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Experten-Interview

09.09.2019

Wie nimmt man Kindern die Sorge vorm ersten Schultag?

Wenn Kinder Angst vor dem Ersten Schultag haben, sind Eltern häufig ratlos. Birgit Egger, Kinder- und Jugendlichen-Psychologin in Augsburg, gibt Tipps.
Bild: Alexander Kaya (Symbol)

Viele Kinder sind vor dem Start ins neue Schuljahr freudig aufgeregt. Doch manche haben tiefe Ängste. Wie gehen Eltern damit um? Eine Expertin gibt Rat.

Wenn in zwei Wochen die Ferien vorbei sind, gehen Erstklässler zum ersten Mal in ihrem Leben in die Schule. Viele freuen sich darauf, doch manche haben Angst. Was raten Sie Eltern in so einem Fall?

Birgit Egger: Eltern sollten grundsätzlich erst einmal reflektieren, wie sie selbst den Schulbesuch wahrnehmen. Stehen sie dem ersten Schultag ihrer Kinder positiv und freudig gegenüber oder löst das bei ihnen ängstlich-negative Gefühle aus? Kinder nehmen deutlich wahr, welche Haltung ihre Eltern haben. Wenn Eltern sich ihren Gefühlen und Ängsten bewusst sind, fällt es ihnen leichter, auf ihre Kinder einzugehen. Je optimistischer die Eltern der neuen Situation gegenüberstehen, umso mehr trauen es sich die Kinder selbst zu.

Was kann ich als Elternteil konkret tun, wenn meine Kinder Angst haben?

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Egger: Der erste Schultag ist für Kinder eine völlig neue Situation und oft eine große Herausforderung. In meinen Augen gibt es vier Punkte, die Eltern beachten können, um den Start zu erleichtern:

  • Eltern sollten ihrem Kind Vertrauen schenken. Es ist wichtig, seine Kompetenzen wahrzunehmen und ihm etwas zuzutrauen.
  • Kinder müssen lernen, auch eigenständig schon schwierige Situationen zu meistern. Erst dann kann Selbstwertgefühl entstehen.
  • Eltern sollten ihrem Kind zur Seite stehen, indem sie persönlich anwesend sind, Interesse zeigen und formulieren: "Wir unterstützen dich, wir helfen dir dabei."
  • Kinder sind von Natur aus neugierig und interessiert, da liegt viel Potenzial! Eltern können dieses Interesse bestärken, indem sie dem Kind ein positives Bild von der Schule vermitteln.

Was sollten Eltern auf gar keinen Fall tun, wenn ihre Kinder Angst vor der Schule haben?

Egger: Es ist vielen wahrscheinlich gar nicht bewusst, aber allein schon mit Formulierungen wie der vom "Ernst des Lebens" geben Eltern ihren Kindern eine negative Grundhaltung zur Schule mit. Auch einen überbehütenden Erziehungsstil sollte man vermeiden. Dieser führt in der Regel dazu, dass Eltern ihre Kinder über- oder unterfordern, wodurch Ängste leichter entstehen können. Es ist wichtig, den Kindern im Alltag nicht alle Aufgaben und Probleme abzunehmen. Den Schulweg können Kinder beispielsweise ab der 1. Klasse, nach einer gemeinsamen Eingewöhnung, allein bewältigen. Und sie müssen auch Fehler machen dürfen. Wichtig ist nur, dass Eltern dann nicht wegschauen, oder anfangen ängstlich zu kontrollieren.

Was ist beim Wechsel auf eine weiterführende Schule zu beachten?

Egger: Geht ein Kind nach den Ferien auf eine andere Schule, steht es vor ganz neuen Anforderungen. Lehrer, Mitschüler, Unterrichtsstoff: Alles ist plötzlich anders und neu. Bis sie an einer neuen Schule angekommen sind, brauchen Schüler etwa bis zum Ende des ersten Halbjahres. In dieser Zeit sollten Eltern ihre Kinder nicht alleine lassen, vor allem aber Geduld mitbringen. Leistungsdruck aufzubauen ist dagegen völlig falsch. Als Erwachsener kann ich am zweiten Tag im neuen Job ja auch noch nicht volle Leistung bringen, wenn Chef, Kollegen und Umfeld neu sind. Kindern geht es nicht anders.

Wie kann man damit umgehen, wenn Schüler nach schlechten Erfahrungen nicht in die Schule zurück wollen?

Egger: Wenn ein Kind schon im vergangenen Schuljahr Schwierigkeiten hatte, ist es kurz vor Ende der Sommerferien sehr spät, das Problem anzugehen. Schon weit vorher sollte man darüber sprechen. Am besten ist es, wenn Eltern genau hinschauen, sobald sie Schwierigkeiten wahrnehmen. Es ist wichtig, die Probleme zu verstehen, mit den Kindern darüber zu sprechen und sie gemeinsam zu lösen. Je nach Problematik, können auch Lehrer oder Schulpsychologen helfen.

In welchem Maße sind Ängste bei Kindern normal?

Egger: Es gibt einige Ängste, die für die Entwicklungsphase typisch sind. Menschen machen verschiedene Entwicklungsstufen durch, wobei es in jeder Phase Herausforderungen zu bewältigen gibt. Dass dabei auch Ängste auftreten, ist völlig normal. Im Alter zwischen fünf und sieben Jahren haben Kinder etwa vor Tieren oder Verletzungen Angst. Zwischen acht und elf Jahren fürchten sie vor allem schlechte Noten oder schlechte sportliche Leistungen. Ab zwölf Jahren und bis ins Erwachsenenalter hinein sorgen sie sich vor allem vor Ablehnung durch andere. Wie erfolgreich ein Mensch diese Entwicklungsaufgaben bewältigt, hängt davon ab, wie kompetent er mit dem Thema Angst umgeht und wie das Umfeld auf diese „normalen“ Ängste reagiert.

Wann müssen Eltern etwas gegen die Ängste ihrer Kinder tun?

Egger: Wirken sich Ängste so stark auf das Leben der Kinder aus, dass die Kinder darunter leiden, kann es sich um pathologische Ängste handeln. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Kinder versuchen, bestimmte Situationen, die ihnen Angst machen, zu umgehen. Das kann sich an Fehlzeiten in der Schule oder Krankheitssymptomen wie Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen zeigen. Hier sollten Eltern genauer hinschauen und das Gespräch mit ihrem Kind suchen und sich um Hilfe bemühen.

Wie können Eltern ihrem Kind konkret helfen?

Egger: Liegt bei einem Kind eine pathologische Angst vor, reagiert es unangemessen und übertrieben furchtsam. Normale Situationen werden falsch interpretiert und als bedrohlich und gefährlich erlebt. Eltern haben meist ein ganz gutes Gespür dafür. Sie sollten immer zuerst das Gespräch mit ihrem Kind suchen. Es muss mit seinen Ängsten ernst genommen werden und sich gesehen fühlen. Lassen sich die Ängste nicht ausräumen, empfehle ich zeitnah fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Erste Ansprechpersonen können Kinderärzte, Schulpsychologen oder Schulsozialarbeiter sein. Bei vorliegen einer Angststörung rate ich aber immer zur Vorstellung bei einem Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder bei einem Facharzt für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie. Das ist ganz wichtig: Eltern dürfen sich ruhig Unterstützung holen - sie müssen nicht immer alles alleine lösen.

Zur Person: Birgit Egger ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Augsburg mit Schwerpunkt auf Verhaltenstherapie.

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