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Landkreis Dillingen

14.05.2020

Corona-Pandemie: Die Biergärten öffnen wieder, aber...

So voll wie vor einigen Jahren auf diesem Bild im Biergarten Sonne in Hausen wird es in den Biergärten vorerst nicht. Die Bestimmungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sehen unter anderem einen Mindestabstand vor. Gäste und Servicekräfte sollen sich so wenig wie möglich begegnen.
Bild: Lisa Schuhmair/Archivbild

Plus Die Wirte im Kreis Dillingen sehen dem Montag skeptisch entgegen. Denn die Auflagen sind hoch. Auch die Gäste sind in der Pflicht.

Nein, so richtig glücklich sind die Wirte nicht damit, dass sie ab Montag ihre Biergärten wieder öffnen dürfen. Wir haben uns im Landkreis Dillingen umgehört, was die Betreiber jetzt berücksichtigen müssen und was Gäste wissen sollten.

„Vor drei Wochen hatten wir nichts außer Rechnungen. Jetzt haben wir eine Perspektive“, fasst es Robert Sapper, Wirt im Lagoi in Pfaffenhofen, am Mittwochabend zusammen. Werktags wird sein Biergarten von 16 bis 20 Uhr auf sein, sonn- und feiertags von 11 bis 20 Uhr. Später dürfe es vorerst nicht werden. Mehr als 50 Saisonkräfte hat der Wirt im vergangenen Jahr beschäftigt, vor allem Schüler und Studenten. Sie sollen künftig nicht nur bedienen, sondern auch die Gäste zu ihren Tischen bringen – und immer Masken tragen. „Die Gäste sollen sich wohlfühlen“, ist Sappers Ziel.

Die Öffnung der Biergärten bedeutet für die Wirte viel mehr Aufwand

Dokumentiervorlagen, Pandemiepläne, Infektionsnotpläne, Corona-Verhaltensregeln für Mitarbeiter, zählt Josef Stark, Kreisvorsitzender des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes in Dillingen, auf. All das hat er am Mittwoch erhalten. Und es sind nur noch wenige Tage bis zur Öffnung der Biergärten. Dennoch sagt er: „Wir gehen das gemütlich an, Schnellschüsse bringen nichts.“ Es könne durchaus sein, dass seitens der Staatsregierung weitere Auflagen kommen. Er werde seinen Biergarten großzügig bestuhlen, damit der Mindestabstand gewahrt ist. Parallel könnten die Gäste bei ihm weiterhin Speisen telefonisch bestellen und abholen. Dieses Angebot sei gut angelaufen.

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„Die Öffnung ist viel, viel mehr Aufwand – und das für weniger Plätze.“ Stark hofft, dass die Mehrwertsteuer für Gastronomen von 19 auf sieben Prozent sinkt – so wie bereits für abgeholte Speisen. Doch was er nicht nachvollziehen kann, ist die plötzliche Maskenpflicht in der Küche.(Kleiner Hoffnungsschimmer für Gastronomen) „Sieben Wochen haben wir ohne gekocht, das war egal.“ Das schönste Biergartenwetter seit langem im April sei ungenutzt verstrichen. Und jetzt sei man auch noch bis 20 Uhr limitiert. Wenn die Gasträume ab 25. Mai bis 22 Uhr öffnen dürfen, müsste die Außenbewirtung darauf angepasst werden. Stark sieht aber auch die Probleme von Kollegen, die keinen Biergarten haben. Sie und die Betreiber von Bars oder Diskotheken hätten gar keine Perspektive.

Gemischte Gefühle in Oberbechingen und Hausen

Gemischte Gefühle begleiten Monika Müller vom Gasthof Adler in Oberbechingen. Weil dort am Montag und Dienstag Ruhetag ist, öffnet der Biergarten am kommenden Mittwoch. „Schauen wir mal“, sagt die Wirtin skeptisch. Die Familie hat wie so viele im März einen Schock erlebt. „Das Hotel stand von heute auf morgen leer. Geburtstage, Seminare, Hochzeiten, alles brach weg – doch die Einnahmen waren einkalkuliert. Es war wie ein schlechter Film“, erzählt Müller. Jetzt geht es wenigstens im Biergarten wieder los – mit einigen Anpassungen: Früher haben die Gäste in Oberbechingen an der Theke ihr Essen bestellt und bezahlt, jetzt geht das nicht mehr. Die Servicekräfte bringen künftig nicht nur das Essen, sondern nehmen auch die Bestellungen auf und kassieren ab. „Jetzt müssen wir Speisekarten drucken und uns etwas mit dem Kassieren überlegen, wir brauchen mehr Personal – und bestuhlt ist auch noch nicht“, sagt Müller.

