut, den er mit seinem Leben bezahlen musste. Was genau war da passiert?

Die Tat mit ihren tödlichen Folgen nimmt an jenem Samstag vor zehn Jahren am viel weiter nördlich in der Innenstadt gelegenen S-Bahnhof Donnersbergerbrücke ihren Ausgang. Zwei 17-Jährige und ein 18-Jähriger stoßen dort nach einer durchzechten Nacht zufällig auf zwei Mädchen im Alter von 13 und 14 Jahren, die mit zwei Jungen (14 und 15) auf dem Weg zum Bowlen unterwegs sind. Die 13-jährige Realschülerin erinnert sich später, dass die Älteren Geld verlangten – 15 Euro. Sonst werde es Schläge geben.

Das Grab von Dominik Brunner: Er hatte sich in einer Münchener S-Bahn schützend vor angegriffene Jugendliche gestellt und wurde daraufhin brutal niedergeschlagen.
Bild: Armin Weigel/Archiv (dpa)

Einer der 17-Jährigen macht seine Drohung wahr. Es gibt einen Schlag ins Gesicht des einen Schülers und einen Tritt gegen den Oberschenkel des anderen. Dann fährt die S6 in Richtung Tutzing ein und der Schläger verlässt mit ihr den Ort des Geschehens. Die beiden verbliebenen Aggressoren und die vier Jugendlichen steigen wenig später in die S7 in Richtung Wolfratshausen. In dieser S-Bahn sitzt Dominik Brunner, 50.

Dominik Brunner verständigte die Polizei, die Täter interessierte das wenig

Im Zug provozieren der damals 18-jährige Markus S. und der 17-jährige Sebastian L. die Jüngeren weiter. Die Lage spitzt sich zu, die Drohungen werden immer heftiger. Nun schreitet der danebensitzende Brunner ein. Er fordert die beiden Teenager auf, die Jüngeren in Ruhe zu lassen. Die 13-Jährige sagt später aus, dass auch „eine Frau Zivilcourage gezeigt habe“. Brunner bietet den vier Jugendlichen an, unter seinem Schutz mit ihm in Solln auszusteigen. Zwei Stationen vor Solln ruft er auch noch – für die Täter gut hörbar – die Polizei an und teilt den Beamten mit, wo er mit seinen Schützlingen aussteigen werde. Doch Markus S. und Sebastian L. beeindruckt das wenig. Stattdessen verhöhnen sie nun auch ihn.

In Solln verlassen Brunner und die vier Jugendlichen schließlich die S-Bahn, die beiden Täter kommen hinterher. Brunner ahnt, dass sich die Sache zuspitzt. Er ruft dem Zugführer noch zu: „Hier passiert gleich etwas.“ Dann zieht er sich die Lederjacke aus, stellt seine Tasche ab und baut sich „tänzelnd und in Boxerhaltung“, wie es später vor Gericht heißt, schützend vor den vier Jugendlichen auf. Als ihn die beiden jungen Männer angreifen wollen, stößt Brunner Markus S. weg und versetzt ihm einen Faustschlag ins Gesicht, was das Gericht als Notwehr einstuft.

Die Burschen treten auf Brunners Kopf ein

Die beiden Täter ziehen sich kurz zurück und beraten sich über eine erneute Attacke. Markus S. klemmt einen Schlüssel zwischen zwei Fingern seiner Faust ein, um ihn als Waffe zu gebrauchen. Dann gehen die jungen Männer erneut auf den 50-Jährigen los. Dieser kann sich zwar noch eine Weile verteidigen, gerät dann aber an einer Ecke ins Straucheln, stürzt und schlägt mit dem Kopf auf.

Die Burschen treten weiter auf Brunner ein. Einer aus der Gruppe der vier Jugendlichen versucht, Sebastian L. wegzuziehen. Dieser kommt offenbar zur Besinnung und fordert seinen Freund auf, die Sache zu beenden. Doch Markus S. tritt von oben mit voller Wucht auf den Kopf Brunners und in dessen Bauch. Das Gericht ist später überzeugt, dass diese Tritte lebensbedrohlich waren.

