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Allgäu

19.08.2019

Wie Bad Grönenbach mit dem Tierskandal lebt

Seit dem Tierskandal gibt es in Bad Grönenbach kaum noch ein anderes Gesprächsthema.
Bild: Ralf Lienert

Plus Vor sechs Wochen tauchten die grausamen Bilder aus einem Stall auf, nun wird gegen drei Großbauern ermittelt. Und der Ort hat seinen Ruf weg. Und jetzt?

Zuerst die Bestellung. „Ein Stück Himbeerkuchen, eines mit Heidelbeeren und zwei Mal Cappuccino.“ Jetzt, nachdem die junge Frau ihre Wünsche losgeworden ist, bleibt sie vor der Bäckereitheke stehen und raunt ihrer männlichen Begleitung zu: „Hast du’s gehört? Dass sie jetzt auch gegen einen dritten Großbetrieb ermitteln. Auch bei uns.“ Namen von Großbauern fallen, die hier in Bad Grönenbach jeder kennt. „Wer soll’s denn auch sonst sein?“, meint der Mann und nimmt das Tablett mit Kuchen und Cappuccino entgegen.

Dabei ist es ein Nachmittag wie jeder andere in Bad Grönenbach. Kurgäste schlendern durch die beschauliche Marktgemeinde, Urlauber studieren an der Schautafel Radrouten durchs Unterallgäu. Im Dorflädele gibt es T-Shirts mit Kuhaufdruck zu kaufen, am Marktplatz serviert Charly, wenn nicht gerade Ruhetag ist, Fleisch von glücklichen Kühen aus dem Allgäu. Und ein paar Meter weiter, in der Bäckerei Wieser, löffelt die junge Frau Milchschaum von ihrem Cappuccino und sagt: „Man darf nicht alle Bauern über einen Kamm scheren.“ Auch nicht nach all den Schlagzeilen über Bad Grönenbach.

Bad Grönenbach steht jetzt für einen Tierskandal, der immer weitere Kreise zieht

Vor Monaten noch, da verband manch einer den Namen der Gemeinde vielleicht mit der Ausfahrt an der A7. Oder mit den hiesigen Rehakliniken. Seit Anfang Juli aber die Bilder von kranken und gequälten Kühen öffentlich wurden, die die Soko Tierschutz in einem Großbetrieb aufgenommen hat, steht Bad Grönenbach für einen Tierskandal, der immer weitere Kreise zieht. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft Memmingen gegen drei Großbauern aus dem Ort.

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Da drängt sich doch die Frage auf: Ist das ein spezielles Problem von Bad Grönenbach – jener Gemeinde mit ihren 5682 Einwohnern und etwa 8000 Milchkühen? Und wenn ja, warum?

Ein Blick in die bayerische Statistik jedenfalls verrät, dass die Strukturen hier anders sind als im Rest des Freistaats: Ein durchschnittlicher Milchviehbetrieb in Bayern hat 40 Kühe, im Unterallgäu sind es fast 60. Zuletzt gab es im Freistaat fünf Betriebe mit mehr als 500 Milchkühen, drei davon im Unterallgäu, davon wiederum zwei in Bad Grönenbach. Von einem der Großbetriebe mit 1700 Kühen stammen die Aufnahmen der Soko Tierschutz, auch gegen den zweiten wird ermittelt.

Ist es die Gier, immer noch mehr Kühe zu halten?

Für Hans Foldenauer vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) ist es kein Zufall, dass die aktuellen Fälle im selben Ort spielen. Das Rennen, wer den größeren Hof hat, wer mehr Kühe im Stall halten oder noch mehr Land bewirtschaften kann, das beobachtet er in vielen Dörfern. Andere, die man fragt, sagen, in Bad Grönenbach hätten sich zwei gefunden, die Landwirtschaft unternehmerisch denken, die voneinander gelernt haben, wie man wächst. Foldenauer, der selbst einen Hof mit 95 Kühen bewirtschaftet, glaubt nicht daran. „Das ist die Gier, der Beste zu sein. Da schaltet dann das Hirn aus.“

Aus seiner Sicht kommen da viele Dinge zusammen: die Agrarpolitik der EU, nach der die Förderung umso höher ausfällt, je größer ein Betrieb ist – auch, wenn Bayerns Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber die Zahlungen nun deckeln will; die Betriebsberater, die auch bei Stallneubauten ins Spiel kommen und die den Bauern predigten, dass sie heute dank der Automatisierung immer mehr Milchkühe versorgen können – mit der Folge, dass die Ställe immer größer würden und die Zahl der Kühe weiter zunehme. „Wir haben alle miteinander das Problem, dass für die in den Betrieben steigenden Tierzahlen zu wenig Arbeitskräfte da sind.“ Foldenauer spricht von einer Spirale aus Selbstüberschätzung und Überforderung, die sich auf vielen Höfen auftut und die viele Folgen haben kann: Depressionen, die in Bauernfamilien überdurchschnittlich häufig zutage treten. Oder aber, dass es mancher nicht mehr so genau nimmt mit dem Wohl der Tiere. Wobei, auch das will Foldenauer betonen, Tierquälerei per se nichts mit der Betriebsgröße zu tun habe und Verstöße gegen das Tierwohl auch in kleineren Betrieben vorkommen können.

