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Bayern

08.01.2019

Warum Lehrer für das Schafkopfen an Schulen kämpfen

Dass Schafkopf die Intelligenz fördert, davon ist der Philologenverband überzeugt. 
Bild: Armin Weigel, dpa

Plus Ein Lehrerverband will Schülern das Karteln beibringen. Die Resonanz ist riesig. Ein Experte sagt: Das Spiel fördert Intelligenz und menschliche Größe.

Josef Bauer ist ein Pionier. Der ehemalige Lehrer brachte schon Schülern das Schafkopfen bei, bevor Bayerns Ministerpräsident Markus Söder im Frühjahr 2018 einen Wahlkampfschlager entdeckte und seitdem „Mundart und regionale Kultur“ als Schwerpunkt im Stundenplan sehen will.

Josef Bauer war lange Lehrer für Rechnungswesen, Wirtschaftslehre, Informatik – „die logischen Sachen“, wie er sagt. Vergangenes Jahr schulte er Fünft- bis Siebtklässler in der Nachmittagsbetreuung des Kaufbeurer Jakob-Brucker-Gymnasiums im Schafkopfen. „Mit dem Kartenspielen ist es wie mit den Kirchen“, sagt der Pensionär. „Die Alten sterben weg und von den Jungen kommt kaum jemand nach.“ Er weiß das, richtet er doch als Gründungsmitglied der Kartenfreunde Stöttwang jedes Jahr im Januar die Allgäuer Meisterschaften im Schafkopf mit mehreren hundert Teilnehmern aus. Da will Bauer wieder junge Gesichter sehen – und ist damit voll auf der Linie des bayerischen Philologenverbands (bpv).

Vor ein paar Tagen hat dessen Chef Michael Schwägerl gefordert, Schafkopf an die Schulen zu bringen. Wenn die bayerische Kartler-Tradition aus den Familien und den Freundeskreisen verschwindet, müsse sie in der Schule gefördert werden. Die Resonanz auf die Idee ist riesig. Selbst Medien in Hamburg und der Hauptstadt berichteten – mit überraschend wenig Spott für die Idee, die dem Spiegel zufolge „bayerischer nicht sein könnte“.

Experte: Schafkopf fördert wichtige Kompetenzen

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) freut sich, „wenn Schafkopf und andere bayerische Kartenspiele einen Platz im Schulleben haben“. Benedikt Karl, Pressesprecher des bpv, freut sich auch. Er hofft, dass durch die öffentliche Aufmerksamkeit der ein oder andere Lehrer künftig die Karten mischt, etwa an Projekttagen, in Vertretungsstunden oder Wahlkursen. „Die Reaktionen zeigen, dass viele unsere Einschätzung teilen – dass Schafkopf wichtige Kompetenzen der Schüler fördert.“

Welche, darüber könnte Klaus Zierer stundenlang referieren. „Der Bildungsgehalt des Schafkopfens ist nicht hoch genug einzuschätzen“, sagt der Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Im Mathematikunterricht könne man etwa errechnen, „wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, mit zwei Stichen ein Solo zu verlieren“, in Deutsch regionale Unterschiede bei den Kartennamen untersuchen. In Kunst könnten Schüler ein eigenes Schafkopfkartenspiel gestalten. „Den Ideen sind keine Grenzen gesetzt.“

Zierer ist selbst leidenschaftlicher Kartenspieler. Nicht umsonst haben sie ihn damals in seiner Abizeitung den „Zocker“ genannt. Sein Vater habe ihm die Grundlagen des Spiels vermittelt, verrät der 42-Jährige. „Den Feinschliff und die Leidenschaft für das Schafkopfen habe ich in der Schule bekommen: in Freistunden, in den Pausen und vor dem Unterricht.“

Um gut im Schafkopf zu sein, braucht es Zierer zufolge neben der richtigen Strategie gleich mehrere Formen der Intelligenz: „Eine soziale Intelligenz, weil immer mit- und auch gegeneinander gespielt wird, und eine emotionale Intelligenz, um bei einem riskanten Spiel trotz Herzrasen einen kühlen Kopf zu behalten und Größe in Stunden des Sieges, aber auch der Niederlage zu bewahren.“

Kürzlich hat Zierer mit dem weltweit renommierten Bildungsforscher John Hattie eine Meta-Studie veröffentlicht, wonach digitale Medien die Qualität des Schulunterrichts nicht zwangsläufig verbessern. „Wenn in Zeiten der Digitalisierung darüber diskutiert wird, dass Schüler in jeder Jahrgangsstufe zwei Stunden Informatik lernen müssen, dann muss auch darüber debattiert werden, ob es aus sozialer und demokratischer Sicht wichtig sei, Kinder und Jugendliche mit dem Schafkopfen vertraut zu machen.“

Crashkurs für interessierte Schüler?

Josef Bauer, der Pionier aus Kaufbeuren, hat schon eine Idee, wie man Kinder zu Kartlern machen könnte. „Mein Kurs kam gut an bei den Schülern“, sagt er. „Aber einmal pro Woche eine Stunde – da bleibt nicht viel hängen.“ Die Folge: Ungeduld, wachsende Leistungsunterschiede. Bauer stellt sich deshalb eine Art Crashkurs für interessierte Schüler vor: „Freitag, Samstag, Sonntag, dann sitzt das.“

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