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Würzburg
13.11.2013

14-Jährige wegen Sex-Video gemobbt: Familie verlässt die Stadt

Foto: Julian Stratenschulte (dpa)

Mitschülerinnen einer 14-Jährigen stellten ein Sex-Video von ihr ins Internet. Das Mädchen wird in ihrer Schule so lange gemobbt, bis die Eltern beschließen, Würzburg zu verlassen.

Rufmord 2.0, Cybermobbing, das Internet als virtueller Pranger. Die oft jugendlichen Täter stellen Sex-Videos, die meist ohne Zustimmung der Gefilmten entstanden, ins Internet, wo jeder sie weiter verbreiten kann.

Seit fast zwei Jahren kommt Lisa* nicht zur Ruhe. Immer wenn ein Fremder sie interessiert anschaut, wenn Mitschüler tuscheln, wenn im Bus junge Leute laut lachen, hält sie die Luft an. „Ich denke dann stets, sie haben es gesehen“, sagt Lisa.

„Es“ ist ein Video. Entstanden vor knapp zwei Jahren, als Lisa 14 ist. Ein schüchterner, pummeliger Teenie mit guten Noten. Ein Mädchen, das Pianistin werden will, sich nicht schminkt und nie „Germanys next Topmodell“ im Fernsehen anschaut. Eine Außenseiterin, in ihrer Klasse.

Lisa steht auf dem Schulhof, als Celina* sie anspricht. „Komm am Freitag zu mir“, sagt die Mitschülerin, „wir machen Party“. Celina ist angesehen in der 8 a. Lisa freut sich über die Einladung. Ihre Eltern sind erleichtert, dass die 14-Jährige endlich Anschluss gefunden zu haben scheint. „Meine Mama fuhr mich sogar zu Celinas Wohnung“, erinnert sich Lisa.

Mitschülerinnen gaben ihr Wodka

Vier Mädels sind dort. Es gibt Red Bull mit Wodka. Die anderen ermuntern Lisa zum Trinken. Irgendwann ziehen alle ihre T-Shirts und BHs aus, tanzen, küssen und berühren sich. Lisa macht mit, lässt sich in den Vordergrund schubsen. Sie will dazugehören. Und sie ist betrunken. Anders als die anderen achtet sie nicht darauf, dass ihre langen Haare ihr Gesicht verdecken. Celina filmt das Treiben. Es ist ein abgekartetes Spiel.

Nach zwei Stunden ruft Celina bei Lisas Eltern an. „Holen Sie ihre Tochter ab“, sagt sie zu Lisas Vater, „die hat mein Zimmer vollgekotzt.“ Während die 14-Jährige daheim ihren Rausch ausschläft, kursiert das Video schon in einem Video-Portal. Lisa steht im Mittelpunkt, als Einzige ist sie identifizierbar. Die anderen Mädchen erkennt man nicht.

Nach Veröffentlichung des Videos bekam Lisa vulgäre Mails

Als Lisa montags zur Schule geht, wird der Gang über den Pausenhof zum Spießrutenlauf. Mitschüler lachen, machen obszöne Gesten, anzügliche Bemerkungen. Zunächst weiß Lisa nicht, warum. Als das Video abends auf ihrem Handy landet, ist es bereits verlinkt, in Gruppen geteilt, in Blogs und Foren gepostet. Und es hat schon fast 1000 Clicks. Lisa bricht weinend zusammen.

Die Eltern ahnen nichts. Nach dem Besäufnis haben sie ihrer Tochter ins Gewissen geredet, ihr für vier Wochen die geliebten Klavierstunden gestrichen. „Es schien ihr egal zu sein“, sagt die Mutter.

Lisa kriegt jetzt ständig vulgäre Mails und SMS. In der Schule zeigt man mit Fingern auf sie. Sie wird verschlossen, kränkelt, isst wenig. Fragen die Eltern, was los ist, geht sie in ihr Zimmer. „Wir dachten, das sei die Pubertät“, sagt der Vater. Nach drei Monaten vertraut das Mädchen sich einer Freundin der Mutter an.

