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Kultur

12.02.2015

Wie es zu dem Verzicht auf einen neuen Münchner Konzertsaal kam

2020 könnte der Umbau des Konzertsaals der Philharmonie im Gasteig in München beginnen. Wo die beiden Münchner Sinfonieorchester übergangsweise spielen werden, ist unklar.
Bild: Matthias Schönhofer, dpa

Die Stadt München und der Freistaat entsagen einem neuen Konzertsaal. Aber das ist nicht alles. Eine Geschichte über eigene Süppchen, raue Töne und einen mutmaßlichen Kuhhandel.

Bevor sich der bayerische Justizminister zu seinem Kollegen, dem bayerischen Kultusminister, in der Weinstube am Platzl gesetzt hatte, um diesen ein wenig zu tratzen, war er durch den Englischen Garten spaziert. Aus einem Abonnementskonzert kommend, hatte er dabei Melodien einer Brahms-Sinfonie gebrummelt. Zufrieden war er mit sich gewesen, zufrieden hatte er sich selbst bestätigt: „Die Nörgler mögen sagen, was sie wollen, gute Musik macht man in München.“

Gute Musik macht man in München. Der Satz gilt bis heute, 90 Jahre nach der oben geschilderten Szene aus dem Roman „Erfolg“, in dem Lion Feuchtwanger politische Sitten, Eigenheiten und Bräuche im Oberbayern der 1920er Jahre charakteristisch verdichtet.

Was sich indessen geändert hat seitdem, das ist der Ort, an dem der Justizminister Brahms hören kann: entweder im Herkulessaal der Residenz oder in der Philharmonie am Gasteig – jedenfalls nicht mehr im berühmten, seinerzeit wohlklingenden Konzertsaal des Odeons am Beginn der Ludwigstraße, wo jetzt der Kollege vom Innenministerium hockt. Und genau darin liegt der Hund begraben. Es gibt in der Landeshauptstadt keinen Konzertsaal, der ausreichend groß ist – und gleichzeitig die Musik, die gespielt wird, unverfälscht wiedergibt. Heute gilt also: Gute Musik macht man in München, doch unter mäßigen Umständen. Der Herkulessaal fasst knapp 1300 Zuhörer; in der Philharmonie am Gasteig wiederum, ein Multifunktionssaal, gibt es unter den 2400 Plätzen auch „Hörlöcher“ und auf anderen Sesseln Echos von der rückwärtigen Saalwand. Ganz abgesehen davon, dass sich die aufspielenden Orchestermusiker nicht immer gegenseitig vernehmen.

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In München wird seit zehn Jahren nach einem zusätzlichen Konzertsaal gesucht

Weil dem so ist, wird seit geraumer Zeit in München nach einem zusätzlichen Konzertsaal in neuem oder altem Gehäuse gesucht, genau genommen seit nunmehr zehn Jahren. Eine Menge Holz. Der Bedarf, der zunächst durchaus umstritten war, wurde zuletzt durch mehrere Zusagen von Ministerpräsident Horst Seehofer anerkannt. Man könnte sie auch als öffentliche Gelöbnisse für einen komplett neuen Konzertsaal betrachten.

Was ist nicht alles geprüft worden auf der langwierigen Suche nach räumlicher Verbesserung vor allem für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, aber auch für die städtischen Münchner Philharmoniker! Beide Orchester, dazu auch die privaten Konzertveranstalter, drängeln sich in der mäßigen Akustik der Gasteig-Philharmonie – wobei die Münchner Philharmoniker das Hausrecht, das heißt das Erstbelegungsrecht haben. Jedenfalls wurden etliche neue oder eingeführte Standorte für ein neues Konzerthaus geprüft. Die einen sprechen von 17 Konzepten, die anderen von 40. Spektakulär darunter waren eine Insel in der Isar, die Reaktivierung des Kongresssaals im Deutschen Museum und ganz zuletzt unter dem Namen „Neues Odeon“ ein freies Grundstück am Finanzgarten unweit des Hofgartens. Für einen dortigen Neubau hatte auch eine Arbeitsgruppe des Kunstministers (CSU) plädiert.

