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Biergarten-Revolution

12.05.2020

Warum verteidigen die Bayern ihre Kultur so vehement?

"Ja spinnt's Ihr denn?" Weil sie die Biergarten-Kultur bedroht sahen, nahmen 25.000 Menschen an der "Biergarten-Revolution" am 12. Mai 1995 in München teil.
Bild: Ursula Düren

Plus Die "Biergarten-Revolution" trieb 1995 Tausende auf die Straßen. Was hat sie bewirkt? Und was verändert Corona? Einiges, sagt Schriftsteller Alfons Schweiggert.

Herr Schweiggert, vor 25 Jahren, am 12. Mai 1995, trieb die "Biergarten-Revolution" 25.000 Menschen auf Münchens Straßen. Auslöser war das Urteil, nach dem die Sperrstunde im Biergarten einer Waldwirtschaft auf 21.30 Uhr vorgezogen werden sollte. Warum verteidigten die Bayern damals die Biergarten-Kultur so vehement?

Alfons Schweiggert: Der Biergarten ist das zweite Wohnzimmer der Bayern. Hier kommen die Menschen über alle Schichten hinweg miteinander ins Gespräch. Diese Lebensqualität, diese Kultur lief in den 1990er-Jahren Gefahr, ausgerottet zu werden.

Eine Kultur wird ausgerottet, wenn in einem einzelnen Biergarten eineinhalb Stunden früher Schluss ist?

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Schweiggert: Es ging damals um Grundsätzliches, weil zu erwarten war, dass anschließend auch viele andere Anwohner wegen der Lärmbelästigung klagen würden. Das hätte das Aus für dutzende Biergärten in Bayern bedeutet. Die Leute haben ein sehr feines Gespür dafür, wenn Verordnungen Stück für Stück verschärft werden – umso mehr, wenn es um den Sehnsuchtsort Biergarten geht. Der Biergarten ist ein Symbol für Freiheit, das die Bayern verteidigen. Notfalls mit einer Revolution.

Biergarten-Revolution 1995: "Es brodelte in der Bevölkerung"

Ist der Begriff Revolution in diesem Zusammenhang nicht etwas hoch gegriffen?

Schweiggert: Der Begriff ist von den Organisatoren mit Bedacht gewählt worden. ,Protestaktion’ klingt so nach: ,Mei, da protestiert halt jetzt wieder irgendjemand gegen irgendwas.’ In Bayern muss es schon eine Revolution sein. Der Begriff sollte zeigen, dass ein langer Kampf bevorsteht, dass die breite Bevölkerung nicht aufhört, für ihre Biergärten zu kämpfen. Insofern halte ich den Begriff für angemessen.

Politiker wie der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber erkannten die Stimmung und setzten sich schnell an die Spitze der Bewegung.

Schweiggert: Ein schlauer Schachzug. Stoiber erkannte, dass es in der Bevölkerung brodelte, und machte sich das zunutze. Die Bayerische Biergartenverordnung, die die Staatskanzlei kurz darauf verfasste, sah eine Sperrstunde um 23 Uhr in allen traditionellen Biergärten vor. Dagegen wurde zwar wieder geklagt, aber Stoibers Juristen besserten so lange nach, bis die Verordnung 1999 wasserdicht war. Ein riesiger Erfolg für die Biergarten-Revolution.

Als Kompromiss wurde ein Lärmgrenzwert von fünf Dezibel über dem allgemeinen Grenzwert in der Umgebung festgesetzt.

Schweiggert: Das war eine gute Lösung. Natürlich gibt es Anwohner, die nicht aus der Wohnung können und die vom Lärm massiv gestört werden. Zum Lebensgefühl eines Biergartens gehört auch, aufeinander zu achten. Revolutionäre dürfen nicht immer nur köpfen.

Alfons Schweiggert: "Die Sehnsucht der Leute nach Biergärten ist groß"

Welchen Gefahren ist die Biergarten-Kultur heute noch ausgesetzt?

Schweiggert: Die Ereignisse von 1995 haben Spuren hinterlassen, so schnell legt niemand mehr Axt an. Mit dem "Verein zur Erhaltung der Biergartentradition" gibt es zudem einen achtsamen und starken Wächter. Aber natürlich kann es jederzeit wieder zu Einzelfällen kommen, die Biergärten bedrohen. Und dann kann es gut sein, dass wir die nächste Biergarten-Revolution erleben.

Zu Szenen wie diesen wird es wegen Corona so schnell nicht mehr kommen. Immerhin: Am 18. Mai öffnen die ersten Biergärten wieder.
Bild: Peter Kneffel, dpa

Wegen der Corona-Krise dürfen Biergärten erst ab 18. Mai wieder öffnen. Wie stark wird dort die Atmosphäre leiden, wenn die Besucher zueinander auf Abstand gehen müssen?

Schweiggert: Das Beieinander-Sein und das Ratschen sind natürlich ganz wichtige Elemente in einem Biergarten. Wenn man sich nur noch zubrüllen kann, ist das sicher problematisch. Aber die Sehnsucht der Leute nach offenen Biergärten ist so groß, dass sie solche Einschränkungen in Kauf nehmen werden. Und: Man muss im Biergarten nicht ständig vor sich hinquaken. Vielen reicht es, die Sonne, die Bäume, die ganze Situation zu genießen. In einem Biergarten ist Raum für viele Mentalitäten.

Wegen Corona-Krise: Menschen lernen Biergärten stärker zu schätzen

Lernen die Menschen momentan Biergärten wieder stärker zu schätzen?

Schweiggert: Davon gehe ich aus. Wenn den Leuten ein solches Geschenk wie der Biergarten genommen wird, dann steigt die Wertschätzung dafür automatisch. Die Menschen überlegen gerade, was ihnen wichtig ist. Und viele Bayern beantworten diese Frage auch mit: Biergärten. Die Menschen werden die Atmosphäre noch mehr genießen – gerade in den Städten, wo natürlicher Raum eher begrenzt ist.

Und wenn die Infektionszahlen wieder steigen und Biergärten erneut schließen müssen?

Schweiggert: Das wäre ärgerlich. Doch selbst wenn die Biergärten auf Jahre schließen müssten – rein hypothetisch –, hätte das keinen Einfluss auf die Sehnsucht der Leute. Corona kann Biergärten nicht stoppen. Die Biergärten in Bayern werden nie untergehen.

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