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Wolfsrudel
12.01.2016

Der Wolf ist zurück - bald auch in der Region?

Nur 60 Kilometer vom Bodensee entfernt streunen Wölfe des Calanda-Rudels bis in die Dörfer hinein. (Symbolbild)
Foto: Julian Stratenschulte, dpa

Nur 60 Kilometer südlich des Bodensees hat das Calanda-Rudel seine Jagdgründe. Die Raubtiere wagen sich bis in die Dörfer hinein. Jetzt gibt es sogar eine Abschussbewilligung.

Es ist Zufall, dass Chatrina Cajacob um diese Jahreszeit noch in der Alpwirtschaft werkelt. Sie hilft ihren Eltern, die wettergegerbte Hütte und den windschiefen Stall winterfest zu machen, bevor der ganz große Schnee kommt. Hier im hinteren Taminatal ist es einsam um die Gebäude herum. Da ist es nicht verwunderlich, dass die junge Frau sagt: „Ich hab’ schon Angst vor dem Wolf. Wenn ich in der Dämmerung rausgehe, nehme ich eine große Taschenlampe mit.“

Hinter ihr beginnt der Bergwald. Er zieht sich zum 3247 Meter hohen Ringelspitz empor. Auf der anderen Talseite verstellen Felswände des Calanda-Massivs den Blick. Hier ist Wolfsland. Eines von zwei Rudeln der Schweiz hat in dieser abgelegenen Gegend seit 2012 seine Jagdgründe. Sie beginnen gerade mal 60 Kilometer südlich des Bodensees.

Für zwei Wölfe des Calanda-Rudels ist eine Abschussbewilligung erteilt worden

Zwölf Wölfe sollen es gegenwärtig sein. „Nachts hört man ihr Heulen. Schaurig“, sagt Cajacob. Wenn es nur dies wäre. Aber offenbar wagen sich die Tiere zunehmend in die Nähe von Menschen. Dies soll nun zwei Wölfe das Leben kosten. Kurz vor Weihnachten hat das zuständige eidgenössische Bundesamt für Umwelt eine Abschussbewilligung erteilt. „Gut so“, findet Cajacob. „Für so viele Wölfe ist hier einfach kein Platz.“

Um mangelnden Raum für diese Tiere geht es aber nicht – zumindest nicht aus offizieller Sicht. „Das Problem besteht darin, dass die Wölfe des Calanda zunehmend die Scheu verlieren. Weil ihnen niemand nachstellt, haben sie gelernt, dass der Mensch keine Gefahr bedeutet“, beschreibt Dominik Thiel die Situation. „Das ganze Rudel kommt inzwischen bis in die Dörfer hinein.“

Thiel ist Leiter des Amtes für Natur, Jagd und Fischerei im Kanton St. Gallen, dessen Gebiet sich bis ins Taminatal erstreckt. Sein Amtskollege Georg Brosi vom benachbarten Kanton Graubünden glaubt: Nur der Abschuss zweier Wölfe mache das Rudel wieder scheu und halte es von Siedlungen fern.

2014 war nach 200 Jahren erstmals wieder ein Wolf im Allgäu aufgetaucht

Fürs Erste ist dies ein Problem der beiden Kantone, in deren Grenzbereich das Rudel herumzieht. Es hat aber jährlich bis zu fünf Junge. Und Nachwuchsrüden neigen dazu, auf der Suche nach einem eigenen Revier vom Calanda bis nach Süddeutschland vorzudringen. Die beiden 2015 in Baden-Württemberg – auf der A8 bei Merklingen und an der A5 bei Lahr – überfahrenen Wölfe sollen aus dem Gebirgsstock stammen.

Im Mai 2014 war erstmals nach fast 200 Jahren auch ein Exemplar im Allgäu aufgetaucht, in der Nähe von Oberstdorf. Ein Jäger fotografierte ihn. Auf der unscharfen Aufnahme waren zu sehen: lange Beine, gerader Rücken, die dunkle Spitze der Rute, markante Schnauze, die dreieckigen, leicht abgerundeten Ohren. Eine DNA-Auswertung erbrachte den Beweis. Der Rüde war aus dem benachbarten Vorarlberg herübergewandert. Eine Zeit lang dachte man, er hätte ebenfalls mit dem Rudel am Schweizer Calanda-Massiv zu tun. Bis sich herausstellte, dass er ursprünglich wohl aus Italien, genauer dem Piemont, stammte und über die Schweiz und Österreich im Allgäu gelandet war.