Der Gasteig werde von der Philharmonie entkernt, ein neuer Konzertsaal eingebaut

Doch dann schlug der Ministerpräsident (CSU) vor zwei Wochen diese Empfehlung aus eigenen Reihen in den Wind – und einen überraschenden Haken. In so denkwürdiger wie verblüffender Allianz mit Münchens SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter erklärte er die Diskussion um einen neuen, zusätzlichen Konzertsaal für beendet, indem er ankündigte: Der Gasteig werde von der Philharmonie entkernt, ein neuer Konzertsaal eingebaut und der Herkulessaal „ertüchtigt“. Seitdem das raus ist, ist die Diskussion erst richtig in Fahrt gekommen, begleitet von rauen Dissonanzen.

Ein bisschen hatte man ja Seehofer in seiner urbayerischen Hauruck-Entscheidung verstehen können. Er war das Hin und Her leid bei einer Standortsuche, die seitens Freistaat und Stadt München mit offensichtlich stark unterschiedlichem Engagement und unterschiedlicher Überzeugung betrieben wurde.

Aber dass er nun, nachdem er den neuen Konzertsaal der Landeshauptstadt sogar schenken wollte, auf die herkömmlichen, als überholt erkannten Saal-Gegebenheiten zurückfällt, das bringt berechtigt aus der Fassung. Der Kini einst hätte visionär anders entschieden.

Auch Geigerin Anne-Sophie Mutter hätte anders entschieden

Auch die große Geigerin Anne-Sophie Mutter, die sich doppelt übers Ohr gehauen fühlte – vom Ministerpräsidenten und vom Kunstminister – hätte anders entschieden. Und mit ihr eine ganze Riege berühmter Sänger und Dirigenten, die sich bis zuletzt für den neuen Konzertsaal stark gemacht hatten: unter anderen die Netrebko und die Damrau, des Weiteren Barenboim und Rattle in Berlin, dazu in München Petrenko und Jansons, der sogar 250000 Euro aus jener Kasse beitragen wollte, die man gemeinhin als Privatschatulle bezeichnet. Von wo aber keinerlei Unterstützung kam, das waren die Münchner Philharmoniker plus Intendant. Davon wird später noch die Rede sein müssen.

Zunächst einmal: Als Anne-Sophie Mutter erklärt hatte, sie sei doppelt hintergangen worden, da wähnte ein Münchner Politiker auf gscherte Art, die Geigerin habe wohl einen „Knall“. Aber war die Debatte nicht von jeher unsachlich geführt worden? War sie jemals frei von lokalen Eigeninteressen?

War sie nicht. Auf der einen Seite beklagten die Kämpfer für einen neuen Konzertsaal immer wieder, dass die Weltklasseorchester wegen der schlechten Gasteig-Akustik „einen Bogen um München“ machen würden. Wen aber wird man demnächst dort hören können? Die Berliner Philharmoniker, die Wiener Philharmoniker, das Concertgebouw Amsterdam. So viel Fairness muss sein bei der Betrachtung des Großen und Ganzen.

Auf der anderen Seite „entschied“ Seehofer gerade kategorisch gegen alle gesammelten Münchner Wachstumsprognosen, dass die Konzerthörer-Zahlen demnächst sinken werden – obwohl doch die Einwohnerzahlen nachweislich rasant zunehmen. Die Ankündigung einer künftigen Gasteig-Akustik von „Weltniveau“ bedeutet letztlich auch das Streuen von Sand in die Augen. Wenn es denn so einfach und berechenbar auf dem Reißbrett wäre mit dem guten Klang, dann fragt man sich, warum das nicht schon beim alten, übrigens noch nicht abbezahlten Gasteig hinhaute, den abzufackeln einst Leonard Bernstein empfahl. Und mit Entsetzen fragen sich selbst neutrale Beobachter: Wie wird das enden, wenn die durch den Landtag bekräftigte Marschrichtung vorgegeben ist, aber weder Machbarkeitsstudie noch Kostenvoranschlag existieren? Tapfer unterdrücken wollen wir an dieser Stelle den Gedanken an die Kostenexplosion der Hamburger Elbphilharmonie.