„Ich musste kapieren, dass das World Wide Web nichts aus seinen Klauen lässt.“

Vater des 14-jährigen Cybermobbing-Opfers Lisa

Vater und Mutter sind überfordert mit dem, was da passiert ist. Sie sind „alte Eltern“, Mitte 50, kultivierte Schöngeister, konsumkritische Anhänger der Öko-Bewegung, die nicht mal ein Handy besitzen. Mit dem Internet haben sie beruflich nichts zu tun, privat hat es sie nie interessiert. Lisa musste kämpfen, bis sie mit 14 ein Smartphone bekam.

Der Vater redet mit Celinas Mutter. Sie hält den Film für einen „blöden Scherz“, sagt, dass Lisa „sich nicht so anstellen“ soll. Wenigstens verspricht sie, das Video zu löschen. Der Vater atmet auf, denkt, dass „die Sache damit aus der Welt“ ist. Ein Freund klärt ihn auf, dass es kein Radiergummi fürs Internet gibt. Dass das Video, sobald es auf fremden Websites landet, kaum noch zu eliminieren ist. Dass es jederzeit auf Porno-Plattformen auftauchen kann. „Ich musste kapieren, dass das World Wide Web nichts aus seinen Klauen lässt“, sagt der Vater.

Lisa hat jetzt Untergewicht, Depressionen, Schlafstörungen, Selbstmordgedanken. Die Eltern bringen sie in eine Klinik. „Sie war froh, von Würzburg weg zu kommen“, sagt die Mutter. Mit Lisas Lehrern spricht sie nicht. „Lisa wollte das nicht“, sagen die Eltern, „und wir respektieren das“. Sie haben auch nicht die Polizei eingeschaltet. „So was widerspricht unserer Überzeugung.“

Polizei und Staatsanwaltschaft können etwas dagegen tun

Hätten Polizei oder Staatsanwaltschaft von dem Video erfahren, sie hätten was getan. Erst kürzlich standen in Würzburg zwei 15-Jährige „wegen Verletzung höchst persönlicher Lebensbereiche“ vor dem Jugendrichter. Die Mädchen wollten sich an einem Kumpel rächen. Die eine versprach dem Jungen Oralsex und lockte ihn zu sich nach Hause. Die andere versteckte sich im Schrank und filmte die beiden. Das Video stellten die Schülerinnen ins Internet. Anders als Lisa hat der Junge die Sache offenbar unbeschadet überstanden. Das Verfahren gegen die Mädchen wurde eingestellt. Aber sie müssen 24 Stunden soziale Hilfsdienste leisten und einen langen Aufsatz über den „Schutz der Privatsphäre in sozialen Netzwerken“ schreiben. Außerdem, und das ist für sie wohl das Schlimmste, kassierte der Richter für vier Wochen ihre Smartphones.

Als Lisa in der Klinik ist, beschließen die Eltern, Würzburg zu verlassen. „Es war nicht mehr zum Aushalten“, sagen sie, „die Mitschüler gaben keine Ruhe, das Video holte Lisa immer wieder ein“. Die Familie verkauft ihr Haus, lässt Freunde und den 83-jährigen Opa zurück, zieht nach Norddeutschland. „Als Freiberufler kann man das ja machen“, sagt die Mutter und lächelt gequält.

Heute ist Lisa fast 16. Ihre stationäre Therapie ist beendet, die ambulante dauert an. Alle Kontakte nach Würzburg hat sie abgebrochen. Sie hat eine neue Handynummer, neue E-Mail-Adressen, neue Profile in den sozialen Netzwerken.

Da, wo sie jetzt ist, gefällt es Lisa. Vor ein paar Wochen hat sie den Hund bekommen, den sie sich schon so lange gewünscht hat. Sie mag die neue Schule, hat eine Freundin gefunden, spielt wieder Klavier. Und sie hat den blonden Pferdeschwanz abschneiden und sich die Haare dunkelbraun färben lassen. „Damit ich anders aussehe als im Video.“

Der Film ist ständig in Lisas Kopf. Immer, wenn ein Fremder sie interessiert anschaut. Wenn Mitschüler tuscheln. Wenn im Bus junge Leute lachen. „Ich hoffe so sehr, dass das Video nie mehr auftaucht“, sagt sie, „aber ich weiß, dass es mich jederzeit einholen kann.“

* Die Namen der Betroffenen wurden von der Redaktion geändert

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