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Ex-CSU-Chef

21.10.2019

Warum Horst Seehofer inzwischen einen Bogen um Bayern macht

„Ich bin im Übermaß beschenkt worden“: Bundesinnenminister Horst Seehofer sagt, er sei mit sich im Reinen und mit seinem Leben rundherum zufrieden.
Bild: Michael Kappeler, dpa

Plus Er hätte mit 68 aufhören können. Hat er aber nicht. Jetzt ist Seehofer 70 und ein schwer beschäftigter Innenminister. Wie er inzwischen mit seiner Partei umgeht.

Das Bundesinnenministerium in Berlin ist kein heimeliger Ort. Hohe Zäune, triste Fassade, schmale Fenster, kalte Innenhöfe, alles grau in grau. Der Architekt, der das entworfen hat, kann kein fröhlicher Mensch gewesen sein. Wer hier an einem trüben Herbstabend ankommt und nach einer strengen Sicherheitskontrolle von einem wortkargen Wachmann durch menschenleere Flure zum Chef des Hauses gebracht wird, der kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass hier irgendjemand was zu lachen hat. Doch genau das behauptet Horst Seehofer: „Glauben Sie es mir, wir haben hier bei aller Ernsthaftigkeit der Aufgaben auch unseren Spaß.“

Bis zum 13. März vergangenen Jahres war Seehofer bayerischer Ministerpräsident. Er hatte, wie er und seine Vorgänger immer wieder schwärmten, „das schönste Amt der Welt“. Der Landesvater wird überall im Freistaat herzlich empfangen – außer vielleicht, wenn er gleichzeitig noch CSU-Chef ist, in der eigenen Partei. Wenn der Landesvater kommt, dann spielt die Blasmusik, dann marschieren die Schützen auf, applaudiert das Bierzelt.

Halle vor knapp zwei Wochen: Bundesinnenminister Horst Seehofer besucht die Synagoge, in der ein Rechtsextremist ein Massaker verüben wollte.
Bild: Hendrik Schmidt, dpa

Wenn der Bundesinnenminister kommt, dann ist es meistens ernst, manchmal sogar sehr ernst – wie zuletzt in Halle nach dem versuchten Anschlag auf die Synagoge , als zwei Menschen den Tod fanden. Dort schallten ihm von der anderen Straßenseite Wut und Verzweiflung entgegen. Ein junger Mann rief: „Ihr könnt uns nicht beschützen!“ Seehofer sagt: „Das war für mich wie ein Stich ins Herz.“

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Er hat es so gewollt. Er hätte aufhören können mit 68. Er hätte sich daheim auf die Terrasse setzen, Bücher lesen, Freunde treffen können. Er tat es nicht. Seine Kollegen nennen ihn deshalb einen „Politik-Junkie“, einen, der nicht aufhören kann, einen, der die Macht zum Leben braucht wie ein Fisch das Wasser. Er sieht das, wie so oft, völlig anders. Es seien die ungelösten Probleme, die ihn antreiben, der Streit um die Seenotrettung oder die Konsequenzen aus der Bluttat von Halle.

Dieser Posten ist für Seehofer "eine große Sahnehaube allererster Güte"

Als Angela Merkel ihn gefragt habe, ob sie auf ihn zählen könne, und ihm das Innenministerium angeboten habe, da habe er Ja gesagt. Ein klassisches Ministerium mit acht Staatssekretären, 2000 Mitarbeitern im Haus und 80.000 in den nachgeordneten Behörden – das sei für ihn nach bald fünf Jahrzehnten in politischer Verantwortung noch einmal eine echte Herausforderung. Es sei nicht einfach nur ein Sahnehäubchen obendrauf gewesen. „Nein“, sagt er, „das ist eine große Sahnehaube allererster Güte.“

In dem kleinen, schmucklosen Besprechungsraum im sechsten Stock des Bundesinnenministeriums steht eine bayerische Brotzeit auf dem Tisch. Brezen und Schwarzbrot, Wurst und Käse, sogar richtiger Obazda auf Holzbretteln, dazu Wasser, Saft und Cola. Seehofer ist überrascht, was seine Büroleiterin auf den Tisch gezaubert hat. Er ist, was das Kulinarische betrifft, seit jeher genügsam. Ein paar Wiener mit Brot und Senf sind ihm im Zweifel lieber als ein üppiges Menü. Und Alkohol am Arbeitsplatz ist für ihn ohnehin tabu – auch wenn er, wie an diesem Abend, keinen Anschlusstermin mehr hat. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, er führe das Leben eines Mönchs.