Ein Neubau werde Aufmerksamkeit von den Münchner Philharmonikern abziehen

Im zehnjährigen Konzertsaal-Schlagabtausch kochte zu allem Überfluss auch noch die Münchner Stadtregierung ihr eigenes Süppchen. Ihr war – unabhängig vom Interesse der Öffentlichkeit und des Freistaats – immer das eigene Hemd näher als der Frack der Orchestermusiker vom Bayerischen Rundfunk, die in den letzten Jahren zuerst unter Lorin Maazel, dann unter Mariss Jansons musikalisch tatsächlich so zugelegt haben, dass sie mit jenen Weltklasseorchestern konkurrieren, die angeblich um München einen Bogen machen. Deren gewonnene Qualität, die in keiner Relation steht zu den Spiel-Bedingungen im Gasteig, blieb selbst der Münchner Lokalpolitik nicht verborgen.

Und so wurde das BR-Orchester als Gefahr für die Münchner Philharmoniker genauso erkannt wie der Ruf nach einem neuen Konzerthaus als Gefahr für den noch nicht abbezahlten Gasteig-Bau in norddeutschem Klinkerstil. Die Schreckensvision war und ist: Jeder Neubau, erst recht ein glamouröser, wird Aufmerksamkeit von den Münchner Philharmonikern und vom Gasteig abziehen. Weil diesbezüglich aber Fraktionszwang und Loyalität gegenüber dem Brötchengeber Stadt zu herrschen hat, unterstützen die Philharmoniker und ihr Intendant auch nicht einen Neubau. Indessen teilten sie vergangene Woche gedrechselt ihren Abonnenten mit: „In der seit Jahren geführten Debatte um einen weiteren Konzertsaal in München haben sich die Münchner Philharmoniker niemals gegen einen neuen Konzertsaal ausgesprochen.“ Will man mehr dazu wissen, erklärt einem die Pressesprecherin der Philharmoniker: Gespräche zum Thema seien auf Wunsch des Münchner Kulturreferats ausschließlich mit diesem selbst zu führen.

Eine Online-Petition für einen neuen Konzertsaal

Tapfer unterdrücken wollen wir an dieser Stelle den Gedanken an einen Maulkorb. Stattdessen fragen wir uns: Welcher Eindruck wird in der Öffentlichkeit hinterlassen, wenn nicht einmal beide Sinfonieorchester erkennbar an einem Strang ziehen – obwohl beide Orchester durch einen zusätzlichen Konzertsaal Vorteile hätten? Geben die Philharmoniker allein deshalb keinen Laut pro neues Konzerthaus, weil die Stadt München dann den Gasteig selbst renovieren müsste – und nicht vom Freistaat bezahlt bekäme? Wie viel Kuhhandel ist das?

Wie geht es weiter? Gleich nach Seehofers Ankündigung formierte sich harsche, nicht abreißende Kritik in der Öffentlichkeit – und zwar nicht nur in München. Binnen weniger Tage haben bis gestern Abend gut 24.000 Bürger eine Online-Petition für einen neuen Konzertsaal unterschrieben, davon knapp 11000 aus München. Und das BR-Sinfonieorchester will nun weltweit um Spenden für ein zusätzliches Münchner Orchester-Podium bitten. Das Glimmen, das der Ministerpräsident löschen wollte, ist jetzt erst richtig aufgeflammt – auch, weil ungeklärt ist, wo eigentlich ab dem Beethoven-Jahr 2020 die beiden Sinfonieorchester spielen sollen, wenn der Gasteig binnen mehrerer Jahre umgebaut wird. Das letzte Wort ist wohl noch nicht gesprochen. Ein Hintertürchen für die hohe Politik ist im Kunstministerium schon angedeutet worden: Falls sich die nun zu erarbeitenden Gasteig-Umbaupläne als realitätsfern herausstellen sollten, dürfte neu nachgedacht werden.

Schon jetzt nachgedacht werden kann über Folgendes: Die Bayerische Verfassung, die ja auch für die Landeshauptstadt gültig ist, tritt im Artikel 141 im selben Atemzug sowohl für den Wald als auch für den Schutz von Denkmälern der Kunst ein. Aber warum ist es dann so schwierig, dass jenes musikalische Erbe, das die Gesellschaft seit Jahrhunderten begleitet und unserer Nachwelt zu übergeben ist, den geschützten, quantitativ wie qualitativ notwendigen Raum erhält?

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