Der Biologe Henning Werth wundert sich nicht darüber. „Gerade Jungwölfe haben einen riesigen Aktionsradius“, sagt der Betreuer des Naturschutzgebietes Allgäuer Hochalpen. 50 Kilometer am Tag sind für so ein Tier kein Problem. Werth geht trotzdem davon aus, dass der Wolf, der sieben Monate später ebenfalls bei Oberstdorf von einer automatischen Wildkamera fotografiert wurde, identisch mit dem ersten war. Zwar hinterließ er diesmal keine DNA-Spuren. Das Landesamt für Umwelt in Augsburg teilte jedoch mit, die Proportionen sprächen für einen Wolf.

Biologe Werth: Möglich, dass der Wolf sich irgendwann wieder dauerhaft in der Region ansiedelt

Werth hält es für möglich, dass dies jederzeit wieder geschehen kann, ja dass sich der Wolf irgendwann sogar dauerhaft wieder in der Region ansiedelt. „Entscheidend ist die Frage, ob er eine Akzeptanz finden würde“, sagt Werth und verweist darauf, dass der Wolf im Allgäu nicht ein Nutztier gerissen habe.

In der Schweiz sieht man vor allem einen Aspekt mit Sorge: Wenn das ganze Rudel die Scheu vor dem Menschen verloren hat, so das Argument, dürfte dies ebenso für die Streuner unter den Tieren gelten. Womit Wolfsbegegnungen auch nördlich des Bodensees heikel werden könnten, heißt es.

Für dortige Ämter scheint diese Sichtweise eher neu zu sein. So verkündet etwa in Stuttgart das Ministerium für Ländlichen Raum traditionell, man sei auf den Wolf gut vorbereitet. Die Lage werde beobachtet. Als Zentrum des Geschehens haben hingegen die Kantonsverwaltungen von St. Gallen wie Graubünden dringenden Handlungsbedarf gesehen. Zuvor waren zig Wolfssichtungen analysiert worden. Darunter befanden sich solche, bei denen die Tiere nach Ansicht kantonaler Behörden Kinder beobachtet haben. Wölfe sind aber auch in der Schweiz streng geschützt. Zudem gilt der Eingriff in ein Rudel als sensibel. Deshalb mussten beide Kantone in der Hauptstadt Bern um Abschusserlaubnis nachfragen.

Wobei es im hinteren Taminatal genug Einheimische gibt, die am liebsten sofort zur Büchse greifen würden. „Ich würde gleich schießen, wenn ich ein Gewehr hätte“, sagt eine Frau in mittlerem Alter, die in Vättis mit einem kleinen Hund spazieren geht. Das Dorf mit seinen rund 1500 Einwohnern ist das Zentrum des hinteren Taminatals. Sauber renovierte alte Häuser drängen sich um die Kirche. Am Ortsrand sind Neubauten entstanden. Dort wohnt die Frau. Sie erzählt, dass sie sich mit ihrem kleinen Liebling nicht mehr in den Wald traue. Dort sei ihr schon ein Wolf begegnet. „Das nächste Mal greift er vielleicht an“, fürchtet sie.

Im Calanda-Bereich hat noch nie ein Wolf Menschen angegriffen

Im gesamten Calanda-Bereich ist so etwas zwar noch nie geschehen. „Aber einmal ist immer das erste Mal“, sagt Eduard Rohrer, ein pensionierter Ausflügler, der sich in Vättis die Füße vertritt – mit einem „mulmigen Gefühl“, wie er es nennt. Getroffen hat Rohrer einen Wolf noch nie. Das braucht es auch nicht. Im Dorf gibt es genug Erzählungen über Wolfssichtungen: „bei der Bushaltestelle“, „vor einem Stall am Ortseingang“, „abends auf dem Heimweg“.

Die Aufzählung lässt sich leicht verlängern. Dazu trägt auch Micha Fischer bei, Wirt des Berggasthofes Eggwald. In seinem Fall tut er dies aber als einer der wenigen vor Ort, die den Wolf entspannt betrachten. Von verlassenen Alphütten umgeben liegt Fischers kleines Anwesen weitab von Vättis Richtung Kunkelspass. Nur ein vereister Weg führt hinauf. Fischer hält Ziegen, Hühner und zwei Hunde. Sein Standpunkt ist: „Wir sollten endlich lernen, mit Wölfen zu leben. Dreimal bin ich die vergangenen Jahre auf welche gestoßen. Sie haben sich nie für mich interessiert.“

