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09.07.2018

Zu viel nackte Haut an Schulen?

Diskussion Mittelschüler im niederbayerischen Osterhofen bekommen übergroße T-Shirts, wenn ihre Kleidung zu sexy ist. Der Aufschrei ist groß. In Bayern ist das Vorgehen kein Einzelfall

Osterhofen Auf der Homepage der Mittelschule Osterhofen in Niederbayern ist ein Statement abgedruckt. Die Schule hat genug von den Presseanfragen. Von Kamerateams, die unangemeldet auf dem Schulgelände stehen. Sie ist überrannt worden vom Medienrummel. Grund dafür sind ihre neuen XXL-Shirts. Ein sackartiges Kleidungsstück für Jugendliche, die mit zu knapper oder tief ausgeschnittener Kleidung im Unterricht erscheinen. Die Mittelschule Osterhofen ist nicht die erste Schule in Bayern, die mit einem Sitten-Shirt für Aufsehen sorgt.

Dürfen Schulen das? Im bayerischen Schulrecht ist keine Kleiderordnung verankert. Das heißt, jede Schule handelt eigenverantwortlich. Außerdem heißt es im Bayerischen Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen, dass Schüler alles zu unterlassen haben, was den Schulbetrieb stören könnte. Und entscheiden Schulleiter, dass zu knappe Kleidung stört, darf sie verboten werden.

Doch der Aufschrei ist groß, wenn Schulen vorschreiben, was Jugendliche zu tragen haben. Am Würzburger Deutschhaus-Gymnasium gibt es seit 2015 eine neue Kleiderordnung. „Auch wenn dein Bauchnabel ein Hingucker ist, solltest du ihn nicht in der Schulöffentlichkeit präsentieren“, steht darin. Gleiches gilt für Beine und Po. Zu kurze Röcke und Hosen sind verboten. Hält sich ein Schüler nicht daran, gibt es ein persönliches Gespräch. Hat der Schüler keine Wechselkleidung, gibt es eine alte Schulkleidungskollektion, aus der er sich bedienen kann – so steht es auf der Internetseite des Gymnasiums. Im sozialen Netzwerk Facebook gründeten Schüler daraufhin die Gruppe „Dresscode? Nein, danke!“ 532 Personen haben sich der Gruppe angeschlossen. Die Kleiderordnung besteht dennoch.

An einer Realschule im baden-württembergischen Horb kündigte Rektorin Bianca Brissaud im Juli 2015 in einem Elternbrief an, zu knapp bekleideten Mädchen am Schuleingang ein weißes T-Shirt in XXL-Größe zu verordnen. Es folgte eine Flut der Empörung. Brissaud ruderte zurück. Ein Jahr später sieht sie keinen Bedarf mehr für den Einsatz der Mega-T-Shirts. Stattdessen erarbeiteten die Schüler selbst eine Art Rote Liste. Darauf sind alle Kleidungsstücke vermerkt, die nicht in die Schule passen.

In der Erklärung der Osterhofener Mittelschule – adressiert an alle Medienvertreter und „Besserwisser“ – heißt es, die Presse dichte der Schule ein Problem an, verdamme das Shirt als Straf-Shirt. „Die Schulgemeinschaft hält die Lösung ohne Schimpf und Tadel für eine charmante Art und Weise, wenn der Dresscode mal nicht so ganz passt.“

Gedacht sind die übergroßen Shirts für Mädchen und Jungs gleichermaßen. „I love Mittelschule Osterhofen“ steht darauf. Schulleiter Christian Kröll sieht sie nicht als Bestrafung. „Wir kaschieren den guten Geschmack und über den lässt sich irgendwann nicht mehr streiten“, sagt er gegenüber der Passauer Neuen Presse. Po-Blitzer sind tabu. Hotpants müssen lang genug sein, damit die Mädchen verschont bleiben vom Straf-Shirt. Verboten ist alles, „was anstößig und nicht ästhetisch ist“.

Schon 2004 geriet eine bayerische Schule wegen ihrer Kleiderordnung in die Schlagzeilen. Damals war es die Leonhard-Wagner-Realschule in Schwabmünchen (Kreis Augsburg). Der damalige Schulleiter Hans Lippert hatte im Kampf gegen zu viel nackte Haut ein übergroßes Anstands-Shirt eingeführt – in Rosa. „Die Idee war als solche gar nicht schlecht“, sagt Nachfolger Markus Rechner. Es sei in erster Linie darum gegangen, die Mädchen zu schützen. Auf dem Schulweg sei es schon zu Belästigungen gekommen. Mittlerweile gibt es das Sitten-Shirt nicht mehr. „Ich denke, es sorgte für zu viel negatives Aufsehen.“ Zu Beginn seiner Amtszeit 2006 habe Rechner noch eines der rosafarbenen Shirts im Schrank entdeckt. Nun sind alle entsorgt. Und was passiert jetzt, wenn die Hotpants zu kurz sind? „Dann würde ich die Eltern bitten, dem Mädchen neue Kleidung zu bringen oder es abzuholen.“ Aber das sei noch nie vorgefallen. Das Riesenshirt will Rechner jedenfalls nicht mehr einführen.

Nach dem neuesten Fall in Osterhofen toben die Nutzer in den sozialen Netzwerken. Viele politisieren das Sitten-Shirt aus Osterhofen, nutzen das Vorgehen der Schule, um Hetzkampagnen zu starten. „Die Mittelschule Osterhofen scheint sich für kommende islamische Zeiten zu wappnen“, schreibt zum Beispiel eine Userin. Ein anderer Nutzer fühle sich hingegen durch das T-Shirt in die 50er zurückversetzt: „Wir hätten gern unser Frauenbild zurück.“ In Osterhofen hält man fest an der Idee. „Wir finden unsere T-Shirt-Lösung cool“, schreibt die Schulgemeinschaft auf der Homepage. Deshalb hat die Mittelschule neue Oberteile angeschafft. In den drei Jahren zuvor gab es dort auch schon XXL-Shirts. Zum Einsatz kamen sie in dieser Zeit nur zwei Mal.

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