Bevor Florian Wagner die Nähe der Menschen sucht, zieht er seine Sicherheitsschuhe an. Auch ohne Helm geht er keinen Schritt. Auf der Baustelle ist Sicherheit das erste Gebot.
Wagner gräbt tief, manchmal jedenfalls. Er ist Seelsorger für alle, die auf den Baustellen der 2. Münchner Stammstrecke arbeiten: je nach Bauphase bis zu 1000 Menschen. An diesem Nachmittag macht er seinen Rundgang in der Grube am Marienhof gleich hinter dem Münchner Rathaus. Wagner legt in einem Blechcontainer seinen „Selbstretter“ an, den Kasten mit Sauerstoffmaske, der bei einem Notfall mehr hilft als alles Gottvertrauen. „Jeder hier bringt sein Leben mit auf die Baustelle“, sagt der Seelsorger, der aus Mickhausen im Landkreis Augsburg stammt. Und eines offenbart sich ihm in seiner Arbeit stets aufs Neue: „Die Männer auf dem Bau sind sensibler, als man denkt.“
Es bricht etwas weg – nicht zuletzt die Kirchensteuereinnahmen
An diesem Tag geht es 45 Meter in die Erde, hinunter zum tiefsten Punkt dieses gigantischen City-Bergwerks, über das mitten in der Münchner Innenstadt täglich Tausende eilen. Die provisorische Treppe knarzt. Wenn die Leute nicht mehr in die Kirche kommen, davon ist nicht nur Wagner überzeugt, dann „muss Seelsorge direkt dort stattfinden, wo die Menschen sind“. Deshalb klettert er auf Kräne. Deshalb steigt er hinab in die Grube, wo es laut ist und die Luft schwer. Wo Männer aus mindestens einem halben Dutzend Nationen Stahl flechten.
Wagner hat Päckchen mit Traubenzucker dabei. Auf jedes hat er einen Sticker geklebt. „Problems?“, steht darauf. „Jestem tutaj.“ Das ist Polnisch für „Ich bin da“. Italienisch, Slowakisch, Bosnisch, Türkisch, immer wieder: „Ich bin da“. Seine Handynummer hat er dazugeschrieben, ein QR-Code führt auf seinen Online-Blog.
In den Herkunftsländern mancher Bauarbeiter, Polen etwa, ist die Kirche noch stärker in der Gesellschaft verankert als in Deutschland, wo mittlerweile weniger als die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger katholisch oder evangelisch sind. Allein im vergangenen Jahr verloren die beiden großen christlichen Kirchen insgesamt rund 1,2 Millionen Mitglieder. Durch Austritte, durch Sterbefälle. Gut 250.000 kamen hinzu durch Taufen und (Wieder-)Eintritte. So geht das seit Jahren, der teils dramatische Mitgliederschwund ist nicht zu stoppen, erst recht ist die Entwicklung nicht umkehrbar. Innerhalb der Kirchen glaubt man das nicht, es herrscht Gewissheit. Es bricht etwas weg. Nicht zuletzt sind es die Kirchensteuereinnahmen. Und jetzt?
Kirche kann von Unternehmen die konsequente Orientierung an den Interessen der Kunden lernen.
Christian Kopp, Landesbischof
„Die Kirche muss sparen.“ Das ist ein Satz, der in diesen Tagen, in denen katholische Bistümer ihre Jahresabschlüsse für 2024 vorlegen, häufig zu hören ist. Ein Satz auch, der zuverlässig auf Unverständnis stößt – bei rund 6,6 Milliarden Euro an Kirchensteuereinnahmen, die den 27 katholischen (Erz-)Bistümern im vergangenen Jahr zuflossen, und knapp sechs Milliarden Euro, mit denen die 20 evangelischen Landeskirchen rechnen konnten. Doch die Wirklichkeit ist komplex. Zu ihr gehört, dass ohne diese Einnahmen die Kirchen andere wären. Für die Diözese Augsburg zum Beispiel mit ihren rund 1,1 Millionen Katholikinnen und Katholiken machten sie im vergangenen Jahr mehr als 80 Prozent aller Erträge aus, in der Erzdiözese München und Freising, die am Donnerstag ihren Jahresabschluss präsentierte, waren es 70 Prozent. In der evangelischen Landeskirche in Bayern sind es rund 65 Prozent der Gesamteinnahmen.
