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Allgäu

11.05.2020

Warum ein Pfarrer den umstrittenen Anti-Corona-Aufruf unterzeichnet

In der Kirche mehren sich umstrittene Stimmen, die die Corona-Maßnahmen scharf kritisieren.
Bild: Ronny Hartmann, dpa

Plus In der katholischen Kirche gibt es Amtsträger, die die Corona-Maßnahmen kritisieren und Verschwörungstheorien zitieren. Auch in der Region finden sie Unterstützer. Ein Anruf bei einem Pfarrer im Allgäu.

Je länger die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen andauern, desto heftiger werden die Proteste. Auch aus der katholischen Kirche dringt deutliche Kritik. Der US-amerikanische Erzbischof Carlo Maria Vigano hat ein Schreiben veröffentlicht, in dem er die Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus angreift und dabei Verschwörungstheorien Vorschub leistet. In dem Brief beschreibt er den Kampf gegen das Virus als Vorwand, um die christliche Zivilisation zu vernichten. Er wirft unsichtbaren Mächten vor, eine "verabscheuungswürdige technokratische Tyrannei" aufbauen zu wollen. Und bezeichnet die momentane Debatte als eine "subtile Form der Diktatur".

Der Brief stößt auf Kritik, findet aber auch immer mehr Unterstützer. So etwa in Schwaben und im Allgäu, wo etliche Menschen das Schreiben unterzeichnet haben - unter anderem der Immenstädter Stadtpfarrer Helmut Epp.

US-Bischof und Unterstützer warnen vor Weltregierung

In dem Schreiben mit dem Titel "Ein Aufruf für die Kirche und für die Welt an Katholiken und alle Menschen guten Willens" heißt es unter anderem: "Die Fakten haben gezeigt, dass unter dem Vorwand der Covid-19-Epidemie in vielen Fällen unveräußerliche Rechte der Bürger verletzt und ihre Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt eingeschränkt werden." Weiter ist darin zu lesen: "Wir haben Grund zu der Annahme – und das auf der Grundlage offizieller Daten zur Epidemie in Bezug auf die Anzahl der Todesfälle – dass es Kräfte gibt, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen. Auf diese Weise wollen sie dauerhaft Formen inakzeptabler Freiheitsbegrenzung aufzwingen, die Menschen kontrollieren und ihre Bewegungen überwachen. Diese illiberalen Maßnahmen sind der beunruhigende Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht."

Mit dem Schlagwort "Weltregierung" bedienen sich die Unterzeichner - unter ihnen ist auch der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller - des gleichen Vokabulars wie einige gerade besonders verbreitete Verschwörungsmythen rund um das Coronavirus. In zahlreichen Foren und sozialen Netzwerken ist vielfach von einer "Weltregierung" zu lesen, die bald die Macht übernehmen würde. Viganos Aufruf ist durchzogen von Andeutungen, die in eine ähnliche Richtung gehen. Was also bewegt Menschen, die das Schreiben unterzeichnet haben?

Aus der Region haben sich viele Unterstützer dem Schreiben angeschlossen

Die Liste der Unterstützer ist öffentlich einsehbar. Auch aus der Region sind viele Menschen darunter. Manche von ihnen haben Ämter in der Kirche inne, sind Meßner, verantwortlich für die Ministranten oder Mitglieder im Kirchengemeiderat. Die wohl öffentlichste Funktion hat der Immenstädter Stadtpfarrer Helmut Epp inne. Warum hat er sich entschieden, den Aufruf zu unterschreiben? Ein Anruf.

Epp geht sofort ans Telefon und ist zu einem Gespräch bereit. Er äußert sich ruhig und gefasst, versucht seine Sicht zu erklären. Und sagt immer wieder, es gehe ihm darum, dass andere Meinungen nicht sofort abqualifiziert werden. Dass Menschen nicht anhand ihrer Meinung in gut oder schlecht einsortiert werden. "Man muss einander doch zuhören und einmal versuchen, die Position des anderen anzunehmen", sagt er.

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Bild: Peter Fastl

Epp: In der Corona-Debatte sind nicht alle Sichtweisen gehört worden

In der Corona-Debatte vermisse er es, dass auch andere Sichtweisen gehört werden. Dass Menschen, die nichts von den strengen Einschnitten halten, zu Wort kommen. "Wenn ich sage: Ich habe den Aufruf unterzeichnet, dann werde ich gleich in einen Topf mit den Verschwörungstheoretikern geworfen", kritisiert Epp. Dabei sehe man doch an den immer größer werdenden Demonstrationen, dass es Menschen mit anderen Meinungen gebe. Einen Kompromiss zwischen diesen grundverschiedenen Positionen zu finden, sei unmöglich. Aber, sagt Epp: "Ich glaube an Gott. Er wird am Ende die Wahrheit weisen."

Der Pfarrer befürchte, dass in der Corona-Krise die Angst der Menschen ausgenutzt werde, um etwa eine Impfpflicht durchzusetzen und Freiheiten immer weiter einzuschränken. "Wenn ich nicht geimpft oder immun bin, kann ich an gewissen Dingen nicht mehr teilnehmen", sagt er. Das widerspreche seinem Begriff von Freiheit, zudem wisse man zu wenig über die Risiken einer Impfung.

Aber ginge es mit den Maßnahmen nicht darum, die Schwächsten zu schützen? Das Leben gefährdeter Menschen vor einem unbekannten Virus zu bewahren? Ist das nicht eine urchristliche Position? In dem Vigano-Schreiben wird das zumindest angezweifelt. Dort heißt es: "Wir glauben auch, dass in einigen Situationen die Eindämmungsmaßnahmen (...) ergriffen wurden, um eine Einmischung von fremden Mächten zu begünstigen, mit schwerwiegenden sozialen und politischen Auswirkungen." Und Epp? Der sagt: "Der Schutz allen Lebens ist wichtig." Aber die Regierung handle nur nach diesem Prinzip, wenn es ihr passe - in der Corona-Krise zum Beispiel. Wenn es aber um Abtreibungen oder Sterbehilfe gehe, sehe die Einstellung ganz anders aus.

Und die Weltregierung? "Das ist schwer zu belegen und schwer zu widerlegen. Aber man muss doch annehmen dürfen, dass es stimmt."

Deutsche Bischofskonferenz hat sich vom Vigano-Schreiben distanziert

Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich am Wochenende von dem Schreiben distanziert. Ihr Vorsitzender, Bischof Georg Bätzing sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Die Deutsche Bischofskonferenz kommentiert grundsätzlich keine Aufrufe einzelner Bischöfe außerhalb Deutschlands. Allerdings füge ich hinzu, dass sich die Bewertung der Corona-Pandemie durch die Deutsche Bischofskonferenz grundlegend von dem gestern veröffentlichten Aufruf unterscheidet."

Auch andere deutsche Bischöfe haben sich von dem Aufruf, der finstere Verschwörungstheorien als Argumente heranzieht, entschieden distanziert. Auf Twitter warnte Gebhard Fürst, der Bischof von Rottenburg-Stuttgart: „Wer die Bemühungen der Politik, Menschenleben vor dem Coronavirus zu schützen, in eine dubiose Weltverschwörung umdeutet, spielt mit dem Feuer!“

Auch der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer ging auf Abstand.

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