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Wie gut sind unsere Kliniken auf Krisenfälle vorbereitet?

Kritische Infrastruktur

Wie kriegstüchtig sind Deutschlands Krankenhäuser?

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    Ein Rettungshubschrauber der Luftrettung fliegt über einer Notaufnahme.
    Ein Rettungshubschrauber der Luftrettung fliegt über einer Notaufnahme. Foto: Julian Stratenschulte, dpa (Symbolbild)

    Je mehr die alte Weltordnung zerbröselt, desto mehr stellt sich die Frage, wie „kriegstüchtig“ Deutschland ist. Und was genau das auch für besonders kritische Infrastrukturen wie Kliniken bedeutet? Im Verteidigungsfall rechnen Experten mit bis zu 1000 zusätzlichen Verletzten pro Tag, die in deutschen Kliniken und Krankenhäusern versorgt werden müssten. Wie also ist es es um die Kriegsbereitschaft deutscher Universitätskliniken und des Gesundheitssystems bestellt?

    Das „Safety Camp“ findet am Mittwoch, 28. Januar statt

    Das wird am 28. Januar auf dem „Safety Camp“ in Augsburg diskutiert. Das „Safety Camp“ ist eine Veranstaltung der Augsburger Allgemeinen in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Augsburg. Es kommen im Kongress am Park Expertinnen und Experten aus Medizin, Politik und Wirtschaft zusammen, um über die Sicherheitskultur im Gesundheitswesen zu reden – und Lösungen zu entwickeln. Der Bedarf ist groß, denn das Ergebnis einer Studie des Deutschen Krankenhaus Instituts ergab, dass „deutsche Krankenhäuser in ihrer derzeitigen Struktur nur eingeschränkt krisen- und verteidigungsfähig sind.“

    Auch Udo Kaisers, Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Ulm, wird als Experte beim „Safety Camp“ sein. Auf dem Campus seiner Klinik ist auch das einzige Bundeswehrkrankenhaus im süddeutschen Raum. Wovon das Klinikum - 8500 Mitarbeitende, 56.000 stationäre Patienten pro Jahr, 270.000 ambulante Fälle pro Quartal - in seinem Bemühen um mehr Resilienz sehr profitiert, wie Kaisers im Gespräch mit unserer Redaktion sagt. „Denn wir haben vielfältige Möglichkeiten, zusammen zu üben.“

    „Kriegswunden sind oft sehr komplexe Verletzungsmuster, die wir im Zivilen nicht häufig sehen.“

    Udo Kaisers, Leitender Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Uniklinikums Ulm

    Wenn morgen der Bündnisfall ausgerufen würde, wäre allerdings auch sein Haus noch nicht kriegstüchtig. „Wir befinden uns ja in einem Kontinuum zwischen Frieden, Krise und Krieg. Man muss also gar nicht martialisch von einem militärischen Konflikt ausgehen, um festzustellen: Es gibt komplexe Anforderungen an uns, insgesamt widerstandsfähiger zu werden. Wir beschäftigen uns schon geraume Zeit intensiv mit dieser Frage.“ Es geht dabei längst nicht nur um die Versorgung von Verletzten. „Unsere Aufgabe ist bei unterschiedlichen Bedrohungsszenarien die Gesundheitsversorgung der zivilen Bevölkerung. Da geht es um Logistik, also um Strom, Wasser, funktionierende Lieferketten und natürlich um Cybersicherheit und funktionierende Kommunikationssysteme.“ Im Nato-Bündnisfall rechnet Kaisers damit, dass auch sein Haus „erhebliche Mehrarbeit liefern muss“. Dafür braucht es natürlich auch mehr Personal. Der Vorteil eines Universitätsklinikums gegenüber anderen Krankenhäusern sei, dass es viele Studierende gibt, viele Auszubildende, also „eine skalierbare Reserve“.

    Ganz konkret geht es, im Verteidigungsfall, auch um die Art der Behandlungen. „Kriegswunden sind oft sehr komplexe Verletzungsmuster, die wir im Zivilen nicht häufig sehen“, erklärt Kaisers. Schon länger bildet das Uniklinikum Ulm gemeinsam mit der Bundeswehr Chirurgen und Anästhesisten unterschiedlichster Disziplinen in Katastrophenmedizin weiter. „Die Bereitschaft der im Gesundheitssystem Beschäftigten sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, nehme ich als sehr groß war.“ Und dass, obwohl in der Krankenhausreform von Ex-Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) Reservekapazitäten an Personal für den Verteidigungsfall außen vor geblieben seien, wie Kaisers kritisiert. „Das Gesundheitssystem ist insgesamt noch nicht eingestellt auf diese Anforderungen.“

