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Landkreis Dillingen

07.08.2020

Das Sommerinterview mit Landrat Leo Schrell

Dillingens Landrat Leo Schrell am Fenster seines Büros.
Bild: Cordula Homann (Archiv)

Plus Der Dillinger Landrat Leo Schrell nimmt im Sommerinterview zu Corona, Flüchtlingen, den Krankenhäusern und der B16 Stellung.

Treten Sie zur Landratswahl in zwei Jahren noch mal an?

Leo Schrell: Derzeit ist es noch zu früh, um in diesem Zusammenhang konkrete Aussagen machen zu können.

Vor drei, vier Jahren hat die Flüchtlingskrise auch den Landkreis gebeutelt. Hat sich inzwischen alles eingependelt oder sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Schrell: Die Bewältigung aller Aufgaben im Zusammenhang mit den ankommenden Flüchtlingen war für uns im Landratsamt eine große Herausforderung. Nach meinem Verständnis haben wir diese sehr gut gemeistert und vieles hat sich inzwischen normalisiert. Insbesondere in den Anfangsmonaten ging es darum, die Menschen mit den elementaren Dingen des Lebens wie Wohnung, Essen, Trinken, gesundheitliche Dienste… zu versorgen. Zwischenzeitlich geht es mehr darum, die Menschen zu integrieren. Dies ist aus humanitären und auch aus wirtschaftlichen Gründen unabdingbar. Deshalb haben wir beispielsweise den Integrationsbeirat gegründet, der für die Menschen mit Migrationshintergrund in unserem Landkreis sowohl eine Interessenvertretung als auch ein Sprachrohr sein soll.

Der Ulrichspreis sollte an Minister Gerd Müller gehen, dann kam Corona. Gibt es schon einen neuen Termin?

Schrell: Zwischenzeitlich konnte der 24. Oktober 2020 zwischen allen Beteiligten abgestimmt werden. Damit ist die Stiftung dem ausdrücklichen Wunsch des Preisträgers Gerd Müller gefolgt, die Preisverleihung noch im Herbst dieses Jahres stattfinden zu lassen. Die Preisverleihung wird mit 130 geladenen Gästen in der Basilika St. Peter in Dillingen stattfinden. Mehr Menschen sind coronabedingt leider nicht möglich. Aber es wird einen Livestream im Internet geben.

Die neue Herausforderung ist die Corona-Pandemie. Haben Sie sich schon selbst testen lassen?

Schrell: Ja. Der Test war negativ. Ich hatte einen leichten Husten und wollte auf Nummer sicher gehen, vor allem mit Rücksicht auf meine Mitarbeiter. Ernsthaft damit gerechnet, dass ich Covid-19 habe, habe ich nicht.

Wie ist der Landkreis Dillingen Ihrer Meinung nach für die Pandemie gerüstet, sei es personell seitens des Amtes, sei es finanziell?

Schrell: Wegen der durch die Corona-Pandemie durch unser Landratsamt zu erledigenden Aufgabenfülle mussten wir personell sehr stark improvisieren. Das bedeutet unter anderem, dass in vielen Fachbereichen Arbeiten liegen bleiben mussten. Zwischenzeitlich sind wir am Aufarbeiten von Rückständen und werden zeitnah neue, eigene Mitarbeiter für das Contact-Tracing-Team (CTT) einstellen. Damit wollen wir sicherstellen, dass wir im Falle des Ausbruchs einer zweiten Pandemie-Welle personell vorbereitet sind und schneller und flexibler reagieren können. Wir suchen auch noch befristet Ärzte für Reihentestungen, das ist nicht leicht. Die finanziellen Auswirkungen, insbesondere in den nächsten Jahren, lassen sich derzeit noch nicht seriös abschätzen. Es wird sehr darauf ankommen, wie stark die Wirtschaft in unserem Landkreis durch das Virus beeinflusst wird.

Wie leicht/schwer findet der Landkreis generell neues Personal?