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16 Bilder
Die Karriere von Horst Seehofer in Bildern
Bild: Peter Kneffel, dpa

Draußen im politischen Berlin rätseln sie bis heute über ihn. Das ist nicht neu. Seehofer gilt in der Bundespolitik seit der Zeit, als Bonn noch Bundeshauptstadt war, als Einzelgänger. Er sei ein einsamer Wolf, einer, der sich oft tagelang in seinen „Bunker“ zurückzieht, einer, der sich weder in Seilschaften noch in Netzwerke einbinden lässt. Enge Mitarbeiter berichten, dass er, wenn er mit seinem Dienstwagen von A nach B gefahren wird, stundenlang schweigen und aus dem Fenster schauen kann. Und dass er die politische Bühne manchmal tagelang nicht betritt, macht ihn für viele verdächtig. Da gibt es dann Gerüchte und Geraune: Er sei zu alt für den Job. Er sei mit dem großen Ministerium überfordert. Er kommuniziere zu wenig und habe den fatalen Hang zu Alleingängen.

Ihm ist das offenbar reichlich egal – meistens wenigstens. Seehofer spricht es nicht aus, aber er weiß es: Geraune über echte oder vermeintliche Schwächen von Parteifreunden gehören zum politischen Geschäft wie Knödel zum Schweinsbraten. Es gibt oben in der Hierarchie immer welche, die leitende Positionen haben, und unter ihnen gibt es immer welche, die diese Jobs haben wollen. Ein 70-jähriger Minister in einer Bundesregierung, die möglicherweise nicht mehr lange hält, ist da die geborene Zielscheibe.

Damals, als er noch CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident war, herrschte er – zumindest in München – unangefochten über den politischen Diskurs. Anders als seine Vorgänger Edmund Stoiber, Günther Beckstein und Erwin Huber hetzte er nicht durch den Steinernen Saal des Landtags, um möglichst ungeschoren an den Journalisten vorbeizukommen. Im Gegenteil: Er machte seine Auftritte in der Lobby zum Pflichttermin für Berichterstatter. Und er zelebrierte sie. Er kam gemessenen Schrittes im aufrechten Gang, sprach leise und unaufgeregt, mit demonstrativer Gelassenheit.

Was Seehofer einst von den Kommunisten in China mit nach Hause gebracht hat  

Kritik am Chef erstickte er mit wenigen Worten und nicht selten überaus fantasievollen Begriffen. Kleingeistige Einwände geißelte er als „Zwieseligkeiten“. Die CSU-Landtagsfraktion kanzelte er schon mal als „Mäusekino“ ab. Er gab sich, wie einst Franz Josef Strauß, wie ein Riese unter Zwergen. Sogar seine potenziellen Nachfolger hielt er, bis Markus Söder seiner Dominanz ein Ende machte, lange Zeit erfolgreich auf Distanz. Er nannte sie „Prinzlinge“. Den Begriff hatte er von einem Besuch bei den kommunistischen Machthabern in China mit nach Hause gebracht. Kurzum, Seehofer lebt nach dem Motto: Lieber einen Freund verloren, als einen Witz verschenkt.

Gemessen daran ist Seehofer fast schon kleinlaut geworden. Giftigkeiten über Parteifreunde sind ihm nicht zu entlocken. Er argumentiert betont sachlich. Für seine selten gewordenen Auftritte in der Öffentlichkeit etwa nennt er einen simplen Grund: Es könne schon mal passieren, dass er tagelang das Ministerium nicht verlasse, aber das liege daran, dass es hier viel zu tun gebe. „Wir haben viel Arbeit und schaffen viel weg.“ Bundesinnenminister zu sein, sei eine „schwierige Mission“, sagt Seehofer, „hier geht es immer um Gesundheit und Leben der Menschen“.

Landtagskorrespondent Uli Bachmeier begleitet Horst Seehofer seit mehr als 20 Jahren. Im Video spricht er darüber, wie sich Seehofer verändert hat - und worin er gleich geblieben ist.
Video: Leonie Küthmann

Manchmal aber, wenn es genau um solche Sachen, wenn es um den Kernbereich seiner neuen Aufgabe geht, platzt ihm dann doch der Kragen. Als er kürzlich wegen seiner Aussagen zur Seenotrettung ins Kreuzfeuer der Kritik geriet, konterte er mit voller Wucht und nannte es „ein Stück weit beschämend“, wie die Diskussion von Parteifreunden in CDU und CSU geführt werde: „Wer sagt, er ist dafür, dass man Menschen nicht ertrinken lässt, der soll auch sagen, wie er das gewährleisten will.“

