Startseite
Icon Pfeil nach unten
Bayern
Icon Pfeil nach unten
Innenstadt
Icon Pfeil nach unten

Interview: Diabetologe warnt: "Auf uns rollt eine Riesen-Diabetes-Welle zu"

Interview

Diabetologe warnt: "Auf uns rollt eine Riesen-Diabetes-Welle zu"

  • |
  • |
  • |
    Zu dick und zu wenig Bewegung: Das ist eine Kombination, die Diabetes verstärken kann.
    Zu dick und zu wenig Bewegung: Das ist eine Kombination, die Diabetes verstärken kann. Foto: Lino Mirgeler, dpa

    Wegovy soll eigentlich bei Adipositas, also krankhaftem Übergewicht, Ozempic bei Diabetes eingenommen werden. Doch beide Medikamente finden nun als Abnehmmittel so reißenden Absatz, dass der bayerische Apothekerverband erklärt: Sowohl Wegovy als auch Ozempic sind und waren in der letzten Zeit nicht lieferbar. Herr Dr. Rittig, Sie sind Diabetologe, wie gefährlich ist der Mangel für Diabetes-Patienten?

    Dr. Kilian Rittig: Der Engpass spitzt sich immer mehr zu, viele Antidiabetika wie etwa Ozempic, aber auch Trulicity sind nun gar nicht mehr zu bekommen. Begonnen hat alles mit einer Studie um den Wirkstoff Semaglutid, die zu dem Ergebnis gekommen ist, dass man mit diesem Wirkstoff bis zu 15 Prozent seines Körpergewichts in einem Jahr verlieren kann. Doch dann ging es immer weiter, immer mehr Wirkstoffe, die für Diabetes-Medikamente unentbehrlich sind, wurden knapp. Das hat gravierende Auswirkungen für Patienten mit Diabetes Typ II. Denn die Gabe von Insulin ist bei Diabetes vom Typ II immer die letzte Variante und soll so lange wie möglich hinausgezögert werden. Sogenannte GLP-1-Rezeptor-Agonisten wie Exenatid, Liraglutid, Lixisenatid, Dulaglutid und vor allem auch Semaglutid, die nun aufgrund ihrer gewichtsreduzierenden Wirkung so begehrt sind, leisten hier einen ganz wichtigen Beitrag in der Behandlung und können dabei helfen, dass Patienten, die bereits Insulin erhalten, wieder damit aufhören oder die Gabe zumindest reduzieren können. Die Medikamente sind also absolut essenziell für die Erkrankten.

    Der Diabetologe Dr. Kilian Rittig kritisiert, dass Medikamente zu Lifestyle-Produkten verkommen und für Diabetes-Patienten nicht mehr zur Verfügung stehen.
    Der Diabetologe Dr. Kilian Rittig kritisiert, dass Medikamente zu Lifestyle-Produkten verkommen und für Diabetes-Patienten nicht mehr zur Verfügung stehen. Foto: Dirk Michael Deckbar/ddg

    Bei Diabetes Typ I ist die Behandlung mit Insulin alternativlos. Was ist so problematisch an der Insulingabe?

    Rittig: Insulin ist ein Hormon, das sich auf das Gewicht auswirkt. Je mehr Insulin ich brauche, umso mehr nehme ich zu, doch dann brauche ich noch mehr Insulin, weil der Körper immer resistenter wird gegen die Wirkung von Insulin – ein Teufelskreis, der sich ausgesprochen schädlich auf die Gefäßgesundheit auswirkt, was wiederum das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall erhöht. Ganz viele meiner Patienten haben mich schon völlig verzweifelt angerufen und gefragt, was sie tun sollen, weil ihr Medikament nicht mehr lieferbar ist. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihnen zu sagen: Sie müssen pausieren, es gibt keine Alternative für die Medikamente.

    Es wird also abgespeckt auf Kosten von Diabetes-Patienten?

    Rittig: Jein. Für wirklich an Adipositas-Erkrankte können diese Medikamente hilfreich sein. Adipositas ist nämlich eine anerkannte Krankheit. Das Problem ist ein anderes: Das Problem ist, dass hier Medikamente zu Lifestyle-Produkten verkommen, die von zahlungskräftigen Menschen gekauft werden, die sich für zu dick halten und bequem abnehmen wollen. Ein vor allem in Übersee zu beobachtendes Phänomen.

    Von Adipositas spricht man ab einem Body-Mass-Index von 30 …

    Rittig: Genau und für wirklich adipöse Patienten sollten meiner Meinung nach auch die Kassen die Kosten für die Medikamente übernehmen. Aktuell müssen diese sogenannten Abnehmmedikamente ja alle privat bezahlt werden. Wer aber ganz stark übergewichtig ist, kann sich ja oft gar nicht mehr bewegen, da kann ein Medikament, mit dem man schnell an Körpergewicht verliert, eine Säule in der Therapie sein. Das Medikament muss aber immer in eine Therapie eingebettet sein, die zwingend mit Bewegung und einer Änderung der Ernährung einhergeht. Meiner Meinung nach sollten diese Medikamente adipösen Patienten nur für einen begrenzten Zeitraum, nämlich bis zur erfolgreichen Umsetzung der Lebensstiländerung verschrieben werden. Zudem sollte die Verschreibungsfähigkeit an bestimmte Bedingungen, wie zum Beispiel der Teilnahme an einer sogenannten „Adipositasplattform“ geknüpft sein, so wie das jetzt schon zur Vorbereitung einer OP zur Magenverkleinerung Bedingung ist. Denn die Gefahr, die ich auch hier sehe, ist die, dass durch so einen raschen Abnehmerfolg das so wichtige Bewegungstraining und die unerlässliche Umstellung des Lebensstils in den Hintergrund treten. Zumal aktuell eine große Studie läuft, die zu dem Ergebnis führen dürfte, dass die Medikamente auch einen Schutz vor kardiovaskulären Erkrankungen bieten.