Trotzdem häufen sich die Jahresfehlbeträge in den Finanzberichten. Der Er- und Unterhalt von Pfarrheimen, Pfarr- und Gotteshäusern – langfristig ist er schlicht nicht finanzierbar. Die Kirchen werden sich allein in Bayern von zigtausenden Immobilien trennen müssen. Das Erzbistum München und Freising spricht mit Blick auf den Gebäudebestand von einem Schatz, aber auch einer Last. Bayernweit sagen Kirchenleute Sätze, die Zuversicht verbreiten sollen, wie am Donnerstag Stephanie Herrmann, Amtschefin des Münchner Erzbischöflichen Ordinariats: Ein „kritischer Blick auf unsere Angebote, die Konzentration auf das Wesentliche und Schwerpunktsetzungen“ seien auch eine Chance, „Menschen neu anzusprechen“. Der evangelische Landesbischof Christian Kopp sagte: „Menschen sind wichtiger als Steine.“ Die Kirchen befinden sich im größten Umbau ihrer jüngeren Geschichte.
Und jetzt? Kopp ergänzte: Kirche könne von Unternehmen die „konsequente Orientierung an den Interessen der Kunden“ lernen. Dahinter steckt ein Gedanke, der in der katholischen Kirche ebenfalls konsensfähig zu sein scheint. Man will in jenen Bereichen präsent bleiben und investieren, in denen Kirche – noch – Berührungspunkte zu Mitgliedern wie Nicht-Mitgliedern hat und in denen man eine Zukunftsperspektive vermutet. Bei Erziehung und Bildung, im Sozialen und Karitativen, in der Kinder- und Jugendarbeit, als Begleiterin in bestimmten Lebenssituationen und Übergangsphasen. In der Seelsorge – dank Menschen wie Florian Wagner.
Dem sieht man den Kirchenmann nicht an. Nur auf seiner orangefarbenen Sicherheitsweste steht das Wort „Seelsorger“. Wagner ist kein Pfarrer, er hat Familie, bei der Erzdiözese ist er in der Betriebsseelsorge beschäftigt. Die Kirche und die Deutsche Bahn arbeiten in seinem Fall also zusammen. Zu besonderen Anlässen hält der 44-Jährige auch feierliche Andachten unter Tage. Etwa im vergangenen Januar, als hier am Marienhof offiziell mit dem Tunnelbau begonnen wurde. Dann streift sich Wagner sein helles, liturgisches Gewand, die Albe, über und segnet das Baufeld.
Kürzlich hat er sich auf der Baustelle am Münchner Ostbahnhof vorgestellt. „Ich bin dafür zuständig, dass es euch gut geht“, sagte er den Arbeitern. „Euer Wohlfühlmanager.“ Wagner will helfen, bevor ein Arbeiter nach Aberstunden im Untergrund womöglich auch seelisch einen Tunnelblick entwickelt, sich in Problemen verrennt. Und manchmal passt die Aufgabe des gebürtigen Schwaben gut zu einem Hit der Rosenheimer Band Sportfreunde Stiller, in dem sie singen: „Will ich mal wieder mit dem Kopf durch die Wand, legst du mir Helm und Hammer in die Hand.“
Der Seelsorger balanciert auf dem Stahlgeflecht, das den Betonboden bedeckt, erkundigt sich beim Vorarbeiter, wie es läuft. Hier entsteht ein Verbindungstunnel, der die bestehenden U-Bahn-Linien an der Haltestelle Marienplatz mit der künftigen S-Bahn-Station der 2. Stammstrecke verbinden wird. Die Tage sind hart, der Zeitplan eng. Doch Arbeiter sind ja keine Maschinen. Sie haben Stress mit Kollegen, Eheprobleme, Sehnsucht nach zu Hause. Sie zweifeln. Wie der Mann, der sich an Wagner wandte, weil er sich in seinem Job nicht mehr richtig fühlte. „Ich konnte ihm einen Impuls geben, wonach er sich dann tatsächlich anders aufgestellt hat.“
Alternde Gesellschaft wird zum Problem für die Kirchen
Worüber genau die Angestellten mit ihm sprechen, muss der studierte Religionspädagoge für sich behalten: Schweigepflicht. Etwa die Hälfte seiner 40-Stunden-Woche soll er mit Beratungsgesprächen verbringen. Das ist nicht immer zu schaffen. „Manche tun sich schwer, zu mir zu kommen. Ich sage den Leuten: Ich kontrolliere hier niemanden, bei mir gibt es keinen Zeitdruck.“ Viele der Gespräche finden dann am Telefon statt.
„Ich bin da“: Wie die Kirchen diesen Satz in den nächsten Jahren mit Leben füllen könnten, darauf gibt die sechste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, die Ende 2023 veröffentlicht wurde, Hinweise. Sie liefert Befunde, auf die sich beim Umbau aufbauen lässt: Die Reichweite der Kirchen in die Gesellschaft hinein ist nach wie vor groß, am häufigsten in Kontakt stehen die Menschen mit Pfarrern und Pfarrerinnen sowie Mitarbeitenden der Jugend-, Familien-, Senioren- oder Sozialarbeit. Und: Den kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen Diakonie (evangelisch) und Caritas (katholisch) wird großes Vertrauen entgegengebracht.
Aber da ist nun einmal der Sparzwang. In diesem Jahr, erklärt das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), hätten katholische und evangelische Kirche rund 150 Millionen Euro an Kirchensteuereinnahmen weniger zur Verfügung – im Vergleich zu 2019 seien die realen Einnahmen um fast 20 Prozent zurückgegangen. Für das IW ist es so sicher wie das Amen in der Kirche: Es gibt eine „finanzielle Negativspirale“. Zusätzlich zum Mitgliederschwund wird demnach die alternde Gesellschaft zum Problem – denn immer mehr Gläubige, es ist die Generation der Babyboomer, gehen in Rente. Und zahlen in der Regel keine Kirchensteuer mehr, die nach der Einkommens- beziehungsweise Lohnsteuer berechnet wird.
Die Kirchen schränken sich bereits auf vielen Ebenen ein – und ergänzen den Satz „Die Kirche muss sparen“ mit Halbsätzen wie „und priorisieren“. Es geht um nichts weniger als um den bestmöglichen Einsatz der vorhandenen Ressourcen, um einen tiefgreifenden Umbau – um die evangelische und katholische Kirche der Zukunft, die eine andere sein wird. Worauf muss und kann verzichtet werden? Worauf auf keinen Fall? Vor allem: Wie kann die Kirche weiterhin ihrem Auftrag, zu dem die Glaubensverkündigung und der Dienst am Nächsten zählen, gerecht werden? Das sind die entscheidenden Fragen, die sich Haupt- wie Ehrenamtliche, Kleriker wie Laien allerorten stellen, um Antworten ringen – und teils auch kreative finden.
Neue Ideen: Spontan heiraten und Seelsorge für Reisende
Als einen ungeahnten Erfolg etwa kann die evangelische Kirche die Aktion „einfach heiraten“ verbuchen. Zum dritten Mal konnten am 25. Mai bayernweit Paare ihre Partnerschaft segnen oder sich, eine standesamtliche Eheschließung vorausgesetzt, kirchlich trauen lassen. 2023 kamen 220 Paare, 111 davon heirateten. 2024 waren es 626, von denen 266 heirateten. In diesem Jahr freuten sich die Kirchenverantwortlichen über einen neuen Rekord: 801 Paare nahmen an der Aktion teil, 320 davon ließen sich kirchlich trauen. „Dieses Angebot trifft einen Nerv“, sagte Landesbischof Kopp. Es sei „gelebte Kirche in ihrer schönsten Form“. Aus evangelischer Sicht ist „einfach heiraten“ so, wie Kirche künftig verstärkt sein sollte: einladend, unkompliziert und berührend.
Auch das Erzbistum München und Freising probiert noch mehr Neues, um nah bei den Menschen zu sein. Am Münchner Hauptbahnhof kümmern sich seit Kurzem zwei Seelsorger – ein Priester und ein Diakon – um Reisende und Bahnpersonal. Ganz neu ist der „mobile Straßen-Seelsorger“, der in der Landeshauptstadt unterwegs ist.
Florian Wagners Tour ist für diesen Tag beendet. Der Bauschacht-Aufzug bringt ihn wieder hinauf ins Licht. Er geht vorbei an einem großen Schild: „Diese Baustelle ist seit 73 Tagen unfallfrei.“ Das ist lange, wenn man bedenkt, dass jeder angeknackste Knöchel diese Statistik auf null setzen könnte. Doch in einem festen Glauben sind alle Tiefbau-Arbeiter vereint: dem an die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute. Deshalb wird Wagner am Barbaratag im Dezember wieder seine Albe überstreifen, unter Tage eine Andacht halten und die Überzeugung der Männer bestärken: „Wenn die Heilige Barbara da ist, ist die Baustelle sicher.“
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