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Landkreis Dillingen

08.04.2021

Das Artensterben ist im Kreis Dillingen angekommen

Früher häufig, heute selten: Der Brachvogel hat es im Landkreis Dillingen inzwischen schwer. Er fühlt sich vor allem in feuchten Wiesen wohl.
Foto: Jürgen Scupin (Archiv)

Plus Brachvogel, Kreuzkröte, Bachmuschel. Das sind nur drei Beispiele für Tiere, die immer seltener werden. Dafür drängen sich zum Teil gefährliche und gefräßige in die heimische Natur.

Neue Wohngebiete, Gewerbeflächen, größer werdende Äcker. Der Mensch drängt die Natur immer weiter zurück. Auch im Landkreis Dillingen ist das der Fall. Viele Tiere, die hier früher heimisch waren, sind heute selten geworden. Wie steht es also um unsere Tierwelt? Welche seltenen Tiere gibt es im Landkreis noch?

Fragt man beim Landratsamt nach seltenen oder bedrohten Tieren, erhält man eine Liste mit 29 Namen: Vom Uhu über den Brachvogel, das Rebhuhn, die Wildkatze bis hin zur Kreuzkröte und der Bachmuschel ist da einiges dabei. Jörg Dorschfeldt, Fachkraft für Naturschutz, erklärt: „Tierarten, die auf bestimmte, strukturreiche Lebensräume angewiesen sind, verschwinden.“ Er erklärt das anhand von drei Beispielen:

Brachvogel: Die Art kommt vor allem in der Nähe von Niedermooren und Wiesen vor und war früher im Donauried verbreitet. „Der Brachvogel kommt mit den großen Äckern nicht klar, die es inzwischen gibt. Zudem fehlt auf den Wiesen die Feuchtigkeit.“ Im Landkreis gebe es nur noch wenige Brutpaare. Und es sei schwierig für den Vogel, in der jetzt vorhandenen Landschaft Nachwuchs aufzuziehen. „Wenn wir wie bisher weitermachen, wird der Brachvogel bei uns bald aussterben“, sagt Dorschfeldt. Deshalb arbeiten Landwirtschaft, Amt für Ländliche Entwicklung, Naturschutzbehörden und -verbände daran, den Bestand zu erhalten. Ein Beispiel hierfür ist eine große ökologische Flurbereinigung in Buttenwiesen, die unter anderem die Erhaltung und die Wiederherstellung feuchter, extensiv genutzter Lebensräume im Donautal fördert.

Waschbären werden im Landkreis Dillingen zum Problem

Kreuzkröte: Sie lebt in wenig bewachsenen Tümpeln und kam vor der Flussregulierung vor allem nahe der Donau vor. Weil die Dynamik, mit der früher bei Hochwasser Kiesbänke aufgeschüttet und Land abgetragen wurde, fehlt, leidet die Population. Im Landkreis sind Dorschfeldt zufolge nur drei Stellen bekannt, an denen das Tier noch Lebensraum findet. „Die Art ist aber schnell in der Verbreitung. Wenn sich die Situation verbessert, erholt sich die Population schnell.“

Bachmuschel: Dass das Problem nicht nur an Land besteht, zeigt die Bachmuschel. Dorschfeldt zufolge sind viele Flüsse und Bäche durch den Abtrag von Erde verschlammt. Zudem trocknen im Sommer inzwischen viele Bäche aus. Das macht das Überleben für die Bachmuschel schwer. Im Kreis findet man die Art beispielsweise noch im Nebelbach bei Lutzingen oder im Brunnenbach bei Finningen.

Das Problem Artensterben ist also längst auch im Landkreis Dillingen angekommen. Die Natur verändert sich durch das Einwirken des Menschen stark. Manche Arten, teils aus anderen Regionen und Ländern, verbreiten sich wiederum. Auch der Waschbär, der aus Nordamerika eingeschleppt wurde, kommt inzwischen häufiger vor. Anderswo in Deutschland ist der Allesfresser längst zum Problem geworden. „Bei uns ist das noch nicht so. Aber das wird kommen“, sagt Dorschfeldt. Auch den Eichenprozessionsspinner, dessen Haare allergische Reaktionen auslösen können, findet man inzwischen zuhauf im Landkreis. Insgesamt stelle man fest, dass sich Tierarten, die geringe Ansprüche an ihren Lebensraum haben, verbreiten. Da wäre beispielsweise die Graugans, eine heimische Art, die an den vielen Baggerseen im Landkreis ein Zuhause findet. Sie richte vermehrt Schäden auf den Feldern der Landwirte an. Gerade die größeren, seltenen Arten, wie der Brachvogel, seien durch Freizeitdruck – also den Stress, den die Tiere durch Spaziergänger, Wanderer und Radler verspüren –, unsere heutige Nutzungsintensität der Landschaft und die Siedlungsentwicklung bedroht. Diese dienen zugleich als „Leitarten“, die als Indikatoren eine allgemeine Rückgangstendenz der weniger bekannten Tierarten aufzeigen können.