    Die Medikamente bieten also eventuell auch noch einen Schutz vor Erkrankungen von Herz und Gefäßen? Das ist sicher der Traum von vielen: schlank per Spritze und auch noch gesünder …

    Rittig: Solche Wundermittel gibt es aber nicht. Sie sind dann zwar schlank und trotzdem kardiovaskulär krank. Denn wer sich ungesund ernährt und nicht bewegt, hat generell ein hohes Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen. Diesen negativen Effekt einer ungesunden Lebensführung kann auch dieses Medikament nicht kompensieren. Hinzu kommt: Sobald sie das Medikament absetzen, verliert es seine Wirkung.

    Das Medikament "Wegovy" ist aufgrund seiner gewichtsreduzierenden Wirkung so begehrt, dass es mittlerweile 
 Lieferengpässe gibt.
    Das Medikament "Wegovy" ist aufgrund seiner gewichtsreduzierenden Wirkung so begehrt, dass es mittlerweile Lieferengpässe gibt. Foto: Steffen Trumpf, dpa

    Wie funktioniert das Abnehmen mit den Wirkstoffen eigentlich?

    Rittig: Sogenannte GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid und Dulaglutid sind künstlich hergestellte Hormone, die zu einem schnelleren Sättigungsgefühl führen und Heißhungerattacken verringern.

    Wie sieht es denn mit den Nebenwirkungen aus?

    Rittig: Hier sind vor allem Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung, übles Aufstoßen zu nennen. Außerdem wird gerade überprüft, ob sich eventuell das Risiko für Schilddrüsenkrebs erhöht, da es einen möglichen Hinweis darauf bei den Versuchstieren geben könnte. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass sich das bewahrheitet und auch beim Menschen zeigt, dennoch überrascht mich, dass so viele Menschen nun völlig unreflektiert zu einer Spritze greifen, nur weil sie einen Gewichtsverlust verspricht. Es handelt sich um ein Medikament, und nicht um ein rezeptfreies Nahrungsergänzungsmittel. Die Angst vor Risiken, die es immer bei neuen Medikamenten gibt, scheint völlig verflogen. Vor dem Hintergrund, wie ungemein skeptisch viele Menschen bei den Covid-Impfungen waren und noch immer sind, verwundert diese Reaktion doch schon sehr.

    Immer mehr Kinder erkranken in Deutschland an Diabetes.
    Immer mehr Kinder erkranken in Deutschland an Diabetes. Foto: Jörg Carstensen, dpa

    Zumal immer mehr Menschen auf diese Diabetes-Medikamente angewiesen sind. Gerade bei Kindern und Jugendlichen nimmt Diabetes Typ II stark zu. Essen wir uns krank?

    Rittig: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Diabetes Typ II nimmt in der Tat rapide zu. Die Kinder erkranken in einem Alter, in dem man sich früher dieses Krankheitsbild gar nicht vorstellen konnte. Diabetes Typ II hieß früher umgangssprachlich Altersdiabetes. Was uns krank macht, ist diese Kombination in unserer Überflussgesellschaft aus Bewegungsmangel auf der einen Seite und den vielen ungesunden, dick machenden Lebensmitteln auf der anderen Seite. Allein der viele versteckte Zucker in unseren Lebensmitteln ist so gefährlich. Auf uns rollt daher eine enorme Welle von Übergewichtigen und eine Riesen-Diabetes-Welle zu. Das bereitet mir große Sorgen. Wir stehen hier vor einer richtigen Epidemie. In diesem Zusammenhang ist die Umsetzung des von der Deutschen Diabetes Gesellschaft geforderten Verbotes, von sich gezielt an Kinder gewandte Werbung ungesunder Nahrungsmittel extrem wichtig. Schon jetzt gibt es in Deutschland rund acht Millionen diagnostizierte Diabetes-Patienten, doch die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen. Wobei man dazu sagen muss: Nicht jeder, der Diabetes Typ II hat, ernährt sich falsch und bewegt sich zu wenig. In einigen Fällen spielen auch genetische Faktoren eine große Rolle.

    Wird Diabetes als Krankheit unterschätzt?

    Rittig: Diabetes wird sehr oft vor allem gar nicht erkannt. Daher sind die Vorsorgeprogramme so wichtig. Diabetes bereitet ja lange Zeit keine Schmerzen. Das ist wie bei einem zu hohen Blutdruck oder einem zu hohen Cholesterinspiegel. Oft wird erst bei einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall festgestellt, der Patient hatte Diabetes. Im Schnitt vergehen etwa fünf Jahre vom Ausbruch bis zur Diagnose und in der Zeit kann die Erkrankung gerade die Gefäße schon massiv schädigen.

    Zur Person: Privatdozent Dr. Kilian Rittig ist Internist mit den Schwerpunkten Diabetologie und Gefäßmedizin. Der 49-Jährige ist Mitglied im Vorstand der Deutschen Diabetes Gesellschaft und hat nach langjähriger, chefärztlicher Tätigkeit nun eine Praxis in Brandenburg, in Teltow bei Berlin.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden