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Augsburg

28.04.2018

Warum sich viele Katholiken mit dem Bischof schwertun

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Der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa – ein Mann der zwei Gesichter. An ihm scheiden sich die Geister.
Bild: Anne Wall

Konrad Zdarsa muss 2019 aus Altersgründen seinen Rücktritt anbieten. Dann geht eine Zeit zu Ende, die mancher Gläubige in schlechter Erinnerung behalten wird.

Konrad Zdarsa wusste, dass es kein Spaziergang werden würde. So sagte er das einmal. Nachdenklich, zweifelnd, angespannt. An jenem 23. Oktober 2010 aber, dem Tag seiner Amtseinführung als neuer Augsburger Bischof, ist alle Anspannung aus seinem Gesicht gewichen – als er vom Dom am Rathaus vorbei in Richtung Haus Sankt Ulrich geht. Hunderte Menschen stehen an den Straßenrändern, viele begleiten ihn. Bischof Konrad Zdarsa lächelt ein sehr herzliches Lächeln. Händeschütteln, Umarmungen. Doch mehr als sieben Jahre später stellen engagierte Katholiken und selbst Priester ernüchtert fest: Zdarsa, der zuvor im ostdeutschen Bistum Görlitz mit damals 30.000 Mitgliedern Bischof war, sei im bayerischen Bistum Augsburg mit seinen 1,3 Millionen Katholiken „nie wirklich“ angekommen.

Am 7. Juni wird Zdarsa 74 Jahre alt. Damit beginnt sein letztes Jahr als Bischof von Augsburg. Denn ein Diözesanbischof der katholischen Kirche, „der das fünfundsiebzigste Lebensjahr vollendet hat, ist gebeten, seinen Amtsverzicht dem Papst anzubieten“. Das sieht der Codex Iuris Canonici, das Kirchengesetzbuch, vor.

Noch ist es zu früh für eine Bilanz. Im Bistum aber betrachten viele Katholiken seine Amtszeit als verlorene Jahre, die sie in schlechter Erinnerung behalten werden. Erst waren da enttäuschte Erwartungen, denen Verärgerung folgte. Dann kam der Frust. Inzwischen denken sie sich: Zdarsa ist ja bald weg. Herbert Tyroller etwa von der reformorientierten Laienbewegung „Wir sind Kirche“ im Bistum Augsburg denkt so. „Ein Bischof muss nach außen wirken, er muss rausgehen, auf die Marktplätze. Aber Zdarsa spielt keine Rolle im öffentlichen Leben.“ Stets habe er Diskussionen abgewürgt, sich eingeigelt. Auch ein Priester, der anonym bleiben will, findet harte Worte. „Er ist eine Person mit einem gestörten Verhältnis zur Öffentlichkeit“, sagt er. „Bischof Konrad ist eindeutig nicht geeignet, Hirte zu sein.“

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Das Bistum Augsburg ist eines der größten in Deutschland. In Bayerisch-Schwaben und Teilen Oberbayerns wirkt es tief in die Gesellschaft hinein. Mit seinen 212 Pfarreiengemeinschaften. Mit etwa 450 Kindertageseinrichtungen. Mit dem Schulwerk, das Träger von 39 Schulen ist. Oder mit der Katholischen Jugendfürsorge – ein Sozialunternehmen mit rund 5000 Beschäftigten. Das Josefinum in Augsburg zählt bundesweit zu den bedeutendsten Entbindungskliniken.

Sein Wort hätte Gewicht. Aber Zdarsa bleibt oft stumm

Was der Augsburger Bischof sagt, hat Gewicht. Zumindest hätte es Gewicht – würde sich Konrad Zdarsa in die gesellschaftspolitischen Debatten einmischen. Er zieht es allerdings häufig vor zu schweigen. Er verlässt den Presseempfang des Bischofs, seinen eigenen, im Juli 2017 als einer der Ersten. Erscheint nicht zur Pressekonferenz nach einem Treffen der bayerischen Bischöfe im März in Augsburg, obwohl er der Gastgeber ist.

