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Fürstentum Seborga

03.01.2020

Wie eine Allgäuerin Prinzessin in Ligurien wurde

Nina Döbler-Menegatto auf Heimatbesuch in Kempten.
Bild: Christoph Kölle

Plus Als Nina Döbler-Menegatto ins italienische Seborga zieht, beginnt eine unglaubliche Geschichte. Nun ist sie Regentin des kleinsten Fürstentums.

Welches kleine Mädchen träumt nicht davon, eine Prinzessin zu sein? Schön und immer strahlend, elegant gekleidet, von anderen bewundert, ein leuchtendes Vorbild für das Land, das man vertritt. „Natürlich habe ich mir das als Kind auch gewünscht“, sagt Nina Döbler-Menegatto. Bei allen anderen sind die Klein-Mädchen-Träume verflogen, das Leben der heute 41-Jährigen dagegen nahm eine märchenhafte Wendung. Die gebürtige Kemptenerin trägt den wohlklingenden Titel „S.A.S Sua Altezza Serenissima Nina di Seborga“ – Ihre Durchlaucht Nina von Seborga.

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Sie wurde vor wenigen Tagen zur Prinzessin des kleinsten Fürstentums in Europa gewählt. Mit 320 Untertanen, den Einwohnern des Örtchens Seborga im italienischen Ligurien. Das prachtvolle Fürstentum Monaco liegt in Sichtweite. Für die englische Boulevardpresse ist Prinzessin Nina „The Tremendousness“ – Ihre Herrlichkeit.

Seborga ist ein malerisches Dorf unweit von San Remo. Auch die französische Grenze ist nicht weit entfernt.
Bild: Luca Pagani

Prinzessin Nina sitzt in der Kemptener Zuckerbäckerei Sissi am Rathausplatz. Viele kleine Accessoires sind dort in Pink gehalten, das Ambiente hat etwas von einem Puppenhäuschen. Herzchen, gehäkelte Tischsets, selbst die Blumen passen farblich. „Süß“ findet das die 41-Jährige, die in Italien ein ganz anderes Ambiente gewohnt ist.

Sie ist über Weihnachten und Neujahr auf Urlaub daheim bei den Eltern, die in der Nähe von Kempten leben. Wird dort umsorgt, wie das liebevolle Eltern mit ihren Kindern eben machen, Prinzessin hin oder her. Es gibt Kässpatzen und Krautkrapfen. In der Zuckerbäckerei sieht der Prinzessin niemand ihren Status an. Sie trägt ein schlichtes, aber elegantes grünes Kleid, darüber einen hellbraunen Webpelz, eine kleine Designerhandtasche passt stilsicher dazu.

Man muss das noch einmal betonen: Sie ist nicht als Adelige geboren, sondern wurde gewählt. Das hat mit der undurchsichtigen Geschichte von Seborga zu tun. Es geht um historische Daten und um Dokumente in Archiven von Turin und des Vatikans.

Als Prinzessin Nina davon erzählt, wird der Gesichtsausdruck der jugendlich aussehenden Frau ernst und die Stimme staatstragend. Begonnen hat alles im Jahr 954, als ein Graf das Dorf Benediktinermönchen schenkte. Gut 100 Jahre später wurde das Gebiet zum Fürstentum des Römischen Reiches erklärt, es wurde ein souveräner Staat daraus. Da Mönche keine Kinder und damit keine Erben hatten, wurde der Regent gewählt.

Der erste Fürst war ein Blumenhändler

Dann das Entscheidende für die heutige Zeit: 1729 verkauften Mönche das Land an den Herzog von Savoyen, doch der Kaufvertrag wurde nirgendwo registriert. Das fand in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Hobbyhistoriker heraus, der Blumenhändler Giorgio Carbone. Auch als 1946 die Italienische Republik gegründet wurde, tauchte Seborga in keinem Dokument auf. „Wir haben nie zu Italien gehört“, schloss der Heimatforscher daraus und begeisterte schnell die Einwohner des Dorfes für seine Schlussfolgerungen.

Das Fürstentum lebte also; was fehlte, war ein Fürst. Kurzerhand wurde der Blumenhändler zu Giorgio I. erkoren.

Als Nina Döbler-Menegatto das erste Mal von dieser sagenhaften Geschichte hörte, „dachte ich, die sind doch alle verrückt“. Ihre blauen Augen glänzen, als sie das sagt. Beim nächsten Satz legt sie auf einen ernsten Tonfall spürbar Wert: „Wenn man sich aber damit intensiv beschäftigt, ist das megainteressant.“

Staatsangelegenheit oder Märchen, die Allgäuerin wurde so oder so ein Teil davon. Wie bei allen Märchen verläuft aber auch ihr Leben nicht nur traumhaft schön, es gibt ein Auf und Ab mit tragischen Schattenseiten, bevor sich alles zum Guten wendet. Bereits mit 15 lernt sie in einem Schweizer Internat ihren späteren Mann Marcello Menegatto kennen. Sie heiratet 2005 den Sohn eines Bauunternehmers und zeitweise professionellen Speedboot-Fahrer. Eine Traumhochzeit. Sie findet auf der Bühne des Festspielhauses Füssen statt, die Darsteller des König-Ludwig-Musicals bieten einen eindrucksvollen Rahmen. Der Märchenkönig und „Sissi“ singen Arien.

