Auch fast drei Jahre nach Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine machen deutsche Unternehmen weiter Geschäfte in Russland. Einer Liste der Universität Yale zufolge hat sich bis heute nur etwas mehr als die Hälfte der untersuchten Unternehmen vom russischen Markt zurückgezogen. Zwölf Prozent haben Teile ihres Geschäfts abgezogen, grob ein Drittel macht weiter wie bisher. Diese Unternehmen verzichten – wenn überhaupt – nur auf Werbung und neue Investitionen.
Dazu gehören auch einige bayerische Firmen. Allen voran die Molkerei Ehrmann (Landkreis Unterallgäu) und die Käserei Hochland (Landkreis Lindau). Im ersten Kriegsjahr konnten beide Unternehmen ihren Umsatz in Russland deutlich steigern – Ehrmann um etwa 110 Millionen auf fast 450 Millionen Euro, Hochland um über 100 Millionen auf etwa 510 Millionen Euro. Ein Jahr später ging der Umsatz beider Unternehmen zwar wieder leicht zurück, blieb aber auf einem deutlich höheren Niveau als vor Kriegsbeginn. Das geht aus einem Bericht der Kyiv School of Economics (KSE) hervor. Laut der KSE gehörten die Firmen damit zu den vier deutschen Unternehmen mit dem größten Umsatzplus in Russland.
Für beide ist Russland ein wichtiger Absatzmarkt. Ehrmann erwirtschaftete 2022 insgesamt mehr als eine Milliarde Euro Umsatz – über 40 Prozent davon in Russland. Das sorgt für Kritik. Ehrmann habe eine „bedeutende Stellung in der russischen Wirtschaft“ und sei ein „wichtiger Steuerzahler“, schrieb die proukrainische Nichtregierungsorganisation „B4Ukraine“ vergangenes Jahr in einem Brief an Ehrmann. Und warnt: „Damit könnte das Unternehmen indirekt an der Finanzierung der russischen Aggression beteiligt sein.“
Ehrmann selbst verweist darauf, die Umsatzsteigerung gehe auf eine frühere Expansion zurück. „Im Sommer 2021 – vor dem Beginn des Ukrainekrieges – hat Ehrmann die russische Friesland-Campina-Tochtergesellschaft übernommen“, sagt ein Sprecher des Unternehmens. „Dadurch stieg der Gruppen-Umsatz signifikant ab 2022.“
Die Käserei Hochland äußert sich auf Anfrage nicht. Auf der Seite des Unternehmens findet sich aber ein Statement des Vorstands: Die russische Bevölkerung solle nicht unter dem Krieg und den Sanktionen leiden, heißt es dort. „Deshalb halten wir derzeit die Produktion von Lebensmitteln an unseren russischen Standorten aufrecht.“ Außerdem habe man einen „Werbe- und Investitionsstopp in Russland“ verhängt.
Dieser jedoch steht inzwischen wohl infrage. So verkündete das Unternehmen auf seiner Jahrespressekonferenz Ende April, dass man erwäge, wieder in die russischen Werke zu investieren. Tatsächlich sind wohl im Jahr 2024 neue Hochland-Produkte auf den russischen Markt gekommen. Außerdem habe man in die Werke investiert, beispielsweise in Form eines neuen IT-Systems. Das berichtet eine Hochland-Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte.
Einen gewissen Rückhalt für die Unternehmen äußert die IHK. Die Entscheidung, auf einem bestimmten Markt aktiv zu bleiben oder sich zurückzuziehen, sei komplex und hänge von individuellen Rahmenbedingungen ab, sagt Axel Sir, Leiter der Abteilung für Außenwirtschaftsrecht bei der IHK Schwaben. „Dazu zählen bestehende vertragliche Verpflichtungen, die lokale Geschäftstätigkeit, die Lieferkettenstruktur und auch die Verantwortung gegenüber den Beschäftigten vor Ort.“ Gleichzeitig sei das Engagement in Russland ein Risiko. „Unternehmen sehen sich unter anderem mit Zwangsverwaltung, dem Verkauf von Beteiligungen unter Marktwert sowie hohen Zwangsgeldern konfrontiert.“
Die fränkische Firma Knauf, Weltmarktführer für Baustoffe rund um Gips, gehört zu jenen Unternehmen, die Probleme beim Rückzug haben – auch noch acht Monate nach der Ankündigung. Immer wieder sieht sich das Unternehmen moralischer Kritik ausgesetzt. Zunächst hatte es aus der Zentrale in Iphofen (Lkr. Kitzingen) geheißen, die russischen Werke würden an das lokale Management verkauft. Was nun Stand der Dinge ist, lässt das Familienunternehmen seit Monaten offen. „Der Verkaufsprozess läuft und wir äußern uns nicht zu Details“, teilte eine Sprecherin am Dienstag auf Anfrage mit. „Wir rechnen damit, dass wir den Verkauf im kommenden Jahr abschließen können.“ Knauf ist seit mehr als 30 Jahren in Russland aktiv und machte dort zuletzt einen Jahresumsatz von schätzungsweise 1,2 Milliarden Euro.
Ledvance, Ehrmann, Hochland: Diese bayerischen Unternehmen wollen in Russland bleiben
Auf der Liste der KSE tauchen aber noch weitere bayerische Unternehmen auf. Die Peri Group beispielsweise (Landkreis Neu-Ulm) oder der Lampenhersteller Ledvance aus Garching. Insgesamt fast zwei Milliarden Euro, so schätzen es Forscherinnen und Forscher der KSE, zahlten deutsche Unternehmen allein im ersten Kriegsjahr in Form von Steuern an den russischen Staat.
Ehrmann steht aber aktuell noch aus einem anderen Grund in der Kritik. Auf seiner russischen Unternehmensseite warb die Molkerei bis vor Kurzem noch damit, „ständiger Partner“ der Hilfsorganisation „Miloserdie“ zu sein. Darüber hatten proukrainische Aktivisten auf der Plattform X berichtet und Empörung ausgelöst. Miloserdie gehört zum Netzwerk der russisch-orthodoxen Kirche. Die Organisation gilt als regimenah und bezeichnete den Krieg als „notwendig“. Ein Partner-Dienst von Miloserdie sammelt gar Spenden für die Ausrüstung der Kämpfer.
Ehrmann selbst schreibt dazu auf Anfrage, man habe keine Kooperation mit Miloserdie. „Diese Hilfsorganisation hat vor etwa vier Jahren, also vor Kriegsbeginn, Geld für die Behandlung eines kranken Kindes gesammelt“, sagt ein Unternehmenssprecher. „Dafür haben wir einmalig eine zweckgebundene Spende geleistet.“ Den Hinweis, man sei „ständiger Partner“ von Miloserdie, hat das Unternehmen inzwischen von der Homepage entfernt.
Dieser Artikel zählt zu unseren Favoriten aus dem Jahr 2024. Er stammt aus dem Archiv, aber wir wollten Ihnen die Lektüre noch einmal ans Herz legen. Erstmals wurde er am 17.12.2024 veröffentlicht.
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