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Interview

15.09.2019

Was bringt die Landarztquote wirklich, Herr Dr. Berger?

Dr. Jakob Berger hat eine Praxis in Herbertshofen im Landkreis Augsburg. Er sagt: Die Landarztquote kann nur ein Mosaiksteinchen sein.
Bild: Marcus Merk

Plus Auf dem Land fehlen Allgemeinmediziner. Jetzt hat die Staatsregierung eine Landarztquote beschlossen. Bringt das was? Dr. Jakob Berger fordert etwas anderes.

Herr Dr. Berger, Sie haben seit 39 Jahren in Herbertshofen im Kreis Augsburg Ihre Hausarztpraxis. Mittlerweile ist Ihr Sohn mit eingestiegen. Hilft die von der Staatsregierung nun beschlossene Landarztquote, um mehr Mediziner fürs Land zu begeistern?

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Dr. Jakob Berger: Nun, die Landarztquote ist sehr umstritten. Aus meiner Sicht kann sie ein kleines Mosaiksteinchen sein. Die Lösung ist sie sicher nicht. Gut finde ich aber, dass damit Abiturienten eine Möglichkeit bekommen, den Beruf zu ergreifen, die nicht einen Notenschnitt von 0,9 oder 1,0 haben. Denn ein super Notenschnitt macht noch lange keinen guten Arzt. Oft werden Abiturienten mit so guten Noten sogar dazu überredet, Medizin zu studieren. Aber es gibt natürlich auch Schwächen an der Quote.

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Berger: Wie soll ein 18- oder 19-jähriger Abiturient schon endgültig entscheiden, dass er später eine Praxis als Hausarzt auf dem Land haben will? Die Ausbildung dauert zehn, zwölf Jahre – von den jungen Leuten wird also erwartet, einen sehr, sehr weiten Zeitraum im Voraus ihr Leben festzulegen. Aber es gibt sicher Studierende, die wissen das – beispielsweise, wenn der Vater bereits eine Hausarztpraxis hat.

Aber gerade Allgemeinärzte müssen sehr viel Kompetenz haben, sollten den ganzen Menschen sehen und erkennen, ob nur der Körper oder auch die Seele Ursache der Leiden ist. Wird durch eine Landarztquote, bei der ein bestimmter Teil der Studienplätze an junge Menschen vergeben wird, die vor allem unterschreiben, später auf dem Land zu praktizieren, nicht die Qualität der Ausbildung verwässert. Kann jetzt also jeder Arzt werden?

Berger: Nein, diese Gefahr sehe ich überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Denn Sie haben recht, Hausärzte müssen eine besonders hohe Kompetenz mitbringen. Aber gerade ihnen helfen theoretische Kenntnisse und Wissen in Mathe und Physik allein nicht. Als Hausarzt brauche ich vor allem die Liebe zum Menschen und zu meinem Beruf. Ich muss ein offenes Wesen mitbringen, brauche soziale Kompetenz, viel psychologisches Einfühlungsvermögen – ich muss gerne mit Menschen arbeiten. Auch technisches Geschick ist von Vorteil.

Aber die Landarztquote ist Ihrer Meinung nach ja nur ein Mosaikstein. Was müsste noch unbedingt getan werden?

Berger: Wir brauchen an allen medizinischen Fakultäten einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin.

In Augsburg soll er noch in diesem Herbst ausgeschrieben werden.

Berger: Dafür habe ich mich ja auch vehement eingesetzt. Ursprünglich war er erst für 2022 geplant.

Außer Regensburg hat dann aber doch jede medizinische Fakultät in Bayern einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin?

Berger: Ja, und das ist so wichtig, weil es sich gezeigt hat, dass die Studierenden schon sehr frühzeitig an die Allgemeinmedizin herangeführt werden müssen. An den Universitäten, an denen es einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin gibt, hat das Interesse dafür schlagartig zugenommen. Es ist einfach wichtig, den Studierenden klarzumachen, dass nicht nur Starfächer wie die Herzchirurgie spannend sind.

Der Hausarztberuf muss also auch an Prestige an den Unis gewinnen?

Berger: Ja, ganz klar, und das tut er eben durch die Lehrstühle. Denn die Allgemeinmedizin stand über Jahrzehnte an den Universitäten im Hintergrund. Der Allgemeinmediziner galt oft als der Doktor für Schnupfen und Husten. Das hat sicher viele Studierende abgeschreckt. Dabei ist der Hausarzt der Arzt im ursprünglichen Sinn, der also, der den ganzen Menschen behandelt. Das muss den Studierenden aber früh klar werden und auch praktisch gezeigt werden.

Das heißt, man geht als Studierender in eine Allgemeinarztpraxis?

Berger: Ja, die Praxiserfahrung in Form von Praktika ist wichtig. Und es ist im Übrigen auch überfällig, dass die Allgemeinmedizin endlich Prüfungsfach im Staatsexamen wird. Das ist bisher nicht so, was zur Folge hat, dass sich viele Studierende mit der Allgemeinmedizin gar nicht auseinandergesetzt haben.