Ihre Eltern waren Miteigentümer des Festspielhauses in Füssen

Möglich ist dies, weil die Eltern der jungen Frau damals Miteigentümer des Festspielhauses sind. Die Familie, die mit dem Betrieb des Kemptener Schlachthofs viel Geld verdient, hat nach einer Insolvenz des Musicalunternehmens zusammen mit anderen Gesellschaftern Millionen Euro in die Wiederbelebung gesteckt. Nach der Vermählung fährt die Hochzeitsgesellschaft mit Kutschen zum Schloss Neuschwanstein hinauf. „Ein Traum“, schwärmt Prinzessin Nina noch heute.

Die Kemptenerin ist fasziniert von der Geschichte des Märchenkönigs und vom Musical. „Ich bin ein riesiger Fan. Wenn ich zwischendurch im Allgäu war, habe ich es manchmal zweimal am Tag angeschaut. Insgesamt sicher mehr als 100 Mal.“ Abrupt endet die Möglichkeit, diese Faszination auszuleben: Auch der zweite Anlauf im Festspielhaus scheitert am schwindenden Zuschauerinteresse, wieder muss Insolvenz angemeldet werden.

Zu dieser Zeit lebt die junge Frau mit ihrem Mann bereits in Seborga. Geschäftlich ist man in Monaco tätig. Marcello Menegatto arbeitet in der Immobilienbranche, Nina führt mit einer Freundin eine kleine Firma. Sie stellen unter anderem T-Shirts mit Formel-1-Motiven her. 2009 stirbt Giorgio I., Seborga braucht einen neuen Fürsten. Die Einwohner fragen Marcello Menegatto – und der stimmt zu. Die Wahl ist mehr oder weniger Formsache. Nina Döbler-Menegatto wird zur Außenministerin in einem neunköpfigen Ministerrat ernannt.

Der neue Prinz will ein Hotel und einen Golfplatz bauen. Seborga liegt im Hinterland, in den Hügeln oberhalb von San Remo. Eine einzige Straße führt in das Dorf, dessen Menschen von der Landwirtschaft leben. Jeden Februar ist die ganze Gegend in Gelb getaucht, auf den Bäumen brechen feine Mimosenblüten auf. Zum internationalen Frauentag am 8. März verkaufen die örtlichen Blumenbauern die Pflanzen weltweit, auch an deutsche Discounter. „Uns kann nichts Schlimmeres passieren, als dass es im Januar oder Februar schneit“, sagt Prinzessin Nina. Abseits der Landwirtschaft gibt es wenig Verdienstmöglichkeiten. Also will Fürst Marcello den Tourismus ankurbeln.

Wer auf der verschlungenen Straße ins 500 Meter hoch gelegene Seborga fährt, kommt an einer Grenzstation mit Wachhäuschen vorbei. Manchmal steht dort eine uniformierte Wache – ein ehrenamtlicher Job. Über Seborga weht eine eigene Staatsfahne mit neun weißen und blauen Streifen. Finanziert haben das alles die Principes. Das Fürstentum hat sein eigenes Geld, den Luigino. Es gibt eigene Briefmarken, die Bewohner haben einen eigenen Pass. Der Schönheitsfehler: Mit dem Geld kann man nirgendwo bezahlen, mit den Briefmarken nichts verschicken, mit dem Pass nicht verreisen. Der italienische Staat erkennt das Fürstentum nicht an.

Wer nach Seborga fährt, kommt an diesem Wachhäuschen vorbei. Manchmal steht dort eine uniformierte Wache – ein ehrenamtlicher Job.
Bild: KuKo

Als Seborga vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte seinen Status erstreiten will, wird die Klage nicht angenommen. „Das war stümperhaft gemacht“, sagt Prinzessin Nina. Sie will einen neuen Anlauf nehmen, Anwälte bereiten die Klage vor. Während in Deutschland vermutlich längst mit einem Verwaltungsakt alle Aktivitäten unterbunden worden wären, unternehmen die italienischen Behörden nichts gegen das Fürstentum. Immerhin führen die Einwohner von Seborga getreulich Steuern an den italienischen Fiskus ab.