Am vergangenen Donnerstag bleibt er wieder stumm. Ganz Deutschland diskutiert über die Anordnung der Bayerischen Staatsregierung, ein Kreuz im Eingangsbereich jeder Behörde anzubringen. Theologen, Priester und Bischöfe äußern sich. Zdarsas Sprecher erklärt auf Anfrage unserer Redaktion: Bei dieser Anordnung „handelt es sich um eine politische Entscheidung. Diese möchte Bischof Konrad nicht kommentieren.“

Kein Kommentar, wie so oft. Die Frage ist: Kann sich das ein Bischof heutzutage noch leisten?

Gebhard Fürst, Oberhirte der Diözese Rottenburg-Stuttgart, sagt vor einem Jahr: „Wir haben eine Botschaft, die nicht in den Kirchenmauern verhallen darf, sondern nach außen getragen werden muss. Die Öffentlichkeit, gerade die säkulare Öffentlichkeit, erwartet diese Stimme von uns.“ Fürst ist der „Medienbischof“ der katholischen Kirche in Deutschland, Zdarsa sein Stellvertreter in der Publizistischen Kommission der Bischofskonferenz. Doch selbst Fachjournalisten schreiben seinen Namen falsch: die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürzlich „Zsarda“, die Zeit-Beilage Christ & Welt „Zsardsa“.

Zdarsa hat gute Vorsätze, als ihn Papst Benedikt XVI. am 8. Juli 2010 zum Bischof von Augsburg ernennt. Kurz darauf spricht er in einem seiner raren Interviews von einem „kommunikativen Neuanfang“. Als größte Herausforderung nennt er im Gespräch mit unserer Redaktion, „die notwendige Nähe zu den Menschen zu gewinnen“.

Dann kommt die Weltbild-Krise und im Januar 2012 skandieren Gewerkschafter vor dem Bischofshaus: „Leere Reden reichen nicht, Bischof zeig’ uns dein Gesicht!“ Wochenlang hatte er sich zu den Verkaufsplänen der in die Krise geratenen Verlagsgruppe, deren Gesellschafter die Diözese Augsburg war, nicht geäußert. Im März 2012 protestieren schätzungsweise 30.000 Gläubige bistumsweit gegen seine Pläne für eine „pastorale Raumplanung 2025“. Wegen zunehmenden Priestermangels sollen zahlreiche Pfarreien zu größeren Pfarreiengemeinschaften zusammengelegt werden.

Er polarisiert - wie sein Vorgänger Walter Mixa

Zdarsa sollte die Gräben, die sein polarisierender und wegen Prügel- und Veruntreuungsvorwürfen zurückgetretener Vorgänger Walter Mixa hinterlassen hatte, zuschütten. Doch auch er polarisiert.

Strikt konservativ ist sein Kurs. Er achtet auf absolute Treue zum päpstlichen Lehramt. Nur konsequent ist es, dass er zu den sieben Bischöfen gehört, die vergangenen Monat einen Brandbrief an den Vatikan schicken. Darin bitten sie um Hilfe. Sie haben Zweifel an einem Beschluss, den die Deutsche Bischofskonferenz zuvor bei ihrer Vollversammlung in Ingolstadt mit Zwei-Drittel-Mehrheit gefällt hat. In Einzelfällen soll nach einem Seelsorgegespräch einem evangelischen Christen der Empfang der Kommunion mit seinem katholischen Partner erlaubt werden.

Um eine Stellungnahme gebeten, verweist Zdarsas Sprecher auf eine Pressemitteilung des Erzbistums Köln. Nach Tagen erklärt sich Zdarsa in einem dürren Statement. Ansonsten: kein Kommentar. Wenn er mit der Presse spricht, dann fast ausschließlich mit kirchlichen Medien, bevorzugt mit den bistumseigenen.

Konrad Zdarsa kann auch leutselig sein: der Bischof am Tag seiner Amtseinführung 2010 beim Spaziergang durch Augsburg.
Bild: Fred Schöllhorn

Zdarsa war Generalvikar in Dresden und Bischof in Görlitz. Als sein Weggang nach Augsburg bekannt wurde, beschrieben ihn frühere enge Mitarbeiter als medienscheu, manche nannten ihn „nicht medienaffin“. In Augsburg hört man heute Ähnliches. Es ist ein seltsames Wort, das gerade in seiner Sperrigkeit zu diesem Bischof passt. „Er hat Angst vor weltlichen Medien“, versucht sich ein Priester aus dem Bistum an einer Erklärung. „Er nimmt sie als Feinde wahr. Journalisten sind für ihn zunächst einmal Leute, die ihn aufs Glatteis führen wollen.“ Kritiker wie Unterstützer erinnern an Zdarsas Vergangenheit in der kirchenfeindlichen DDR. Sie sei der Grund für seine Zurückhaltung. Die DDR aber ist Geschichte.

