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Klosterschwester und Braumeisterin: „Zu jeder Mahlzeit Bier, außer zum Frühstück“

Bier

„Zu jeder Mahlzeit Bier, außer zum Frühstück“: Diese Klosterschwester braut nur, was ihr schmeckt

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    Sie ist längst ein bayerisches Original: Schwester Doris Engelhard ist deutschlandweit die letzte klösterliche Braumeisterin.
    Sie ist längst ein bayerisches Original: Schwester Doris Engelhard ist deutschlandweit die letzte klösterliche Braumeisterin. Foto: Daniela Hungbaur

    Alkoholfrei? „Auf gar keinen Fall!“ Schwester Doris steht in ihrem grauen Gewand mit weißer Haube in ihrer Brauerei und schüttelt den Kopf. Alkoholfreies Bier gibt es bei ihr nicht. Sie ist die letzte ihrer Art. Die letzte brauende Klosterschwester „europaweit, wenn nicht weltweit“, wie sie selbst sagt.

    Hoch oben auf dem Berg leben die rund 300 verbliebenen Schwestern im niederbayerischen Mallersdorf. Es ist ein riesiges Areal mit Kirche, Kapelle, Schwesternfriedhof, Klosterbräustüberl, Bäckerei, Landwirtschaft, Schule, Kindergarten und einem eigenen Altersheim, das sich zunehmend füllt. Denn die Zeiten großer Klöster sind vorbei. Doch Schwester Doris Engelhard gibt hier die Hoffnung nicht auf: „Es gab immer ein Auf und Ab bei den Klöstern“, sagt sie. Was sie aktuell aber arg bekümmert, ist der sinkende Bierkonsum. Denn darin sieht die 77-Jährige weit mehr als einen Ernährungstrend.

    Bevor sie genauer wird, eilt sie noch zum Bierverkauf der Klosterbrauerei. Er hat offen. Auf einer Tafel steht mit weißer Kreide in Handschrift, was es gibt: Bier, Zoigl, Wasser, Limo, Spezi. Unter der Tafel im Durchbruch der Wand stehen auf einem ausziehbaren Stahlband schon die gefüllten Bierflaschen in ihren roten Tragln. Daneben macht ein Plakat Werbung für den Klostermarkt Raitenhaslach am 25./26. April. Das Plakat zeigt vor allem eines: eine strahlende Schwester Doris am Zapfhahn.

    So macht man Werbung: Zwei Franziskanerinnen sitzen gemütlich im Grünen und genehmigen sich ein Bier aus ihrer eigenen Brauerei.
    So macht man Werbung: Zwei Franziskanerinnen sitzen gemütlich im Grünen und genehmigen sich ein Bier aus ihrer eigenen Brauerei. Foto: Daniela Hungbaur

    Und noch ein anderes Bild sticht ins Auge: Zwei Klosterschwestern haben es sich richtig gemütlich gemacht. Sie sitzen im Grünen. Ein Baumstumpf wurde zum Tisch umfunktioniert, die beiden machen Brotzeit, scheinen in ein anregendes Gespräch vertieft und trinken zusammen ein Bier. Schwester Doris lacht, wenn man sie auf das Foto anspricht. „Die linke bin ich, nur jünger“, sagt sie. Die andere ist ihre Vorgängerin, Schwester Lisana. Beide machen auf dem Bild einfach Werbung in eigener Sache, die Mallersdorfer Bierflasche ist gut sichtbar.

    „Bier ist gesund. Ausschlaggebend ist nur die Menge.“

    Schwester Doris Engelhard, Braumeisterin der Mallersdorfer Schwestern

    Noch heute strahlt einen von jedem Bierflaschenkopf Schwester Doris an. Sie ist aber längst nicht nur das Gesicht für das Mallersdorfer Bier. Die leidenschaftliche Braumeisterin wird nicht müde, sich generell für einen genussvollen Bierkonsum auszusprechen, nicht nur zum Tag des Bieres an diesem 23. April. „Bier ist gesund“, betont sie. „Ausschlaggebend ist nur die Menge.“ Man dürfe es halt nicht in sich hineinschütten, erklärt sie beim Rundgang durch ihre verwinkelte, sich auf mehrere Ebenen erstreckende Brauerei, die 1881 gegründet wurde, und in der Sprüche wie dieser an der Wand hängen: „Bier ist der Beweis, dass Gott uns liebt!“