Gerhard Trunzer steht im Laufstall für seine 80 Kühe, zeigt auf Leni, die 17 Jahre alte Kuh, deren Bild auch seine Gürtelschnalle ziert, und überlegt. Zusammen mit Siegfried Villing, dem Bad Grönenbacher Ortsobmann des Bauernverbands, will er reden: Darüber, dass es schon mal einfacher war, Landwirt zu sein – zumal zu dieser Zeit, zumal an diesem Ort. Darüber, dass Bad Grönenbach mehr ist als dieser Skandal. Mehr als diese Großbetriebe. Dass es auch die normalen, durchschnittlichen Bauern hier gibt. Eines aber, das muss Trunzer gleich loswerden: Was da im ersten Großbetrieb passiert und auf den Videos der Soko Tierschutz zu sehen ist, „das ist illegal. Und das gehört bestraft, allerdings von den zuständigen Behörden und nicht in einem Akt von Selbstjustiz.“

Gerhard Trunzer hat Sorge vor den Kontrollen. Weil schon Kleinigkeiten reichen, „und ich stehe in der Zeitung wie der, der seine Tiere gequält hat.“
Bild: Ralf Lienert

Trunzer zeigt die Strohbox, in der eine kranke Kuh liegt, den Melkstand, die Milchkammer. Und betont, dass er nichts zu verbergen hat. Und trotzdem sind die Dinge nicht so einfach in dem Ort, in dem der Tierskandal zu Hause ist und die Bauern in Habachtstellung sind. Weil sie zusammenzucken, wenn ein fremdes Auto auf den Hof fährt. Weil man sich fragt, was der will. Oder weil es eine dieser Großkontrollen sein könnte.

„Und ich stehe in der Zeitung wie der, der seine Tiere gequält hat.“

Mit welcher Vehemenz die landwirtschaftlichen Betriebe im Ort zuletzt kontrolliert wurden, macht den Bauern Angst. Villing erzählt von Höfen, wo ein Großaufgebot an Veterinären und Staatsanwälten aufmarschierte, wo Landwirte unter Generalverdacht gestellt wurden. Trunzer sagt: „Man will der Öffentlichkeit zeigen, dass die Staatsregierung etwas tut. Aber da werden Landwirte, die sich nichts zuschulden kommen lassen, kriminalisiert.“ Plötzlich würden Dinge angemahnt, die bei vorherigen Kontrollen kein Problem waren. Die Frage etwa, ob die Milch vor dem Melken in einem Vormelkbecher landet, der weder das Tier noch den Boden berühren darf, ob der Reinigungskanister in der Milchkammer nicht am Boden steht. Ein Verstoß, sagt Trunzer, gelte als Mangel. Im schlimmsten Fall sperren die Behörden den Betrieb für die Milchlieferung. „Und ich stehe in der Zeitung wie der, der seine Tiere gequält hat.“

Siegfried Villing ist Ortsobmann in Bad Grönenbach. Die Stimmung unter den Bauern ist am Boden, sagt er.
Bild: Ralf Lienert

Ein paar Kilometer weiter steht Ortsobmann Villing am Zaun. Vor ihm seine 70 Milchkühe, die auf der Weide grasen, dahinter der neue gebaute Stall. Vor zwei Jahren hat der 51-Jährige auf Bio umgestellt, Pessimismus ist da verboten, sagt er. Auch wenn die Stimmung in der Branche so schlecht sei wie noch nie. Erst recht in diesem Jahr, wo zu all den Problemen, von der Düngeverordnung bis zum Preisdruck, von der Bürokratie bis zum fehlenden Verständnis für die Bauern noch das Bienen-Volksbegehren kam, sagt Villing. Die Folgen sehe man jetzt schon. 15 junge Leute machen derzeit im Unterallgäu die landwirtschaftliche Ausbildung. 60 bis 70 bräuchte es, damit die Nachfolge auf den Höfen geregelt ist. Trunzer sagt: „Der Zug für die bäuerlichen Betriebe ist abgefahren.“

Der 42-Jährige steigt ins Auto, er will das andere Bad Grönenbach zeigen – fernab von riesigen Mais-Schlägen und Milchviehställen, die andere als „Agrarfabriken“ bezeichnen. Es geht vorbei an Wiesen und Weideflächen, Fischweihern und Wäldern, von einem Dorf zum nächsten, von einem Weiler zum anderen. In vielen stehen neu gebaute Laufställe, in anderen alte Höfe, die aufgegeben wurden. 43 Ortsteile, Weiler und Einöden gehören zu Bad Grönenbach. Auf den Dörfern, sagt Trunzer, spiele die Landwirtschaft nach wie vor eine große Rolle – im Kernort selbst gibt es nur einen Hof.

