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CSD: Mit welchen Gefühlen starten queere Menschen in Augsburg und München ihre Paraden?

Pride Month

„Ein Mann im Kleid ist immer noch ein Statement“: Wie sichtbar leben queere Menschen in Bayern?

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    Teilnehmer laufen während der Parade zum Christopher Street Day 2023 durch die Münchner Innenstadt.
    Teilnehmer laufen während der Parade zum Christopher Street Day 2023 durch die Münchner Innenstadt. Foto: dpa

    Wer in München das Café Nil betritt, der sieht die Welt rosarot: Die Wände haben sie altrosa gestrichen und ein ganzer Busch von pinkfarbenen Rosen hängt von der Decke. Der Tresen strahlt in Goldtönen, verziert mit ägyptischen Hieroglyphen. „Und zur Weihnachtenzeit fährt eine Modelleisenbahn durchs Café“, sagt der Mann, der sich als Carl vorstellt. „Richtig süß!“ Und dann beginnt der muskulöse Grauhaarige zu erklären: Hier im Nil trifft sich die schwule Szene – und alle, die sie respektieren. Carl hat sein Glück in der Gemeinschaft gefunden, sie half ihm aus einer schweren Depression. Aber er sagt auch: In Bayern sieht die Lage für queere Menschen nicht überall so rosarot aus. Hass, Attacken, schiefe Blicke? Treffen die Szene immer noch, immer wieder. Wie sicher kann sich die LGBTQ-Community in Bayern fühlen? Und für welche Ziele gehen sie jetzt wieder auf die Straße – wenn Regenbogenparaden durch die Straßen ziehen?

    Dominik Krause: „Ich erlebe zum Glück keine Übergriffe und Anfeindungen“

    „Ich hatte ja erst spät im Leben mein Coming-out“, erklärt Carl, der Stammgast im Café Nil. Mies habe er sich damals gefühlt, ständig einsam. „Ich hatte Depressionen.“ Doch dann traute er sich, er klopfte bei der Nachbarschaftshilfe an, hier im Glockenbachviertel. Carl fand dort schwule Freunde und half bald selbst mit bei der Münchner Aids-Hilfe. Bei der CSD-Parade am 27. Juni wird er wieder einen Info-Stand betreuen: „Dieser Mix aus Protest und Party ist doch eine geile Sache! Und der CSD bleibt eine Demo.“ Was ihn bewegt, erklärt Carl an einem Beispiel: 2022 wollte die Dragqueen Vicky Voyage eine Lesung in München halten, für Kinder ab 4 Jahren. Um Respekt und Toleranz sollte es gehen. Doch da schrie die AfD auf, Politiker warfen dem bunt geschminkten Mann „Frühsexualisierung“ vor. „Und dann hat sich auch noch die CSU eingemischt. Manche haben ein Verbot gefordert.“ Carl schnaubt. „Aber sich dann als weltoffene, soziale Partei darstellen? Das ist Doppelmoral!“

    Nachgefragt bei Dominik Krause: Der Grünen-Politiker ist der erste Oberbürgermeister der Stadt München, der offen schwul lebt. „Ich erlebe zum Glück keine Übergriffe und Anfeindungen, wenn ich mit meinem Partner durch München gehe“, sagt Krause. „Aber ich glaube, dass das ein Privileg meines Amtes ist. In einer Großstadt wie München ist der Oberbürgermeister nicht die erste Person, die gefährdet ist. Aber die Statistiken zeigen ja, dass wir eine deutliche Zunahme von Hasskriminalität gegen queere Menschen erleben.“ 181 queerfeindliche Straftaten zählte Bayerns Kriminalstatistik im Jahr 2025, darunter schwere Körperverletzungen und ein Mordversuch. „Präventionsprojekte sind unheimlich wichtig“, sagt Krause, „aber noch viel wichtiger ist, dass demokratische Politikerinnen und Politiker klar bleiben in ihrer Haltung, dass man sich nicht von Rechtsextremen die politische Debatte vergiften lässt und nicht deren Sprache übernimmt.“

