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Augsburg

22.11.2019

Wie viel Geld zahlt die katholische Kirche Missbrauchsopfern?

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche hat auch erhebliche finanzielle Folgen.
Bild: Arno Burgi, dpa

Plus Die katholische Kirche diskutiert über höhere Entschädigungszahlungen für Missbrauchsopfer. Doch das Bistum Augsburg hat „erhebliche Bedenken“.

300.000 Euro – davon ließe sich eine Wohnung kaufen; es ließen sich Therapiemaßnahmen bezahlen oder drohender Altersarmut begegnen. Es ist eine Summe, die eine echte finanzielle Hilfe darstellt, nicht wie bisher nur eine eher symbolische "Anerkennung des erlittenen Leids". Die Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch" hat pauschale Entschädigungen bis zu 300.000 Euro, gar bis zu 400.000 Euro nach einem anderen Modell, für jedes Opfer sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche gefordert. Und die deutschen Bischöfe sind nach langem Ringen tatsächlich bereit, ihr bisheriges Verfahren zu reformieren.

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Ende September erklärte der Trierer Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz, es gebe zwar noch keine Präferenz für ein Modell und keine Festlegung auf Summen. Die Bischöfe wollten jedoch "wirklich" ein System, das Betroffene "als angemessen empfinden". Seitdem wird nicht nur diskutiert, woher die Kirche das Geld – von bis zu einer Milliarde Euro insgesamt ist die Rede – nehmen soll. Vor allem wurden hohe Erwartungen geweckt.

Die Diözese Augsburg könnte Täter zur Finanzierung heranziehen

Auch im Bistum Augsburg ist das so. "Die Leute teilen uns nur die Kontonummer mit und erwarten, dass wir in der nächsten Woche die 300.000 Euro überweisen", sagt der bisherige Generalvikar, jetzt ständiger Vertreter des Diözesanadministrators, Harald Heinrich. Aber so leicht laufe die Sache nicht. "Die Diözese Augsburg hat mit Blick auf die Vorschläge des Eckigen Tisches erhebliche Bedenken", erklärt ihr Sprecher. Sie betreffen die "sehr grundsätzliche" Frage, ob diese mit dem deutschen Rechtssystem in Einklang zu bringen seien, etwa dem Gleichheitsgrundsatz. Deshalb prüfe die Diözese derzeit unter Einbeziehung externer Juristen sowohl den Vorschlag des Eckigen Tisches als auch alternative Modelle.

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Dabei geht es besonders um eine Klärung, inwieweit Betroffene im Sinne einer diözesanen Anerkennungs- und Unterstützungsordnung auch monatliche Zahlungen erhalten können. Diese würden dann, anders als bisher, aus Mitteln des sogenannten Bischöflichen Stuhls erfolgen. Dessen Aufgabe ist der Unterhalt des Bischofshauses, die Förderung kirchlicher Aufgaben sowie die Gewährleistung der Pensionsverpflichtungen für Priester. Auch Täter würden, sofern möglich, zur Finanzierung herangezogen. Beratungen und juristische Prüfung der Neuordnung sind noch nicht abgeschlossen. Allerdings ist mit einer Umsetzung bereits in den kommenden Monaten zu rechnen, heißt es.

So viel Geld hat das Bistum Augsburg Missbrauchsopfern gezahlt

Seit 2010 hat das Bistum Augsburg nach eigenen Angaben für 76 Opfer 574.000 Euro aufgebracht. Davon entfielen rund 71.200 Euro auf Therapiekosten. Bei der restlichen Summe handele es sich um "Leistungen in Anerkennung des erlittenen Leids". Diese bekommen Missbrauchsopfer auf Antrag und in der Regel in einer Höhe von bis zu 5000 Euro. Entschädigungszahlungen für "die dauernden Lebensbeeinträchtigungen" in sechsstelliger Höhe pro Opfer sind dagegen etwas völlig anderes. Der Diözese Augsburg würden sie laut Harald Heinrich "hohe zweistellige Millionenbeträge" kosten.

Bislang verlässt sich die Diözese auf die Empfehlung der Zentralen Koordinierungsstelle der Deutschen Bischofskonferenz in jedem eingereichten Fall. "Wir übernehmen sie grundsätzlich, und in finanziellen Notlagen des Betroffenen zahlen wir auch eine höhere Anerkennungssumme aus", erklärt Heinrich. Das könnten bis zu 20.000 Euro sein. Die Zahlungen erfolgten ihm zufolge in den vergangenen Jahren ausschließlich aus Mitteln des Diözesanhaushalts – sprich: der Kirchensteuer. 

Warum Opfer des Missbrauchs in der Kirche jetzt misstrauisch werden

Angesichts der nun diskutierten, deutlich höheren Summen ist eine Debatte über die Frage entbrannt: Dürfen Kirchensteuergelder zur Entschädigung von Missbrauchsopfern eingesetzt werden? Die Reforminitiative "Wir sind Kirche" lehnt es strikt ab, mit Steuergeld für das Versagen der Kirchenleitungen einzustehen. Ihr Vertuschen habe wesentlich dazu beigetragen, dass der Missbrauchsskandal dieses Ausmaß angenommen habe. Bischof Ackermann sieht indes "keine Alternative zur Zahlung von Entschädigungsleistungen für Missbrauchsopfer aus der Kirchensteuer", wie er kürzlich bekräftigte. Auch wenn es vielen Gläubigen widerstrebe, mit ihren Beiträgen für Verfehlungen einzelner Geistlicher einzustehen, seien die Kirchenmitglieder als Solidargemeinschaft in der Pflicht.

Angesichts dieser Debatte – und angesichts von Äußerungen von Bischöfen – beginnen Missbrauchsopfer daran zu zweifeln, ob sie wirklich einmal pauschale Entschädigungszahlungen erhalten werden. Erst am Dienstag hatten sich die Ortsbischöfe mit dem Thema befasst – und betont, es brauche "Zeit, Sorgfalt und umfangreiche Abstimmungsprozesse". Was Opfer wie Peter W. (Name geändert) misstrauisch werden lässt.

Peter W. wurde jahrelang von einem Ruhestandsgeistlichen missbraucht

Der 57-Jährige erwartet von der Kirche, dass sie ihm den Lohn ersetzt, der ihm zwischen einem Herzinfarkt im Alter von 44 Jahren und seinem Rentenbeginn verloren geht. Seit dem Infarkt konnte er nicht mehr voll arbeiten, musste eine Erwerbsminderungsrente beantragen und wurde 2016 als schwerbehindert anerkannt. Mit 65 wolle er wieder eine vernünftige Rente beziehen, sagte er unserer Zeitung. Peter W. führt seine schlechte psychische wie physische Verfassung auf den Missbrauch zurück: Jahrelang wurde er von einem Ruhestandsgeistlichen – er ist mittlerweile gestorben – vergewaltigt. W. vertraute sich damals in den 70ern einer Ordensschwester im Josefsheim in Fischach-Reitenbuch (Kreis Augsburg) an, in dem er als Kind lebte. Sie verprügelte ihn. Aufgrund der Berichterstattung in unserer Zeitung kündigte der heutige Trägerverein des Josefsheims Reitenbuch, die Christliche Kinder- und Jugendhilfe, Ende Oktober an, die Geschichte des Heims von unabhängigen Experten aufarbeiten zu lassen.

Lesen Sie dazu den Kommentar: Die Kirchensteuer für Missbrauchs-Entschädigungen einzusetzen, verbietet sich

Lesen Sie auch: Der Reform-Dialog der Kirche ist zum Scheitern verurteilt 

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