So wundern sich auch hochrangige Kirchenmitarbeiter von außerhalb des Bistums über Zdarsa. Entweder, weil er ihnen wie nicht existent vorkommt. Oder, weil sie nicht nachvollziehen können, warum er bisweilen handelt, wie er eben handelt. „Was habt ihr für einen komischen Bischof?“, fragen sie.

Als überhaupt nicht komisch empfinden Priester und Kirchenmitarbeiter aus dem Bistum Augsburg dagegen Zdarsas Verhalten. Er sei einer, dem das Wort „Danke“ schwer über die Lippen komme; der „blinden Gehorsam“ einfordere; der nachtragend und unerbittlich und nur im kleinen Kreis locker, ja durchaus sympathisch sein könne. Wenn er sich denn sicher fühle.

Anfang März besucht Zdarsa die Pfarrei St. Margareta in Wilburgstetten in der Nähe von Nördlingen. Im Kindergarten singen ihm die Kleinen ein Frühlingslied. Zum Pontifikalamt schicken Vereine Abordnungen, im Pfarrheim gibt es einen Stehempfang. Pfarrgemeinderatsvorsitzende und Kirchenpfleger bedanken sich beim Bischof für dessen Offenheit und schenken ihm einen Genusskorb. Sie sehen einen lockeren, sympathischen Zdarsa.

Auch Hildegard Schütz, die Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken, erlebt ihn so. Zum Beispiel bei Empfängen. „Bischof Konrad ist im Laufe der Jahre immer offener geworden“, sagt sie. „Nicht unbedingt leutselig, aber offener für verschiedene Ansichten.“ Schütz kommt ins Schwärmen. „Er ist beredt, wahnsinnig gescheit, freundlich und sogar witzig.“ Zdarsa sei ein „brillanter Theologe und geistlich tiefer Mensch“.

Zdarsa – ein Mann der zwei Gesichter. Einer, der schwer fassbar ist. Einer, der spaltet.

Der Bischof erwartet Treue zu Gottesdienst und Gebet

Es gibt Priester, die ihm „fehlenden Anstand“ vorwerfen. Andere schätzen ihn. Diakon Christian Wild spricht voller Respekt über den Bischof: „Er legt wenig Wert darauf, in seinem Amt im Mittelpunkt zu stehen.“ Wild assistiert Zdarsa bei Gottesdiensten im Augsburger Dom. Wenn Zdarsa die Sakristei betrete, begrüße er jeden Einzelnen mit Handschlag. „Er will nicht besonders behandelt werden.“ Im Unterschied zu seinem Vorgänger Walter Mixa besteht Zdarsa nicht auf der Anrede „Exzellenz“. Und auch wenn es wie ein Echo aus alter Zeit klingt, dass er in Hirtenbriefen die „Sonntagspflicht“, also die Pflicht, die heilige Messe zu besuchen, einfordert – ein Scharfmacher ist er deswegen nicht. Von Gläubigen erwartet er jedoch Treue zu Gottesdienst und Gebet, von Priestern Loyalität. Das hat er früh unmissverständlich kommuniziert. Sein umstrittenes Hirtenwort zur Fastenzeit 2011 enthält den Satz: „Am wichtigsten ist, dass die Gläubigen bereit sind, in den Zug einzusteigen und in die vorgegebene Richtung mitzufahren.“ Der Satz überschattet Zdarsas Amtszeit.

Ein Priester aus dem Bistum sagt, Papst Benedikt XVI. habe mit den Bischofsernennungen von Mixa und Zdarsa zwei Mal danebengegriffen. „Ich hoffe, dass Papst Franziskus jetzt einen Bischof nach Augsburg schicken wird, der die Menschen erreicht und mit ihnen umgehen kann.“ Ein weiterer Vorwurf.

Wie Zdarsa auf all das reagiert? Er lässt am Freitag seinen Sprecher ausrichten: „Bischof Konrad wird sich sicher gegen Ende seiner Amtszeit rückblickend äußern. Deshalb ist es aber jetzt noch zu früh, unsererseits zu einzelnen Fragen Stellung zu beziehen.“

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