Vielen Tieren fehlt Nahrung

Auf der Internetseite des Landesamts für Umwelt gibt es eine Liste mit über 150 potenziell im Landkreis Dillingen lebenden Wildtieren. Hier zeigt sich: Es gibt eine Vielzahl an Vogelarten, die im Landkreis vorkommen. Und: Viele von ihnen sind gefährdet. Der Ornithologe der Kreisgruppe des Landesbunds für Vogelschutz, Harald Böck, erklärt: „Aus meiner Sicht ist aus den vorliegenden Untersuchungen zu ersehen, dass zwischenzeitlich fast die Hälfte der einheimischen Vogelarten in einer Gefährdungsstufe der Roten Liste Bayern gelandet sind. Den größten Verlust haben die im Offenland brütenden Vogelarten, zum Beispiel Wiesenpieper, Goldammer, Braunkehlchen.“ Aber auch andere Arten wie der Haus- und Feldsperling hätten deutlich abgenommen.

Die Ursache dafür ist Böck zufolge eindeutig: Den Tieren fehlt es an Nahrung und Brutplätzen. Das Insektensterben verschlimmert die Situation. In einer Studie der TU München aus dem Jahr 2019 stellten Forscher fest, dass die Biomasse der Insekten in den untersuchten Wäldern seit 2008 um 40 Prozent zurückging. Im Grünland waren es sogar zwei Drittel. Einzelinitiativen, die sich lokal um naturnahe Wiesen bemühen, brächten den Insekten nur wenig. Das Problem müsse auf regionaler und nationaler Ebene angegangen werden. Und Böck erklärt, die Landnutzung müsse sich ändern. Es brauche mehr Hecken, Weg- und Grabenränder sowie brach liegende Flächen.

Eine Besonderheit im Landkreis Dillingen sei, dass das Gundelfinger Moos und die renaturierten Seen wie der Schurrsee und viele andere ein wichtiges Rast- und Nahrungsgebiet für durchziehende Vogelarten darstellen. So kämen jetzt Vogelarten aus Afrika und rasten dort, etwa der Zwergstrandläufer oder der Kampfläufer. Eine Besonderheit sei auch der Stelzenläufer, der an den renaturierten Seen brütet. „Mit ein bis zwei Brutpaaren ist das eine Besonderheit in unserem Raum“, so Böck. Dass sich der Schutz der Tierarten lohne, zeigt Böck zufolge der Weißstorch. Seine Bestände hätten sich deutlich erholt.

Wie wollen wir mit der Natur leben?

Einer, der viel in der Natur unterwegs ist, ist Helmut Jaumann, Vorsitzender der Kreisjägervereinigung. Seit er acht Jahre alt war, sagt der 78-Jährige, ist er regelmäßig in der Natur und auf der Jagd. Er zählt auf: Rebhühner, Feldhasen, Fasane, Kiebitze. All diese Tiere habe es nach dem Zweiten Weltkrieg noch zu Hauf gegeben, heute seien sie aus dem Landkreis Dillingen nahezu verschwunden. Auch das Insektensterben bemerke er immer deutlicher: Früher habe es ganze Wolken fliegender Ameisen gegeben, heute kommt das eher selten vor. „Wir sollten uns alle ein bisschen mehr Gedanken darüber machen, wie wir mit der Natur leben“, sagt Jaumann. Die komme ohne den Menschen schon zurecht. Der Mensch ohne die Natur eher nicht. Der Jäger sieht aber auch wachsende Populationen, etwa den Waschbär oder den Marderhund – Raubtiere, die es früher nicht bei uns gab und über die der Jäger auch nicht sehr glücklich ist. Heute seien diese im Kreis Dillingen heimisch. „Sie sind immer noch selten. Aber es gibt sie wieder“, sagt Jaumann.

Eine Liste aller Wildtiere nach Bedrohungszustand findet sich beim Landesamt für Umwelt unter lfu.bayern.de/natur/sap/arteninformationen

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