Die Polizei fasst die Täter noch am S-Bahnhof

Schließlich wollen die Täter flüchten. Sie werden aber noch am S-Bahnhof von der Polizei gefasst, die inzwischen eingetroffen ist. Brunner stirbt später in Großhadern. Allerdings nicht an den Folgen der Tritte und Schläge, sondern an einem Herzstillstand. Denn er hat, wie sich herausstellt, einen Herzfehler. Markus L. erhält wegen Mordes eine Jugendstrafe von neun Jahren und zehn Monaten Haft, Sebastian L. wegen Körperverletzung mit Todesfolge sieben Jahre. Beide sind mittlerweile wieder auf freiem Fuß.

Das Verbrechen löst eine breite Debatte über das Thema Zivilcourage aus. Und viele fragen sich noch heute: Soll man nun in einem ähnlich gelagerten Fall dazwischengehen oder nicht?

Ein 17-jähriger Schüler, der an diesem Tag ebenfalls am S-Bahnhof Solln steht, würde eher nur die Polizei rufen, „vor allem, wenn die anderen größer sind“. Ein 48-jähriger Augsburger ist auch skeptisch. Er habe sich jedenfalls in ähnlichen, wenn auch lange nicht so drastischen Situationen dabei ertappt, nichts getan zu haben, erzählt er. Wobei eine Frau nur wenige Meter weiter meint, dass das verständlich sei. Wie man sehe, könne man ja sein Leben verlieren.

Die im niederbayerischen Neufahrn sitzende Dominik-Brunner-Stiftung, die sich nach dem Tod des Managers gründete, hat sich auf die Fahnen geschrieben, Antworten auf diese quälende Frage zu geben. „Es gibt konkrete Hinweise, wie man sich verhalten sollte“, sagt Andreas Voelmle, Vorstandsmitglied der Stiftung. Allein jedenfalls könne man in der Regel nicht viel ausrichten. Heißt also: Unterstützer suchen.

Die Stiftung finanziert Kurse für Zivilcourage im Verkehrszentrum des Deutschen Museums in München sowie Lehrerkurse in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband. 3600 Pädagogen seien schon von zwei spezialisierten Polizisten unterwiesen worden. „Sie tragen das weiter in ihre Klassen“, sagt Voelmle. Zudem würdigt die Stiftung jedes Jahr couragierte Helfer, das nächste Mal im Oktober in der Münchner Allianz Arena bei einem Spiel des FC Bayern. Möglich macht das Bayern-Präsident Uli Hoeneß, er ist auch Kuratoriumsvorsitzender der Dominik-Brunner-Stiftung.

Auch Uli Hoeneß engagiert sich bei der Stiftung

Hoeneß hat mit Einnahmen aus einem Freundschaftsspiel gegen den FC Barcelona anlässlich seines 60. Geburtstages auch den Bau des Dominik-Brunner-Hauses der Johanniter im Münchner Stadtteil Ramersdorf mitfinanziert. Dort gibt es für Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen Kurse zur Gewaltprävention.

Ist die Gesellschaft zehn Jahre nach dem Tod Brunners couragierter geworden? Zwar gibt es laut Bayerischem Innenministerium dazu keine Statistiken. „Wir glauben aber, dass solche Kurse langsam Wirkung zeigen“, sagt Voelmle.

Christoph Höpfer hat solche Kurse nie besucht. Ja, er hat fünf Jahre Karate gemacht und drei Jahre Kung-Fu, und der Sport habe auch sein Selbstbewusstsein gestärkt, sagt er. Aber wer rechnet denn damit, dass er mal in eine solche Situation geraten würde wie im Jahr 2017?