    „Ein Mann im Kleid ist ein Statement“, sagt Dragqueen Janisha Jones

    Zurück ins Nil, dort spaziert gerade ein junger Mann aus der Café-Küche: „Jani!“, so stellt er sich vor, mit vollem Namen heißt er Jan Sabater Viñals. Doch bei Nacht verwandelt sich Jani in Janisha Jones. Seiner Kunstfigur als Dragqueen folgen 14.000 auf Instagram: Perücken trägt er, so hoch wie Turmbauten, dazu Kleider als wallende Kunstwerke. Sein Gesicht wirkt wie gemeißelt und modelliert, durch Make-Up-Malerei. Vor TV-Kameras stand Janisha auch schon: Heidi Klum suchte 2019 die „Queen of Drag“ – Jani warf sich in den Fummel und in den Show-Wettkampf.

    Heute besucht er aber ganz privat das Nil, als queerer Mann mit Dreitagebart: „Ich lebe seit 13 Jahren in München und finde: Die Stadt hat sich für uns zum Positiven verändert.“ Durch das Bahnhofsviertel in Drag-Klamotte zu staksen? Würde er sich zwar nicht trauen. „Aber was mir viel mehr Angst macht, als die Menschen auf der Straße, das sind die Menschen an der Macht.“ Zum Beispiel Donald Trump, der „die Welt bombardiert“ und queere Menschen beleidigt. Friedrich Merz findet er „nicht viel besser“. Jani will sich für die Rechte von Transpersonen einsetzen, und für Menschen, die sich weder als Frau noch Mann fühlen. „Mein Leben als Dragqueen basierte zuerst auf meiner Kunst. Dann habe ich erst gemerkt, wie politisch ich bin. Ein Mann im Kleid ist heute immer noch ein politisches Statement.“

    In diesem Sommer werden 46 Regenbogenparaden durch ganz Bayern spazieren. In Augsburg trifft sich der große CSD-Stammtisch in der Bar Thing. „Ich habe das Gefühl, das Pendel schlägt um“, sagt Tanja. „Die Stimmung in der Gesellschaft verschlechtert sich wieder.“ Sie, blond, braungebrannt, sportlich, erinnert sich an die Anfänge der Paraden in Augsburg: „Beim allerersten CSD, im Jahr 1998, waren wir nur sieben Leute. Mit Fähnchen sind wir durch die Stadt gezogen, und wir hatten Angst, was passiert, wenn uns jemand erkennt.“ Diesen Samstag startet der Zug wieder – aber mit tausenden Teilnehmern. „Ich glaube, die Stimmung wird wieder politischer“, sagt Tanja, „und zwar aus guten Gründen“. Augsburg vor vier Jahren: Nach der CSD-Parade begann eine Clique von Jugendlichen zu randalieren. Sie beleidigten queere Menschen, klauten und zerrissen Regenbogenfahnen. Sie verprügelten zwei Personen schwer und ein Opfer, das schon am Boden lag, traten sie gegen den Kopf.

    Christoph Waldstein ist ein alleinerziehender schwuler Vater

    Verstecken will sich Christoph Waldstein aus Augsburg nicht. Er setzt sich seine schwarze Brille auf die Nase und will offen über sein Leben sprechen: „Viele kennen Regenbogenfamilien. Aber von alleinerziehenden schwulen Vätern redet kaum jemand.“ Mit seinem Ex-Partner hatte er eine kleine Familie gegründet – jetzt kümmert sich Waldstein um den siebenjährigen Sohn. „Ich will den Leuten die Berührungsangst nehmen“, sagt er und gibt gerne Interviews und Auskunft. „Im Netz kommentieren das manche mit Hassbotschaften: ‚Einen schwulen Vater sollte es eigentlich nicht geben‘.“ Gegen solche Stimmen will er auf dem CSD protestieren, auf seine ruhige Weise: „In den Köpfen existiert dieses Klischee vom schrillen, schwulen Mann. Ich möchte auch etwas tun für die leiseren, stillen Schwulen“, sagt er. „Wenn ich sage ‚Ich bin eben so, wie ich bin‘, dann schafft das Akzeptanz.“

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