    „Mithilfe von Übungen in Krankenhäusern wollen wir aufzeigen, wo noch Handlungsbedarf besteht.“

    Judith Gerlach, Bayerns Gesundheitsministerin

    Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach hat nach eigenen Angaben bereits im vergangenen Jahr gefordert, „dass das Gesundheitswesen in ganz Deutschland besser für den Ernstfall gewappnet ist“. Und hier müsse man nicht nur die Krankenhäuser, sondern das gesamte Gesundheitswesen in den Blick nehmen, hebt die CSU-Politikerin hervor. Bayern habe angesichts der aktuellen Weltlage die Krankenhäuser im Freistaat bereits vor einiger Zeit gebeten, Auskunft über den Stand ihrer Alarm- und Einsatzplanung zu geben. „Die Rückmeldungen haben gezeigt: Das Thema Sicherheit ist für die meisten Krankenhäuser sehr präsent. Viele optimieren gerade ihre Planungen und Vorbereitungen“, so Gerlach. Ihr sei aber wichtig, dass man die Kliniken und die anderen Akteure im Gesundheitswesen nicht allein bei diesen Vorbereitungen ließe. „Vielmehr muss der Bund hier seiner Rolle gerecht werden. Denn aktuell fehlen noch die notwendigen einheitlichen Regelungen auf Bundesebene sowie die finanzielle Unterstützung der notwendigen Maßnahmen“, kritisiert Gerlach.

    Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach will sich dafür stark machen, dass das gesamte Gesundheitssystem für Krisenfälle besser gerüstet ist.
    Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach will sich dafür stark machen, dass das gesamte Gesundheitssystem für Krisenfälle besser gerüstet ist. Foto: Katharina Kausche, dpa

    Ihr Ministerium biete bereits Unterstützung: „Mithilfe von Übungen in Krankenhäusern wollen wir aufzeigen, wo noch Handlungsbedarf besteht. So wollen wir neben den bereits praktizierten Übungen der Krankenhäuser zu einem sogenannten Massenanfall von Verletzten auch bislang weniger im Fokus stehende Bedrohungen üben.“ Im Oktober habe dazu beispielsweise an einer Klinik in München eine Großübung stattgefunden, bei der es um einen geplanten Anschlag mit einem giftigen Stoff ging. Auch für die Zukunft seien weitere Krisenübungen in Krankenhäusern gemeinsam mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst geplant. „Dies geschieht in engem Schulterschluss mit der Bayerischen Krankenhausgesellschaft. Dafür werden auch Szenarien wie der Wegfall gewohnter Infrastruktur oder eine biologische Sonderlage geprobt“, erklärt die Ministerin. Seit vergangenem Jahr stelle ihr Ministerium den Krankenhäusern für diese Übungen zur besseren Vorbereitung auf Krisen finanzielle Mittel in Höhe von zwei Millionen Euro zur Verfügung.

    Bayern hat seit 2025 einen Expertenrat Gesundheitssicherheit

    Auch habe man 2025 einen Expertenrat Gesundheitssicherheit eingerichtet, „der Risiken analysiert und Lösungen für Krisenfälle vorschlägt“. Im Rahmen des Expertenrats sei zudem eine Kooperationsvereinbarung mit der Sanitätsakademie der Bundeswehr zur Erstellung eines digitalen zivil-militärischen Gesundheitslagebilds unterzeichnet worden. „Die aktuelle Projektphase beinhaltet das Zusammentragen von verfügbaren Daten aus den verschiedenen Gesundheitssektoren, um im Ernstfall eine verlässliche Lagebewertung und Patientensteuerung durchführen zu können.“

    Gerlach erklärt weiter, es seien aktuell einige bundesweite Gesetze auf dem Weg, die Regelungen für etwaige Krisen etablieren sollen. Die Ministerin setze sich hier für eine Beschleunigung ein. Das größte Risiko ist für Gerlach, „wenn wir uns nicht vorbereiten“. Deshalb brauchen wir ihrer Meinung nach dringend bundesweite Regelungen zum Beispiel für eine effiziente Bevorratung von Arzneimitteln und eine strategische Patientensteuerung. „Am besten könnten derartige Regelungen bei einem Gipfel für Gesundheitssicherheit auf den Weg gebracht werden, an dem alle beteiligten Akteure teilnehmen“, schlägt sie vor und ergänzt: „Im Gesundheitssektor arbeiten herausragende und motivierte Menschen – sie brauchen für einen möglichen Krisenfall klare Vorgaben und effiziente und pragmatische Strukturen.“

    Weitere Informationen zum „Safety Camp“ am 28. Januar in Augsburg unter www.safety-camp.de

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