    In der Klosterbrauerei von Schwester Doris hängen natürlich passende Sprüche.
    In der Klosterbrauerei von Schwester Doris hängen natürlich passende Sprüche. Foto: Daniela Hungbaur

    Dass Bier und Alkohol generell nun Gift schlechthin sein sollen, findet sie „nicht nur falsch, sondern gefährlich. Hätte der Dr. Hirschhausen in allem recht, ich wäre schon mit 34 Jahren gestorben“, sagt sie mit Blick auf den bekannten Arzt und TV-Moderator. Das alles Entscheidende für sie ist: „Die Menschen haben vor allem das Maß verloren. Und zwar in allem. Wir leben in einer kranken Gesellschaft.“ Eine Gesellschaft, in der die Extreme zunehmen würden, also völliger Verzicht oder Völlerei – die einen saufen, die anderen trinken nur noch Wasser.

    „Wer sich nichts mehr gönnt, wer nichts mehr genießen kann, der mag sich selbst auch nicht mehr und hat in seinem Leben bald keine Freude mehr.“

    Schwester Doris Engelhard, Braumeisterin im Kloster der Mallersdorfer Schwestern

    Natürlich wisse auch sie, dass Menschen alkoholkrank werden können. „Doch ich halte es für ganz schwierig, wenn den Menschen alles madig gemacht wird und man sich nichts mehr gönnen darf. Wer sich nichts mehr gönnt, wer nichts mehr genießen kann, der mag sich selbst auch nicht mehr und hat in seinem Leben bald keine Freude mehr.“ Das sei auch nicht im Sinne Gottes: „Gott will ganz sicher, dass es uns Menschen gutgeht. Die Menschen haben nur vergessen, was sie dazu brauchen.“

    Es ist eine große Klosteranlage in Niederbayern: Noch rund 300 „Arme Franziskanerinnen von der Heiligen Familie zu Mallersdorf“ leben dort.
    Es ist eine große Klosteranlage in Niederbayern: Noch rund 300 „Arme Franziskanerinnen von der Heiligen Familie zu Mallersdorf“ leben dort. Foto: Daniela Hungbaur

    Schwester Doris weiß um die Sehnsucht vieler Menschen nach Entschleunigung, nach Ruhe. Sie lebt zwar auf einem Berg in einem Kloster, mit ihrem Bier kommt sie aber viel unter die Leute. Sie fragt sich, wie es sein kann, dass immer mehr Menschen offenbar nicht mehr auf ihren eigenen Körper hören, sondern darauf, was ihnen in den sozialen Medien erzählt wird: „Das darf ich doch nicht alles glauben. Die wollen einen doch manipulieren und viele machen auch noch einen Haufen Geld mit dem Mist, den sie da erzählen.“ Anstatt ständig ins Smartphone zu starren, rät sie dazu, sich wieder mehr mit Menschen zu treffen, sich gegenseitig zuzuhören. Dass dies bei einem Glas Bier besonders gut geht, ist klar. Da kommt sie einfach durch, die begeisterte Braumeisterin.

    Doch nicht nur Schwester Doris sieht Probleme. Auch Rudolf Neumaier ist in Sorge. Ihn treiben gleich beide Krisen um, die der Klöster und die des Bieres. Der Geschäftsführer des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege befürchtet, dass mit beidem viel mehr verloren geht, als es auf den ersten Blick scheint. Gerade in Bayern. Dem Land der Klöster und des Bieres.

    „Mit den Kirchen und Klöstern verschwindet auch eine Instanz, die den Menschen klar machte, dass sie nicht der Nabel der Welt sind, sondern Teil der Schöpfung.“

    Rudolf Neumaier, Geschäftsführer des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege

    Denn bei aller berechtigter Kritik an Kirchenvertretern gerade bei den Missbrauchsskandalen, hat es auch viele andere gegeben, so Neumaier: Pfarrer, Schwestern, Mönche, die sozial tätig waren und die den Menschen in ihrem Alltag Halt gaben, Werte vermittelten, Demut vorlebten. „Mit den Kirchen und Klöstern verschwindet auch eine Instanz, die den Menschen klarmachte, dass sie nicht der Nabel der Welt sind, sondern Teil der Schöpfung, dass sie sich nicht immer so wichtig nehmen sollten.“