Bei der Wahl erhielt sie 78 Prozent der Stimmen

Im April vergangenen Jahres dankt Marcello I. unvermittelt ab. Das Ehepaar hat sich getrennt. Das Fürstentum steht erneut ohne Principe da. Wieder nimmt die Sache eine höchst ungewöhnliche Wende: Nina Döbler-Menegatto wird überraschend gefragt, ob sie sich um die Nachfolge bewerben will. Es gibt schließlich sogar zwei Kandidaten. Genauer: zwei Kandidatinnen. So oder so wird also eine Frau Regentin werden. „Frauenpower“, nennt die 41-Jährige das. Ihre Gegenkandidatin ist die Tochter des ersten Fürsten, Giorgio I. Das Wahlergebnis ist überwältigend: Prinzessin Nina gewinnt mit 78 Prozent der Stimmen. Sie ist für sieben Jahre gewählt.

Auch die neue Regentin hat einiges vor. Das geplante Luxushotel mit 80 Zimmern soll endlich gebaut werden. „Die italienische Bürokratie ist das reinste Chaos“, begründet sie, dass noch nichts geschehen ist. Sie verzieht das Gesicht dabei. Und eine Wachablösungszeremonie will sie einführen, als Touristenattraktion. Monaco ist ihr Vorbild. So prunkvoll mit Palästen und einer Millionärsdichte, die ihresgleichen sucht, soll Seborga freilich nicht werden, schiebt sie sofort hinterher. „Bei uns sollen das Leben und die Landschaft natürlich bleiben.“ In Seborga drängen sich in mittelalterlichen Gassen jahrhundertealte Häuser dicht an dicht. Allerdings gibt es 2000 Zweitwohnungen und die Immobilienpreise sind italienweit die höchsten im Vergleich mit anderen Dörfern.

In Monaco trägt Prinzessin Nina High Heels, daheim im Dorf Gummistiefel. Sie liebt Pferde, besitzt einen Bauernhof „mit Ponys, Hunden, Katzen“. Wenn sie so erzählt und man ihr dabei in die Augen sieht, kann der Unbeteiligte nicht ansatzweise erkennen, was ernst gemeinter Einsatz für ein unabhängiges Fürstentum ist und was nur Tourismus-Marketing für eine wunderschöne, aber abgelegene Gegend Italiens. Darauf angesprochen lächelt sie sanft, wie nur eine Prinzessin lächeln kann. „Kommen Sie nach Seborga und finden es heraus.“ Auch wenn sie auf die Umgangsformen in ihrem Fürstentum angesprochen wird und auf den Respekt, den man ihr entgegenbringen muss, kokettiert sie nur: „Auf die Knie, kein Augenkontakt.“ Der Unterton ist spaßig, doch was heißt das schon?

Für ihr Fürstentum hofft Prinzessin Nina auf eine märchenhafte Zukunft. Für sie persönlich hat sich kürzlich bereits alles märchenhaft zum Guten gewendet: Vor fünf Monaten hat sie ihre Tochter Maya auf die Welt gebracht und das Glück darüber ist unübersehbar. „Jetzt bin ich erst mal Vollzeitmama.“ Erst im Frühjahr wird sie wieder öffentlich Hof halten, am 3. Mai bei ihrer eigenen feierlichen Krönung.

Der Fernsehsender Sat.1. zeigt an diesem Samstag, 19 Uhr, in der Reihe „Grenzenlos – die Welt entdecken“ eine Reisereportage über Ligurien.

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05.01.2020

Was wollen Sie beide eigentlich ?

Zum Einen können und dürfen Sie beide doch gerne jederzeit jede andere Zeitung - welche Ihren "hochstehenden geistigen Ansprüchen besser entgegenkommt - konsumieren .
Das ist - nebenbei gesagt- ein Privileg , welches allein in den westlichen Ländern beansprucht werden kann . Also auch von solch plakativ "kritischen" Geistern wie Ihnen .
In Teheran . Moskau oder Peking fällt das umso schwerer .

Zum Anderen berichtet die Augsburger Zeitung doch ausgiebig über Ihre mutmaßlichen Weltuntergangsszenarien !


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05.01.2020

Die Hochschule und die Uni in Augsburg haben in den letzten 20 Jahren einen immer besseren Ruf, der FCA spielt etliche Jahre schon in der 1. Liga, das Theater wurde immer besser, da wünscht man sich halt, dass auch die einzige Zeitung am Ort ein etwas höheres Niveau anstrebt.

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04.01.2020

Diese "seichte" Story neute schon als komplette Dritte Seite in der Printausgabe wahrgenommen. Ich frage mich, wozu das Ganze. Nur weil jemand im Allgäu geobren wurde und ein paar Jahre dort lebte?
Mich interessieren die am Rande erwähnten "Insolvenzopfer" (Angestellte und Lieferanten und Dienstleister) des Schauspielhauses und der Allgäu Fleisch deutlich mehr.
Wollen Sie, werte Redaktion, mit derartigen journalistischem Leichtmatrosentum in den "Lesezirkel" mit aufgenommen werden?

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04.01.2020

Artikel über Trump der einen Krieg lostreten möchte, Cum-Ex mit 55 Milliarden Schaden, ein brennendes Australien, Klimawandel usw. ist uns dummen "Augschburgern" halt nicht zuzumuten.

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