Höpfer sitzt in seinem Friseur-Salon in Kempten im Allgäu und denkt darüber nach, was Zivilcourage für ihn bedeutet. „Entweder du bist so programmiert und schreitest ein oder eben nicht“, sagt Höpfer. Der 49-Jährige weiß, wovon er redet. Er war einer von sechs Mutigen, die im Juli 2017 Räuber stoppten, die einen Kemptener Juwelier ausgeraubt hatten.

Die Polizei sprach damals von einem ungewöhnlich brachialen und rücksichtslosen Überfall. Vier Täter stürmten in das Geschäft in der Innenstadt, schlugen mit Beilen die Glasvitrinen ein und packten hochwertige Uhren und Schmuck in ihre Taschen. Zwei Minuten später verschwanden sie in unterschiedliche Richtungen.

Christoph Höpfer saß damals wie fast jeden Mittwoch in einem Café in der Nähe des Juweliergeschäfts. Es war ein heißer Sommertag. „Ich hörte plötzlich, wie jemand immer wieder mit überschlagener Stimme ,Überfall’ rief“, sagt Höpfer. Er dachte zunächst an einen schlechten Scherz oder an Dreharbeiten für einen Film. Zwei Männer verfolgten einen schwarz gekleideten Mann. Erst als der stehen blieb und mit einem Pfefferspray in Richtung der beiden Verfolger sprühte, war ihm klar: Da stimmt etwas nicht.

Christoph Höpfer
Bild: Felix Futschik

„Bis ich realisierte, was da eigentlich passiert, war ich schon auf der anderen Straßenseite und auf dem Räuber gelegen“, erinnert sich Höpfer. Eine bewusste Entscheidung sei das nicht gewesen. Auch an seine eigene Sicherheit oder daran, ob der Täter Waffen dabeihaben könnte, dachte der Kemptener nicht: „Das ist alles Käse, das ist ja eine typische Adrenalin-Situation.“

An seine eigene Sicherheit hat an diesem Tag auch Christian Linner nicht gedacht. Der 38-jährige Gerichtsvollzieher war ebenfalls hinter dem 26-jährigen Räuber her. Er habe sich nichts dabei gedacht – weder an mögliche Konsequenzen, an seine Familie noch an Dominik Brunner. „Das hört sich so heldenhaft an“, sagt Linner mit ruhiger Stimme. Vielleicht hätte er in neun von zehn Fällen anders reagiert, meint er heute.

Auch zwei Männer aus Kempten bewiesen Mut

Beide können sich noch gut an die vielen Medienberichte über Dominik Brunner erinnern. „Das war ja ein total sinnloses Gewaltverbrechen“, sagt Christoph Höpfer. Deshalb findet er die Arbeit der Dominik-Brunner-Stiftung so wichtig: „Es ist gut, das Thema an einem Einzelschicksal lebendig zu halten.“ Und Linner ergänzt: „Es ist wichtig, dass die Leute helfen, wenn etwas passiert. Es reicht ja oft, wenn sie statt mit dem Smartphone zu filmen, die Polizei alarmieren.“

Christian Linner
Bild: Felix Futschik

Weil Höpfer, Linner und vier weitere Männer die Räuber an jenem Tag 2017 verfolgten, konnte die Polizei alle Täter festnehmen. Dafür erhielten sie erst eine Auszeichnung des Kuratoriums „Sicheres Allgäu“; der Verein will die Sicherheit und die Lebensqualität in der Region fördern. Vergangenen Donnerstag schließlich gab es von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann die Medaille für Verdienste um die Innere Sicherheit.

„Ich war schon ein bisschen stolz, dass ich einer von 37 bin, die in Bayern ausgezeichnet wurden“, erzählt Höpfer. Er will aber auch klarstellen, dass es viele Menschen gibt, deren Hilfe oft als selbstverständlich angesehen wird – Feuerwehrleute beispielsweise. „Vor allem diejenigen, die ehrenamtlich mitmachen“, betont Höpfer.

Auch Dominik Brunner war ein mutiger Mensch. Heute wäre er 60 Jahre alt.

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