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Inklusion in der Kirche: Angie Korsch überwindet Barrieren – als Ministrantin im Rollstuhl

Der Gottesdienst beginnt: Über eine Rampe wird Angie Korsch gleich in den Altarraum hinauffahren, und die Gummireifen ihres Rollstuhls werden auf dem gefliesten Kirchenboden etwas quietschen.
Foto: Alexander Kaya
Inklusion in Kirche

Ministrantin im Rollstuhl: Die bewegende Geschichte von Angie Korsch

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    Es ist wie ein Tanz. Eine Choreografie, bei der jede und jeder weiß, was als Nächstes folgt. Der Rosenkranz ist verklungen, der Abendgottesdienst beginnt. Durch den Mittelgang ziehen Pfarrer und Diakon mit ihren vier Ministranten in die katholische Stadtpfarrkirche von Thannhausen ein. Wenige Meter vor dem Altarraum knien sie nieder, der Diakon hält sich dabei an einem Handgriff des Rollstuhls der Ministrantin vor ihm fest. Über eine Rampe fährt diese die beiden Stufen hinauf, am Altar vorbei, die Gummireifen quietschen auf dem gefliesten Kirchenboden. Schon kommt der Mesner, der die Rampe zusammenklappt und in Richtung Sakristei trägt wie eine Alu-Leiter.

    Dann ist Angie Korsch dort, wo sie so lange sein wollte. Dort, wo sich ein Wunsch für sie erfüllte. Ein Traum, den sie seit einem Jahr lebt. Die 31-Jährige ist von Geburt an körperlich stark eingeschränkt, gelähmt und hat eine Lernbehinderung. Vieles, das für andere normal ist, ist für sie unerreichbar. Doch das hat sie erreicht: Sie ist Ministrantin geworden.

    Pfarrer Florian Bach sagt: Angie Korsch ist ein Beispiel für „gelebte Inklusion“

    Vor einem Jahr berichteten gleich mehrere Medien über die „Messdienerin im Rollstuhl“, die „Ministrantin im E-Rolli“. Seitdem ist manches passiert im Leben von Angie Korsch. Vor allem: Es soll manches Weitere passieren, was, das wird sie später im Pfarrhaus erzählen. Schon einmal so viel: Auf die Frage, wie die vergangenen Monate als Ministrantin waren, antwortet sie schnell und schlicht: „Wunderbar!“ Dass Angie Korsch ministriert, ist offensichtlich nach wie vor etwas Besonderes. Für sie und für andere. Ihre Geschichte ist eine über Barrieren – und eine darüber, wie sie sich überwinden lassen. „Auch wenn ich behindert bin“, sagt sie. „Ich kann alles schaffen, wenn ich will.“

    Der Pfarrer blickt auf seine Gemeinde, gut 40 Gläubige sind es wohl, eine durchaus bemerkenswerte Gottesdienstbesucherzahl an einem Werktag, abends und bei Sonnenschein. Florian Bach, 38 und aus Pfronten, ist kaum älter als Angie Korsch, die Pfarreiengemeinschaft Mindeltal ist die erste, die er leitet. Er spricht von Ignatius, der der Kirche unendlich viele Impulse gegeben habe. Der Heilige habe den Menschen in seiner Fülle gesehen und geholfen. Ignatius von Loyola war der Gründer des Jesuitenordens, er ließ sich von dem Gedanken leiten, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden.

    Das Ministrieren ist ein jedes Mal aufregend für Angie Korsch. Sie freut sich bereits Tage vorher darauf.
    Das Ministrieren ist ein jedes Mal aufregend für Angie Korsch. Sie freut sich bereits Tage vorher darauf. Foto: Alexander Kaya

    Angie Korsch ist tief beeindruckt von Gott, vom Gottessohn Jesus Christus, dessen Leben und Sterben sie bewegt. Sie war früher bereits mit Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern aus dem Edith-Stein-Haus regelmäßig im Gottesdienst, ungefähr einmal im Monat gestaltet sie ihn inzwischen mit, mitunter an Fest- und Feiertagen. Wie in der Osternacht, in der die Auferstehung Jesu gefeiert wird. „Ich glaube fest daran: Der Jesus hat mich lieb“, sagt sie. Das Ministrieren ist ein jedes Mal aufregend für sie. Es ist das, worauf sie sich Tage vorher freut, und das, woran sie Tage nachher denkt. Pfarrer Bach sagte kurz vor dem Gottesdienst, sie sei ein Beispiel für „gelebte Inklusion“. Vor einem Jahr bezeichnete er Korsch als „ein großes Vorbild“ – auch für sich.

    Während jetzt Diakon Alois Held, fast 78, Handfläche an Handfläche legt zum Gebet, fasst Angie Korsch mit der nicht gelähmten rechten Hand an ihre Halskette: ein Kreuz, das ihr der Pfarrer zur Aufnahme als Ministrantin schenkte. Ihre Ohrringe in Kreuzform passen dazu. Wenn sie, wie gerade, ihre Hände zum Beten faltet, ist das auch wie ein Tanz. Sie bewegt zunächst einen Arm, als fliege sie, schließlich steuern ihre Finger aufeinander zu, greifen ineinander.