In diesen Tagen gibt es kein anderes Thema in Bad Grönenbach

Und doch hängt das Thema über der Marktgemeinde wie die grauen Wolken an diesem Augusttag. Eine junge Frau im Hosenanzug hetzt über den Marktplatz. Über die Bauern will sie nicht reden. Sandro Guiducci schon. Weil es in diesen Tagen sowieso kein anderes Thema gibt. Und weil der Wirt der Osteria Fontana ein paar Minuten Zeit hat. Er schimpft über die Agrarsubventionen, von denen ja die Großen umso mehr profitieren, und darüber, dass man die Bauern doch verpflichten müsste, dieses Geld in Tierschutz zu investieren. Dann sagt er noch: „Es ist nie gut für einen Ort, wenn so etwas passiert.“

Erst recht nicht für einen Ort, der als Kneippheilbad Besucher anziehen will. Gut 28.000 Gäste und knapp 165.000 Übernachtungen zählte man 2017 – den Großteil davon machen die Patienten der Kurkliniken aus. In den Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen ist jetzt, im August, die wichtigste Zeit.

Bad Grönenbach ist ein beschaulicher Ort mit 5682 Einwohnern und 28.000 Touristen im Jahr.
Bild: Ralf Lienert

Christina Stüwe winkt ab. Traurig sei das alles. Wenn sie Freunden daheim, im niedersächsischen Celle, berichtet, was hier passiert ist, muss sie ganz von vorne anfangen. Die wenigsten hätten das mitgekriegt, sagt die 70-Jährige, die zur Kur hier ist. Ins Allgäu, meint sie dann noch, kam sie schon vor 30 Jahren. Und sie wird es auch in Zukunft tun.

Aber sind die Dinge wirklich so einfach – gerade in einer Region, die mit dem Bild grüner Weiden und glücklicher Kühe wirbt? Im Bad Grönenbacher Rathaus mag man sich in diesen Tagen dazu nicht äußern. Bürgermeister Bernhard Kerler ist im Urlaub, seine Stellvertreterin Ilse Dorn lässt über das Rathaus ausrichten, es sei alles gesagt. Vielleicht auch, weil man dort einiges hat aushalten müssen, seit die Bilder gequälter Kühe öffentlich wurden. Beschimpfungen wütender Anrufer, Mails mit wüstem Inhalt. Es habe, so die Vorwürfe, doch jeder von den Vorfällen auf dem Hof gewusst. Touristen drohten, nicht mehr ins Allgäu zu kommen, berichtete Kerler dem Bayerischen Rundfunk.

Aufregung findet man in Bad Grönenbach in diesen Tagen nicht. Eher Trotz vielleicht. Mancher, mit dem man spricht, sagt, dass es doch nur eine Frage der Zeit gewesen sei, bis solche Schlagzeilen auftauchen. „Es ist eine Todsünde, dass man so viele Tiere zusammenpfercht“, meint einer. Und umgekehrt ein Glücksfall, dass sich einer von hier getraut habe, die Missstände öffentlich zu machen.

Ortsobmann Villing erklärt, dass sich die Bauern demnächst zusammensetzen wollen und überlegen, was man tun kann. „Das Leben in Bad Grönenbach geht ja weiter.“ Für die Bürger, für die Bauern, aber auch für die Betriebsinhaber, gegen die ermittelt wird, und deren Familien. „Das sind ja nach wie vor Menschen“, sagt Villing. Und dass es zu weit gehe, die Betroffenen mit Hetzkampagnen zu überziehen oder zu bedrohen. „Das sind doch Wildwest-Methoden.“

Die Einheit und Gemeinschaft im Ort dürfe nicht leiden, hat der Bürgermeister zuletzt in den „Marktnachrichten“ appelliert. Und die Bürger gebeten: „Bitte tragen Sie dazu bei, dass keine Gräben innerhalb der Gemeinde aufbrechen, die auch lange nach einer gerichtlichen Aufarbeitung zur schwer beseitigenden Hürde werden und das Zusammenleben in unserer Gemeinde beeinträchtigen.“

So einfach dürfte das nicht werden. Nicht nach der jüngsten Razzia vergangene Woche in dem dritten Betrieb. Nicht, nachdem seit Montag klar ist, dass die Behörden seit Jahren von Tierschutzverstößen in Großbetrieb Nummer eins wussten. Wie aus Unterlagen des bayerischen Umweltministeriums hervorgeht, litten die Kühe unter Verletzungen, Haut- und Eutererkrankungen, in manchen Ställen gab es zu wenig Fress- und Liegeplätze. Florian Brunn, umweltpolitischer Sprecher der SPD, sagt: „Es ist vollkommen unbegreiflich, warum hier nicht früher hart durchgegriffen wurde.“

So schnell, das scheint klar, wird Bad Grönenbach nicht zur Ruhe kommen.

Lesen Sie dazu auch: Nach Tierskandal im Allgäu: So leben gesunde Kühe

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