    Heimatpfleger kritisiert diese „generelle Inkriminisierung von Bier“

    Nach der Kirche ging man dann früher oft zusammen auf ein Bier. Doch Wirtshäuser gibt es heute auch kaum noch – „das ist alles keine schöne Entwicklung“, sagt der Historiker Neumaier und erinnert daran, dass Bier früher ein Nahrungsmittel war, „flüssiges Brot, das beispielsweise Kranken in den Spitälern zur Stärkung gereicht wurde“. Neumaier weiß natürlich um die Warnungen vor Alkohol. Er will die gesundheitlichen Gefahren auch nicht kleinreden. Doch die „generelle Inkriminisierung von Bier“ sei eine Entwicklung, bei der man aus seiner Sicht schon aufpassen müsse, „dass nicht jedes Maß verloren geht“.

    Rudolf Neumaier ist Geschäftsführer des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege. Er fürchtet, dass in Bayern mit dem Verlust der Kirchen und Klöster viel mehr verloren geht, als es auf den ersten Blick scheint. 
    Rudolf Neumaier ist Geschäftsführer des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege. Er fürchtet, dass in Bayern mit dem Verlust der Kirchen und Klöster viel mehr verloren geht, als es auf den ersten Blick scheint.  Foto: Bayerischer Landesverein für Heimatpflege

    Das sieht man beim Bayerischen Brauerbund nicht anders. Hauptgeschäftsführer Lothar Ebbertz ärgert „gerade die in den sozialen Medien weit verbreitete irrationale Panikmache selbst vor moderatem Alkoholkonsum“. Er räumt ein, ein rein statistisches Risiko lasse sich wohl auch bei jedem noch so geringen Alkoholgenuss ermitteln, „doch ganz ohne Risiko überquere ich auch keine Straße“. Dennoch: alkoholfreie Biere lägen aktuell im Trend.

    Lothar Ebbertz vom Bayerischen Brauerbund sieht Klosterbiere nach wie vor stark gefragt. Ihn ärgert allerdings die „irrationale Panikmache selbst vor moderatem Alkoholkonsum".
    Lothar Ebbertz vom Bayerischen Brauerbund sieht Klosterbiere nach wie vor stark gefragt. Ihn ärgert allerdings die „irrationale Panikmache selbst vor moderatem Alkoholkonsum". Foto: Daniela Hungbaur

    Aber auch Klosterbiere seien nach wie vor stark gefragt. Klosterbiere hätten schon immer eine besondere Rolle im Biermarkt eingenommen – „und tun es heute noch“. Mit dem freundlich dreinschauenden, gemütlich eine Maß hochhaltenden Mönch lasse sich noch gutes Geld verdienen: „Bier aus Klosterbrauereien genießt bei den Menschen nach wie vor ein großes Vertrauen“, weiß Ebbertz. Das hat viel mit der langen Tradition zu tun: „Ganz früher haben die Hausfrauen in sehr kleinem Maßstab das Bier gebraut. Doch die ersten, die das Bierbrauen quasi gewerblich betrieben haben, waren Klöster.“ Und weil die Mönche und Nonnen oft schreiben und lesen konnten, haben sie ihre Erfahrungen auch beim Bierbrauen schriftlich festgehalten, was von großem Nutzen war und was die Klöster zu Kompetenzzentren in Sachen Bier machte.

    Es gibt nur noch sechs echte Klosterbrauereien in Deutschland, alle sind in Bayern

    „Mit der Säkularisierung, dem Einzug kirchlicher Güter durch den Staat zu Beginn des 19. Jahrhunderts, verschwanden viele große Klöster.“ Blieb die Brauerei überhaupt erhalten, wurde sie oft in Privateigentum überführt. In den letzten Jahrzehnten ist es vor allem massiver Nachwuchsmangel, der zur Aufgabe von Klöstern und mit ihnen vereinzelt noch vorhandener Klosterbrauereien führt. So findet sich der klösterliche Ursprung mancher Biere bis heute in einigen großen bayerischen Biermarken, auch wenn sie längst nicht mehr in Klöstern hergestellt werden: Augustiner etwa, Paulaner oder Franziskaner. „Echte Klosterbrauereien, also solche, die noch aktiv und in kirchlichem Eigentum sind“, gebe es heute deutschlandweit nur noch sechs. Alle sind in Bayern. „Vier Klosterbrauereien gehören Benediktinern: Die größte ist Andechs“, beginnt er aufzuzählen, „aber auch Ettal, Scheyern, die nach einer zwischenzeitlichen Schließung vor rund 20 Jahren wiederbelebt worden ist, und Weltenburg sind noch echte Klosterbrauereien.“ Außerdem betreibe noch das fränkische Franziskanerkloster Kreuzberg eine eigene Brauerei und eben die Mallersdorfer Schwestern „mit ihrer als letzte brauende Nonne weithin bekannten Schwester Doris“.