    Angie Korsch blickt mal andächtig zu Boden, mal singt sie laut mit, die Ministrantin neben ihr hält das Gesangbuch. Zur Gabenbereitung lächelt sie Held an, nachdem sie ihm Kelch und Wein an den Altar gefahren hat. Die Orgel spielt, die Gemeinde stimmt GL 470 aus dem Gotteslob an: „Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht / und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt, / dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, / dann wohnt er schon in unserer Welt. / Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht / in der Liebe, die alles umfängt, / in der Liebe, die alles umfängt.“

    Lange konnte sie sich nicht vorstellen, Ministrantin zu sein. Wie soll das funktionieren?

    Der Gottesdienst neigt sich dem Ende zu, wieder beginnt der Tanz, in umgekehrter Reihenfolge: Der Mesner trägt die Spezialrampe zu den Altarstufen, legt sie oben auf eine Matte, die die Holzstufen vor dem Verkratzen schützt, klappt sie längs auseinander, Korsch quietscht mit ihrem 300 Kilogramm schweren Rollstuhl über den Kirchenboden, verneigt sich vor dem Hochaltar, fährt hinunter in den Mittelgang. Fährt dann über die Straße, die Kirche und Pfarrhaus voneinander trennt, eine Betonrampe hoch – und ins Pfarrhaus. Sie achtet auf Dinge, auf die Nicht-Behinderte nicht achten müssen. Für Angie Korsch kann alles zur unüberwindbaren Hürde werden. Sie macht sich ungezählte Gedanken.

    Lange konnte sie sich nicht vorstellen, Ministrantin zu sein. Wie bitte soll das funktionieren? Wie soll sie überhaupt in den Altarraum kommen? Im Frühjahr des vergangenen Jahres traute sie sich endlich und sagte Pfarrer Bach: „Ich möchte ministrieren.“

    Es funktioniert. Weil es Menschen gab, die daran geglaubt haben. Darunter Pfarrer Bach und Mitarbeitende des Dominikus-Ringeisen-Werks, das unter anderem die Rampe finanzierte. Es mussten unterschiedliche Modelle getestet werden, Angie Korsch fuhr Rampen mehrfach hoch und mehrfach herunter. Kommt sie zurecht? Passt die Breite? Trägt die Konstruktion ihren Rollstuhl? Wie kann Korsch einbezogen werden in den Ministrantendienst, wie Brot und Wein an den Altar bringen, wie mitsingen? Wie soll sie gekleidet sein?

    Die Spezialrampe wurde vom Dominikus-Ringeisen-Werk finanziert.
    Die Spezialrampe wurde vom Dominikus-Ringeisen-Werk finanziert. Foto: Alexander Kaya

    Fragen, über die vor dem 16. Juli 2024 ausgiebig diskutiert wurde in der Pfarrei und im Dominikus-Ringeisen-Werk, einer kirchlichen Stiftung des öffentlichen Rechts mit Sitz im benachbarten Ursberg und mit Einrichtungen an mehr als 30 Orten im Freistaat, in Schwaben, Unterfranken, Oberbayern. An einem 16. Juli wurde Angie Korsch getauft, an einem 16. Juli konnte sie zum ersten Mal ministrieren, bei der sogenannten Nachprimiz eines neugeweihten Priesters.

    „Die Bude war voll“, erinnert sie sich. Ein Zeitungsbericht vermerkt, dass kein Aufwand gescheut und an Kerzen, Blumenschmuck, Gewändern und Weihrauch nicht gespart worden sei. 20 Ministrantinnen und Ministranten hätten sich um den Altar versammelt. „Alle waren so lieb zu mir, ich bin herzlich aufgenommen worden“, sagt Angie Korsch. Sie lacht ihr durchdringend-herzliches Lachen und zeigt auf ihr Armband mit den Heiligenbildern. „Schau!“

    Damals hatte sie Angst, war sehr nervös. „Ich bin ja behindert, ich kann nicht so sein wie die anderen Ministranten. Vielleicht tu ich mit meinem Rollstuhl jemandem weh? Vielleicht fahr ich jemandem über die Füße?“, sagt sie. Pfarrer Florian Bach habe sie hinterher beruhigt und bekräftigt, sie habe es wunderbar gemacht. Manchmal nennt sie ihn „Chef“. Er grinst dann.

    „Ich weiß nicht, was der Gott mit uns vorhat“, sagt sie mit ihrer klaren, hellen Stimme

    Der christliche Glaube gibt Angie Korsch Kraft und Trost. Er sei stärker geworden nach dem Tod ihres Vaters, der nicht lange her sei. Sie erzählt von ihren Zweifeln. Denn die hat sie. Sie hadert. Warum könne sie nicht laufen? Wo sei Jesus gewesen bei ihrer Geburt? „Ich weiß nicht, was der Gott mit uns vorhat“, sagt sie mit ihrer klaren, hellen Stimme. Pfarrer Bach ist da genauso überfragt. Manche hole Gott früher zu sich in den Himmel, manche später, sagt Korsch. Das könne sie nicht nachvollziehen, das finde sie unfair. Aber sie glaube fest daran, dass es ihrem Vater gut gehe, dass er ihr vom Himmel aus zuschaue, wenn sie ministriere.

    Für Korsch bedeutet, Teil der Ministrantengruppe der Pfarreiengemeinschaft zu sein, Teil einer neuen Gemeinschaft zu sein. Sichtbares Zeichen dafür ist ihr Gewand, das ihr im Edith-Stein-Haus angezogen wird und mit dem sie zum Gottesdienst kommt. Es ist eine Maßanfertigung. Sie freut sich auf die nächsten Ministranten-Ausflüge und den Filmabend, der für den Herbst geplant ist. Welchen Film sie am liebsten sehen würde? „Ist mir wurscht, Hauptsache, ich bin dabei.“ Wobei: Ein lustiger Liebesfilm, das würde ihr gefallen. „Und ein bisschen frech soll er sein.“

    Angie Korsch sagt, ihre Heimat sei Klosterlechfeld. Vor ein paar Jahren hat sie im Edith-Stein-Haus in Thannhausen eine neue gefunden – und im Ministrieren. Das Edith-Stein-Haus ist eine „besondere Wohnform der Eingliederungshilfe“ für „erwachsene Menschen mit körperlicher, geistiger und mehrfacher Behinderung“, so die Selbstdarstellung. Es gehört zum Dominikus-Ringeisen-Werk. Dominikus Ringeisen war ein katholischer Geistlicher, kurzzeitig im Jesuitenorden. 1897 gründete er die St. Josefskongregation, eine Ordensgemeinschaft von Schwestern, die dem Vorbild des Heiligen Franziskus folgen. Rund 50 Schwestern leben noch in den Konventen in Ursberg und in Breitbrunn am Ammersee. Sie haben den Vorsitz im Stiftungsrat des Ringeisen-Werks.

    Angie Korsch hat in den vergangenen Monaten erlebt, dass Träume Wirklichkeit werden können

    Ein Satz von Pfarrer Bach ist haften geblieben: Angie Korsch sei ein Vorbild für ihn. Wie er das gemeint habe? Korsch sei entwaffnend ehrlich, frei heraus, lasse stets ihre Emotionen sprechen, erklärt er. Sie habe einen starken Willen. Und im Gottesdienst sei sie absolut fokussiert und könne sich vollkommen einlassen auf die Liturgie, ohne sich ablenken zu lassen. Manches davon wünsche er sich bisweilen. Den Spruch, den er zu seiner Primiz – der ersten Heiligen Messe, der er 2016 vorstand – wählte, lautete: „Gott nahe zu sein, ist mein Glück.“

    Angie Korsch mit Pfarrer Florian Bach vor der Stadtpfarrkirche in Thannhausen im schwäbischen Landkreis Günzburg. Manchmal nennt sie ihn „Chef“.
    Angie Korsch mit Pfarrer Florian Bach vor der Stadtpfarrkirche in Thannhausen im schwäbischen Landkreis Günzburg. Manchmal nennt sie ihn „Chef“. Foto: Alexander Kaya

    Angie Korsch fährt nun zurück, acht Minuten sind es von der Stadtpfarrkirche bis zum Edith-Stein-Haus. Um ihr Tempo mitgehen zu können, muss man vom Schlendergang in den Laufschritt schalten. Über die Brücke über die Mindel, vorbei an der Bäckerei, bei der Tankstelle links, dann ist sie in ihrer Gruppe Alma/Irmgard, in ihrem Zimmer, das voller Holzkreuze und Jesus-Abbildungen und Fotos hängt. Auf ihrem Schreibtisch das Tablet, das sie eben im Pfarrhaus erwähnt hat. Auf dem kann sie den Plan abrufen mit der Einteilung zu ihren nächsten Ministrantendiensten.

    Angie Korsch hat in den vergangenen Monaten erlebt, dass Träume Wirklichkeit werden können. Sie hat all ihren Mut zusammengenommen, und ihr Mut hat aus ihr eine „Messdienerin im Rollstuhl“, eine „Ministrantin im E-Rolli“ gemacht. Er hat ihr eine weitere Aufgabe, neben der Arbeit in einer der Ringeisen-Werkstätten, und weiteres Selbstbewusstsein geschenkt. Er führt sie regelmäßig von ihrem Zimmer zur Kirche. Und bald vielleicht tausend Kilometer in den Süden, in den Vatikan. „Ich will mal zum Papst“, sagt sie. Sie wollte bereits zu Franziskus. Dessen Nachfolger Leo mag sie auch. „Das werden wir schaffen“, sagt Pfarrer Bach.

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