Als Hausarzt gerade auf dem Land ist man oft Einzelkämpfer und die Erwartungen der Patienten steigen. Die ständige Erreichbarkeit schreckt sicher viele junge Mediziner ab.

Berger: Das hat sich aber alles massiv gewandelt. Heute kann ein Allgemeinarzt auf dem Land ein ganz normales Familienleben führen. Als ich ein junger Arzt war, wurde tatsächlich noch oft erwartet, dass man rund um die Uhr für die Patienten erreichbar ist. Heute gibt es eine verlässliche Bereitschaftsdienstordnung, die es wirklich jedem Arzt ermöglicht, am Abend mit seiner Familie zusammen zu sein, ins Konzert zu gehen oder wohin auch immer. Und Einzelkämpfer müssen sie auch keiner mehr sein. Der Trend geht in der Allgemeinmedizin ganz stark zu Gemeinschaftspraxen. Dann sind Praxen gerade auch für Frauen ideal: Man kann die Sprechstunden miteinander flexibel absprechen und auch Teilzeit ist möglich.

Diese Vorteile scheinen sich noch nicht herumgesprochen zu haben. Muss sich auch die Bezahlung ändern?

Berger: Hausärzte sind nicht schlecht bezahlt. Wenn man aber auf die enorme Bandbreite ihres Könnens blickt, dann wäre eine höhere Bezahlung durchaus angebracht. Zumal im Koalitionsvertrag steht, dass die sprechende Medizin gefördert wird. In diese Richtung wurde aber bisher nichts unternommen. Eine höhere Bezahlung löst aber nicht das Nachwuchsproblem.

Was würde das Problem lösen?

Berger: Der wichtigste Punkt ist für mich die Stärkung der Position des Hausarztes als Koordinator. Denn vielen Studierenden fehlt sicher auch das Prestige in der Gesellschaft und im Medizinbetrieb. Schauen Sie beispielsweise nach Holland: Dort geht ohne die Hausärzte gar nichts. Sie bestimmen dort sogar, wie viele Fachärzte es geben muss. So etwas fordern wir ja gar nicht. Wichtig ist aber, dass die Rolle des Hausarztes aufgewertet wird.

Aber das gibt es doch schon als freiwillige Hausarztverträge. Sollten diese Verträge also verpflichtend werden?

Berger: Ich bin nie für Zwang. Was bei den freiwilligen Hausarztverträgen aber fehlt, ist ein spürbarer finanzieller Bonus für die Patienten, die sich verpflichten, immer zuerst zu ihrem Hausarzt zu gehen. Die Patienten sollten beispielsweise geringere Kassenbeiträge bezahlen. Es muss sich finanziell für den Patienten lohnen, dass er den Hausarzt als ersten Ansprechpartner für all seine Gesundheitsfragen wählt. Würde sich dieses Modell durchsetzen, hätten wir viel mehr Facharzttermine und wesentlich weniger Doppeluntersuchungen.

Aber viel zu wenige Patienten scheint das Modell zu überzeugen.

Berger: Weil der Deutsche immer einen klaren, auch finanziellen Vorteil von etwas haben will. Unser Hauptproblem ist, dass alle Menschen mit ihrer Gesundheitskarte überall hinlaufen können, ob es sinnvoll ist oder nicht. Da gibt es viele Patienten, die gehen zu fünf Orthopäden gleichzeitig, die laufen von einem Arzt zum anderen. Dieses Arzthopping mit der Flatrate Gesundheitskarte muss aufhören. Das verkraftet unser Gesundheitssystem auf Dauer nicht, weil es einfach nicht finanzierbar ist und eine riesengroße Ressourcenverschwendung darstellt.

Die freie Arztwahl wird aber auch als hohes Gut angesehen.

Berger: Aber was heißt freie Arztwahl? Ich fürchte, hier gibt es auch in der Politik unterschiedliche Vorstellungen. Jeder Patient hat freie Arztwahl, auch wenn er sich für ein Hausarztmodell entscheidet. Wenn ich zu dem Hausarzt gehen kann, den ich für gut halte, und der Hausarzt es mir überlässt, zu welchem Facharzt ich gehe, weil die Überweisung ja nur das Fachgebiet bestimmt, dann ist das freie Arztwahl. Wenn freie Arztwahl heißt, dass jeder überall hinspringen kann, so oft er will, habe ich dafür kein Verständnis, weil dadurch unser ganzes Gesundheitssystem gesprengt wird.

Haben wir nicht einfach auch zu wenige Fachärzte? Die Wartezeiten auf einen Termin sind oft wirklich lang...

Berger: Nein, wir haben nicht zu wenige Fachärzte. Die Verteilung ist nicht immer gut. Aber wenn ich als Hausarzt es für nötig halte, dass mein Patient zu einem Facharzt muss, bekomme ich in den allermeisten Fällen auch schnell einen Termin. Problematisch ist allerdings oft die „Soforteritis“ der Patienten: Viele wünschen sich sofort einen Termin, ob das nun medizinisch nötig ist oder nicht.

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