Dies mag sein. In der Bevölkerung hat es jedoch von Anfang an wegen der Wölfe gegrummelt. Zuerst murrten Bauern, die im Sommer Schafe, Ziegen oder Rinder auf Hochweiden bringen. Sie befürchteten hohe Verluste unter ihrem Vieh. Mehr als vereinzelte Risse gab es aber bisher im Calanda-Bereich nicht. Etwas anderes rückte dafür in den Vordergrund. Es war letztlich der Anfang der Abschussbewilligung. So klagten Dorfbewohner in den Gebirgstälern schon vor zwei Jahren, dass im Winter Wölfe um die Ansiedlungen schlichen. Wobei dies prinzipiell ein natürlicher Vorgang ist. Bei Kälte und Schnee wandert das Rudel auf Nahrungssuche in tiefere Lagen. Vor allem Rotwild gilt als Leckerbissen. Die Wölfe ziehen mit – und stoßen zwangsweise auf Menschen.

Die Wolfsjagd ist Spezialisten-Sache

Eventuell gibt es aber noch andere Gründe. Darüber wird in der Gegend wild spekuliert. „Menschliches Handeln könnte die Wölfe zusätzlich anlocken“, glaubt David Gerke, Präsident der Gruppe Wolf Schweiz, einer Organisation zum Schutz der Tiere. Konkret geht es um zweierlei Vorwürfe: Offenbar wirft nach wie vor mancher Bauer, wenn eine Kuh gekalbt hat, die Nachgeburt auf seinen Misthaufen. Des Weiteren sind Luderplätze ins Gerede gekommen. Das sind Orte, die von Jägern mit Kadavern bestückt werden, um fleischfressende Tiere anzulocken. In Vättis ist Pro-Wolf-Aktivisten ein solcher Platz aufgefallen, der nur 200 Meter vom Dorf entfernt liegt. Zwei Schweinsköpfe wurden ihren Angaben zufolge dort entdeckt – potenzielles Wolfsfutter.

Nun steht der Vorwurf im Raum, Gegner der Tiere würden dies absichtlich machen. So könnten Zwischenfälle inszeniert werden, heißt es. „Das ist Unsinn“, sagt Oswald Sprecher, Hotelier, Bauer und Jagdpächter in Vättis. Mit drei anderen Jägern sitzt er bei einer Tasse Kaffee in seinem Hotel Tamina. Füchse, sagen die Waidmänner, würden wie immer bejagt. Sie hätten sogar Luderplätze aufgegeben. „Aber es ist eben grundsätzlich so, dass ein Wolf nicht in Wohngebiete gehört. Sein Schutz ist bisher übertrieben worden.“

Die vier Jäger aus dem Hotel werden übrigens nicht zum Schuss kommen. Die Wolfsjagd ist Spezialisten vorbehalten. Dies war bereits in anderen Kantonen der Fall, in denen Wölfe wegen überhandnehmender Schafrisse abgeschossen werden sollten, etwa im Wallis. Im aktuellen Fall ziehen Graubündner und St. Gallener Wildhüter los. Ihre Aufgabe ist schwer. Ziel sind Jungwölfe. Sie sollen im Verband des Rudels geschossen werden, wenn dieses gerade in Dorfnähe ist. Davon versprechen sich die Behörden eine optimal abschreckende Lehre für das Rudel.

Zuvor war bereits im Mai 2014 südlich von Oberstdorf ein Wolf gesichtet worden. Vermutlich handelt es sich um dasselbe Tier.
7 Bilder
Der Wolf kehrt nach Bayern zurück
Foto: Landratsamt Oberallgäu

In drei Monaten läuft die Abschussbewilligung aus

Doch die Zeit drängt. Nach drei Monaten läuft die Abschussbewilligung aus. Es wäre in der Schweiz nicht das erste Mal, sollte es bei einer solchen Jagd keine Schussgelegenheit geben. „Wenn wir aber nichts für die Vergrämung der Wölfe tun, wird ihre sowieso angeschlagene Akzeptanz in der Bevölkerung abnehmen“, warnt Ferdinand Riederer. Als Gemeindepräsident von Pfäfers ist er auch für Vättis zuständig. Seiner Amtskraft sind aber im Zusammenhang mit den Wölfen Grenzen gesetzt. Immerhin reicht sie für Aushänge in Gemeinde-Infokästen. Dort heißt es auf einem Plakat des Kantons unter anderem: „Wölfe im Siedlungsgebiet: Falls der Wolf Ihnen wider Erwarten folgt, bleiben Sie stehen und schreien Sie.“

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