    Und die wohnt sogar in ihrer Brauerei. Nur zum Essen und zu den Gebeten gehe sie rüber ins Kloster. War der Weg dorthin wirklich der richtige für sie? „Ja“, sagt sie sofort. „Ich würde wieder ins Kloster gehen. Die Gemeinschaft ist etwas, das trägt.“ Schon als junges Mädchen hat sie sich für diesen Weg entschieden. Aufgewachsen auf einem kleinen Hof im fränkischen Herrieden bei Ansbach als jüngstes von zehn Kindern, lernte sie schon früh eine Mallersdorfer Schwester kennen. Die Krankenschwester kam damals regelmäßig ins Haus, um ihre kranke Mutter zu pflegen. „Von dieser Frau war ich so begeistert, dass ich schon damals beschlossen habe, so will ich auch werden.“ Krankenschwester wurde sie dann allerdings nicht. Dafür Braumeisterin. „Weil damals im Kloster eben eine gebraucht wurde.“

    In der Fastenzeit macht sie an den Freitagen dann regelmäßig Bier-Fasten

    Dabei schmeckte ihr als junges Mädchen Bier überhaupt nicht. Mit zugehaltener Nase habe sie nach der Braumeisterprüfung ihr erstes Bier getrunken, das war 1975. Seitdem versorgt sie vor allem auch ihre Mitschwestern mit Bier. „Bei uns gibt es zu jeder Mahlzeit Bier, außer zum Frühstück. Immer vom Fass.“ Damit jede Schwester selbst entscheiden kann, wie viel sie trinken mag. Schwester Doris braut allerdings nur Sorten, die ihr selbst schmecken. „Ich mag kein Weißbier“, sagt sie. „Wenn meine Mitschwestern ein Weißbier wollen, dann müssen sie sich eines kaufen.“ Sie selbst trinke am liebsten Kellerbier, bevorzugt am Abend beim Zeitunglesen. In der Fastenzeit macht sie dann an den Freitagen regelmäßig Bier-Fasten. Da trinkt sie über den Tag verteilt nur etwas Bier und isst gar nichts. „Kann ich jedem nur empfehlen, der ein, zwei Kilos loswerden möchte.“

    Doch die Zeiten für Bier, sie waren schon einmal besser. Das spürt auch Schwester Doris. Ihr Kellerbier, ein so genantes Zoigl, aber auch ihr Helles, ihr Bock und ihre Saisonsorten gibt es nicht nur in der Klosterbrauerei und in Geschäften in der Region. Auch ein Onlinehändler hat sie gelistet. Stolz erzählt sie, dass ihr Bier sogar in Amsterdam beim „Wilden Mann“ und in Mailand getrunken werden kann.

    Rund 3000 Hektoliter Bier erzeuge die Brauerei noch pro Jahr. Etwa ein Drittel verbrauchen die Schwestern selbst. Sie brauen aktuell zu dritt: Schwester Doris, ein angestellter Braumeister und ein Mitarbeiter. Die Braugerste komme aus der eigenen Landwirtschaft, der Hopfen aus der Hallertau – „alles ist bei uns regional“. Und natürlich braue sie noch immer so handwerklich wie möglich. Zwar hat auch in der Mallersdorfer Brauerei längst ein Computer Einzug gehalten, doch Schwester Doris lässt ihr Bier noch sechs Wochen reifen und verzichtet auf eine Pasteurisierung.

    Aber warum verzichtet sie eigentlich so konsequent auf alkoholfreies Bier? „Also erstens ist alkoholfreies Bier überhaupt nicht gesünder“, beginnt sie, „sondern enthält mehr Zucker.“ Außerdem habe sie in ihrer Ausbildung in Ulm gelernt, Bier sei ein gehopfter, vergorener Malzauszug, der sich in stiller Nachgärung befindet. Worauf ein Kollege schon damals angemerkt habe: „Dann ist alkoholfreies Bier also wie eine geschlechtslose Geliebte.“ So was kommt ihr nicht in den Braukessel.

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