Sie fürchtet, dass mit dem Mundschutztragen auch die Gastlichkeit verloren geht. Außerdem müsse man die Daten aller Gäste notieren, um sie im Falle einer Covid-19-Infektion informieren zu können. „Was ist da mit dem Datenschutz? Und der Aufwand! Essen sollen wir ja auch noch machen.“ Dabei sollten die Gäste doch ein gemütliches Erlebnis im Biergarten haben. „Wir freuen uns, wenn wir schönes Wetter haben und die Leute wieder kommen.“

Insgeheim hofft Elisabeth Rösch auf bedeckten Himmel. Schon jetzt gehen im Gasthof Sonne in Dillingen-Hausen dauernd Reservierungen für den Biergarten ein, die Nachfrage der Gäste nach der Wiedereröffnung ist groß, erzählt die Seniorchefin. „Doch wir können derzeit nichts reservieren.“ Sie fürchtet, dass bei strahlendem Sonnenschein zur Öffnung des Biergartens um 17 Uhr viele Menschen vor dem Tor stehen.

Wenn die Gäste nicht mitmachen, ist es mit der Gemütlichkeit vielleicht schnell vorbei

„Wir haben viel Platz im Biergarten, der Mindestabstand ist kein Problem – wenn auch die Gäste mitmachen.“ Die Umsetzung der zahlreichen Bestimmungen, die sie am Donnerstag erhalten hat, hänge von der Kundschaft ab. Ohne die Unterstützung der Gäste, fürchtet Elisabeth Rösch, könne man in 14 Tagen wieder schließen. Das Geldverdienen sei gar nicht das Wichtigste, doch wie könne man es allen recht machen? Die Gäste müssen mit Mundschutz kommen, sich vom Personal zum Tisch führen lassen und die Maske bei jedem Gang, ob zum WC oder zur Theke, tragen. Wenn das nicht klappt, so Rösch, seien Wirte angewiesen, Gäste des Biergartens zu verweisen. Sie setzt auf Verständnis. „Und ich mache ganz nette Durchsagen, um die Regeln zur Not wieder ins Gedächtnis zu rufen“, meint die Wirtin der Hausener Sonne.

Im Biergarten von Michael Hiltner in der Krone in Bissingen sinkt das Platzangebot durch die Abstandsregeln – 1,5 Meter zwischen Stühlen oder Bänken – um ein Drittel. Zudem seien große Veranstaltungen auf das nächste Jahr verschoben worden. „Manche Paare, die im Oktober heiraten möchten, haben noch die leise Hoffnung, dass das klappt“, erzählt Hiltner. Doch niemand wisse, was bis dahin passiert.

Warum kein Karussell auf der Bleiche?

Gerd Bauer, der in Gundelfingen sowohl die Brauerei-Gaststätte im Old Factory als auch den Biergarten zum Schützen betreibt, fürchtet, dass der ganze Aufwand weder finanziell noch personell machbar ist. „Und dabei reden wir Gastronomen heuer gar nicht mehr davon, Geld zu verdienen – es geht nur noch ums Überleben.“ Da wolle er nicht auch noch Strafen riskieren, wenn Auflagen zur Eindämmung der Corona-Pandemie nicht eingehalten werden. Öffnen will er seine beiden Biergärten aber unbedingt. Bauer denkt noch weiter. „Diese Idee aus München mit dem Sommer in der Stadt finde ich gut. In unserer Region leben auch Schausteller – warum können wir so etwas nicht auch umsetzen?“ Er schlägt ein Karussell auf der Bleiche in Gundelfingen oder in der Dillinger Königstraße vor und überlegt, wo Autoscooter, Riesenrad und Schießbuden Platz hätten. „Der Liebsten eine Rose zu schießen – das ist auch Teil unserer Kultur. Aber wenn die Schausteller nicht überleben – haben wir auch in Dillingen irgendwann kein Volksfest mehr.“

Dort, in der Großen Kreisstadt, unterstützen Wirtschaftsvereinigung (WV) und Stadt die Gastwirte bei der Wiedereröffnung. Laut Pressemitteilung werden dafür auch zusätzliche öffentliche Flächen im Stadtgebiet – insbesondere in der Innenstadt – unkompliziert und unbürokratisch zur Verfügung gestellt. WV-Vorsitzende Sylvia Stapfer und Oberbürgermeister Frank Kunz haben daher bei den Gewerbetreibenden um Verständnis und Solidarität geworben. Mit dem erweiterten WV-Vorstandsteam sei man übereingekommen, dass in der kommenden Zeit – übergangsweise – auch Parkflächen im Stadtgebiet zu gastronomischen Flächen umgenutzt werden können. „Je nachdem, was der einzelne Gastwirt benötigt, werden wir die sogenannten ‚Sondernutzungen‘ kurzfristig genehmigen“, erläutert Kunz. Bei einem Gespräch mit zahlreichen Innenstadt-Gastronomen, zu dem die Stadt eingeladen hatte, wurde vor einigen Tagen das Vorgehen besprochen.

Der Rathauschef: „Bei den Gebühren für die Flächen werden wir den Cafés und Restaurants sehr entgegenkommen – Ziel ist ja, dass wir als Stadt überall dort unterstützen, wo es möglich ist.“ Stapfer und Kunz betonen, im Schulterschluss von Stadt und örtlicher Wirtschaft wolle man alles daransetzen, dass die Gewerbetreibenden diese Krise überstehen. Daher sei es jetzt so wichtig wie noch nie, zusammenzuhalten und gemeinsam Lösungen zu finden. (mit pm)

Lesen Sie auch dazu den Kommentar: Ein Prosit der Geduld

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