Seehofer hatte, wie berichtet , die Bereitschaft Deutschlands bekräftigt, 25 Prozent der aus Seenot geretteten Flüchtlinge aufzunehmen. Er hatte darauf hingewiesen, dass ihre Zahl im Vergleich zu den Flüchtlingen, die auf dem Landweg kommen, verschwindend gering sei: 225 in den vergangenen 14 Monaten. Und er hatte betont, dass Deutschland sofort aussteigen werde, wenn mit der Seenotrettung Missbrauch betrieben werde. Seine Kritiker aus der Union aber stürzten sich nur auf die 25 Prozent. Sie warnten vor falschen Anreizen für Flüchtlinge und Schlepper und ignorierten obendrein, dass Seehofer nur die gängige Praxis beschrieben hatte, die von allen Beschlüssen der Union und der Bundesregierung gedeckt sei. „Dieses gewollte Missverstehen“, so sagt Seehofer mit leicht sarkastischem Unterton, „ist mittlerweile eine beliebte politische Vorgehensweise geworden.“

Auch die hitzige Debatte über seine Aussagen zur Gamer-Szene gehört für ihn zu dieser Art von Ärgerlichkeiten. Weil der rechtsradikale Terrorist von Halle seine Morde wie in einem Computerspiel inszeniert, Begriffe aus der Gaming-Welt genutzt und die Tat live im Netz gestreamt hatte , forderte Seehofer, man müsse die „Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen“. Prompt gab es einen bundesweiten Aufschrei von wegen Generalverdacht gegen alle Gamer. CSU-Parteifreunde wie Digitalministerin Dorothee Bär waren, als es losging, ganz vorne mit dabei.

Warum er denn nicht auf dem CSU-Parteitag war?

Da blitzt dann doch kurz die alte Rauflust auf in Seehofers Augen. Aber er wägt seine Worte und sagt nur: „Wenn ich noch Parteivorsitzender wäre, dann wär’ da gar nix losgegangen.“ Schon im nächsten Satz kehrt er zu sachlichen Argumenten zurück. „Die Aufgabe ist es doch, diejenigen aus der Szene rauszuholen, die die Gamer benutzen“, sagt er, „wir bekämpfen Verbrecher und Rechtsextremisten und nicht die Bürger und nicht die Gamer.“ Dass er sich in der Debatte schließlich durchgesetzt hat, freut ihn. Sogar der Blogger Sascha Lobo und der Vize-Chef der Bild-Zeitung, Nikolaus Blome, die beide nicht unbedingt zu seinem Fan-Klub gehören, seien ihm zur Seite gesprungen. Doch so oder so, egal was kommt, ob Sieg oder Niederlage – „das ändert nichts an meinem persönlichen Wohlbefinden“, sagt Seehofer, „ich lege mich ins Bett und schlafe ein.“

Auch dass er von der ersten Reihe der Politik in die zweite zurücktreten musste, scheint ihn nicht weiter zu bekümmern. Er ist zwar nach dem Verlust seiner Ämter neben Theo Waigel und Edmund Stoiber der dritte Ehrenvorsitzende der CSU geworden. Seehofer aber gibt sich vor allem die Ehre zu schweigen. „Ich habe einen eisernen Grundsatz: Ich mische mich mit keinem einzigen Satz in die Alltagsgeschäfte der CSU oder der Bayerischen Staatsregierung ein.“

Parteizentrale und Staatskanzlei sind für Seehofer Vergangenheit. „Ich will nicht rumwuseln in Bayern und zeigen: Mich gibt’s auch noch.“ Die Distanz ist so groß, dass er nicht einmal zum CSU-Parteitag kam. Die am Freitag gleichzeitig stattfindende Innenministerkonferenz, bei der es um den Schutz von Synagogen und die Bekämpfung von Terror und Extremismus ging, war ihm wichtiger. Er erinnert an den jungen Mann in Halle und sagt: „Politik muss für konkrete Probleme konkrete Lösungen finden.“

Das klingt nüchtern. Für Seehofer aber ist es mehr. Es ist seine Leidenschaft: „Die Freude an dem Job besteht darin, wenn man gestalten und ein gutes Werk hinbekommen kann. Das ist ein Stück Erfüllung.“ Ob als Landesvater, als Parteivorsitzender oder eben als Bundesinnenminister, ist für ihn offenbar zweitrangig. Er sei mit sich im Reinen und mit seinem Leben rundherum zufrieden: „Ich bin im Übermaß beschenkt worden“, sagt er.

Vermutlich kann man nur mit so einem Gemüt in dem grauen Bunker namens Bundesinnenministerium auch mal Spaß haben.

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