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Dillingen

19.09.2017

„Christen sind keine Angsthasen“

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Der Benediktinermönch Notker Wolf sprach im Kirchenzentrum St. Ulrich in Dillingen.
Bild: Gusbeth

Benediktinermönch Notker Wolf sprach in Dillingen vor vollem Haus über die Ängste der Deutschen.

Der Applaus eines Besuchers im Kirchenzentrum St. Ulrich in Dillingen erstarb sofort, als er merkte, dass in diesem Moment kein anderer Zuhörer in seinen Beifall für Notker Wolf einstimmte. Es war der Moment, als der ehemalige Abtprimas der Benediktiner sagte: „Wenn es Ihnen nicht passt, sollten sie gehen.“ Notker bezog sich dabei allerdings nur auf jene Minderheit von Flüchtlingen, die sich nicht an Gesetze, Recht und Ordnung in Deutschland hielten. „Auch wir müssen unsere Forderungen an die Flüchtlinge stellen“, betonte er in diesem Zusammenhang, „ihr selbst müsst auch etwas tun, die Sprache lernen, Arbeit annehmen, euch integrieren“.

Doch dieser leise Anflug von Kritik des Benediktiners war eingebettet in ein großes christliches Bekenntnis zur Nächstenliebe. Gerade das tief im christlichen Glauben verwurzelte Prinzip Hoffnung, das „Fürchtet euch nicht“ befähige die Menschen der Angst ihre Unbestimmtheit zu nehmen. Für ihn sei es daher eine Herzensangelegenheiten anderen Menschen Mut zu machen. Deutlicher wird der Bestseller-Autor in seinem neuen Buch „Schluss mit der Angst – Deutschland schafft sich nicht ab“, das er bei seinem Auftritt in Dillingen vorstellte: „Christen sind keine Angsthasen, sondern Hoffnungsträger.“

Der Untertitel bezieht sich auf das Buch von Thilo Sarrazin, das 2010 erschien und in Deutschland heftigste Kontroversen auslöste. Sarrazin beschrieb darin die Folgen, die sich seiner Ansicht nach für Deutschland aus der Kombination von Geburtenrückgang, wachsender Unterschicht und Zuwanderung aus überwiegend islamisch geprägten Ländern ergeben würden. Viele der Sarrazin-Thesen nennt Notker in seinem Buch verkürzt, tendenziös oder schlicht inakzeptabel. Auch die Generalisierung „der Islam“ greife zu kurz. Das vielleicht entscheidende Problem bestehe in der Frage, ob ein Muslim einen Andersgläubigen als ebenbürtig gelten lasse. Ihm, Notker, fehle „eine klare Aussage hinsichtlich eines anerkennenden Verhältnisses zu anderen Religionen, wie sie etwa in „Nostra Aetate“ einem Dokument des II. Vatikanischen Konzils oder in der Schrift „Dignitas Humanae“ zum Religionsfrieden zu finden sind“, schreibt er in seinem Buch.

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Der Abend in Dillingen war auch der Versuch des polyglotten Naturphilosophen zu erklären, wie Ängste entstehen, wie man sie überwinden und so frei für Wandel werden könne. Ängste seien oft das Einzige, worüber die Menschen miteinander reden können, quasi der kleinste gemeinsame Nenner. Doch Ängste gebe es auf beiden Seiten, sie seien eine natürliche Reaktion auf „das Fremde“. Flüchtlingsströme seien ein Teil der Globalisierung. Abschottung sei in Zeiten der Globalisierung nicht die Lösung. Es sei christliche Pflicht, sich zu öffnen. Der Weltbürger und Vielflieger schilderte anschaulich seine eigenen Erfahrungen als Ausländer im Ausland und die Ängste, die Armut und die Verzweiflung der Menschen in den Slums zum Beispiel in Kenia.

Großes Lob äußerte Notker Wolf für die Arbeit der Dillinger Unterstützergruppe „Asyl/Migration“. Deren Vorsitzender Georg Schrenk hatte ihn mit Unterstützung durch Stadtpfarrer Wolfgang Schneck eingeladen. Schrenk ergänzte das „Wir schaffen das“-Zitat von Angela Merkel mit dem Zusatz: „Wenn wir wollen und uns einsetzen.“ Im Zusammenhang mit der schwierigen, langwierigen und oft frustrierenden Arbeit der Helfer bat Notker Wolf um Geduld und gab einen Rat mit auf den Weg: „Man muss auch Enttäuschungen hinnehmen können, sonst schaffen wir es nicht.“

Ein wenig enttäuschend war es, dass die Gelegenheit für Fragen zum Thema an diesem Abend ungenutzt blieb. Die einzige Frage bezog sich auf die E-Gitarre des bekennenden Rockmusikers, der schon vor rund zehn Jahren auf der Klosterbühne mit den Rocklegenden von Deep Purple den Hit „Smoke on the water“ gespielt hatte (auf Youtube abrufbar). Dass Notker Wolf sofort zum Fragesteller eilte, zeigte, dass er mehr „Nähe“ zum Publikum durchaus für wünschenswert gehalten hätte. Aber vielleicht hatte die Masse der Teilnehmer im vollem Kirchenzentrum für manchen auch etwas Beängstigendes.

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