Schrell: Qualifiziertes Fachpersonal zu finden ist sehr schwierig. Auch deshalb stellen wir seit vielen Jahren Jahr für Jahr hochinteressante Ausbildungsplätze in vielen Bereichen unserer Verwaltung zur Verfügung. Die Vielfalt der verschiedenen Aufgaben in unserer Behörde ist auch ein Pfund, mit dem wir wuchern. Egal ob Soziales, Human- oder Veterinärmedizin, Umweltschutz …, wir haben ganz verschiedene Bereiche.

Wie zufrieden sind Sie mit dem neuen Landratsamt? Was hat sich alles verbessert?

Schrell: Ich bin außerordentlich froh und dankbar, dass unser Kreistag die Sanierung und Erweiterung unseres Landratsamtes beschlossen hat. 52 Jahre nach dem Bau des Landratsamtes war diese Entscheidung mehr als geboten. Das Raumklima und damit die Arbeitsverhältnisse haben sich spürbar verbessert. Auch die Energetik des sanierten Gebäudes und des Neubauteils ist gegenüber dem Altgebäude um ein Vielfaches besser. Zudem installieren wir derzeit eine PV-Anlage auf dem Dach und einen Elektrospeicher im Kellergeschoss. Damit können wir rund 40 Prozent unseres Strombedarfs über die eigene Anlage abdecken. Zudem wird das anfallende Regenwasser vollständig versickert und die neu angelegten Parkplätze verfügen über eine wasserdurchlässige Oberfläche. Außerdem hat sich die neue Nähe zu unserem Gesundheitsamt, das von der Weberstraße hierhergezogen ist, bewährt. Mit der neuen Ausrüstung, dem Ärztezimmer und dem eigenen Eingang sind wir für die Pandemie außerordentlich aufgestellt. Das ehemalige Gesundheitsamt haben wir dennoch weiterhin angemietet. Dort arbeitet das CCT-Team. Und dort können bei Bedarf – etwa im Fall des Kindergartens St. Josef in Dillingen – Abstriche in großem Umfang gemacht werden.

Wie fällt Ihre Bilanz nach der Kommunalwahl aus? Im Kreistag hat sich einiges verändert.

Schrell: Unser Kreistag hat sich durch die Kommunalwahl am 15. März dieses Jahres allein schon deshalb gravierend verändert, weil von den 60 Kollegen 29 Damen und Herren neu gewählt wurden. Die ersten Sitzungen waren vielversprechend und ich bin mir sicher, dass wir – wie in der Vergangenheit – gut zusammenarbeiten und unseren Landkreis weiterhin sehr positiv entwickeln werden.

Das Sailer-Gymnasium wird immer teurer. Bleibt der Grüne Bau damit vielleicht noch länger stehen? Sind Sie mit der Arbeit der Projektsteuerer zufrieden?

Schrell: Der erste Bauabschnitt beim Sailer-Gymnasium ist teurer geworden als ursprünglich geplant. Die Gründe dafür haben wir bereits aufgearbeitet und öffentlich gemacht. In einer der nächsten Kreisausschusssitzungen wird dazu der Projektsteuerer nochmals Erläuterungen geben. Im Zusammenhang mit dem anstehenden zweiten Bauabschnitt wurde erstmalig im Verlauf der jüngsten Sitzung des Kreisausschusses eine Kostenschätzung vorgestellt. Das Architekturbüro und die Fachplaner arbeiten intensiv an der nächsten Stufe, sodass wir im Herbst eine genauere Kostenberechnung vorstellen können. Die Aussage, dass das Sailer-Gymnasium immer teurer werde, ist nicht richtig. Den Zeitpunkt des Abrisses des sogenannten Grünen Baus haben wir bisher noch nicht festgelegt. Das hängt auch damit zusammen, dass wir nicht wissen, wie sich die Corona-Pandemie weiter entwickelt. Sollten auch in Zukunft Schulklassen aus Sicherheitsgründen gesplittet werden müssen, wäre beispielsweise der Grüne Bau eine denkbare, aber auch nur temporäre Interimslösung. Mit der Arbeit des Projektsteuerers bin ich sehr zufrieden.

Es wird viel über zusätzliche Einnahmequellen von Politikern diskutiert. Wie viel Aufsichtsratsposten haben Sie? Kann man allen gerecht werden?

Schrell: Ich bekleide lediglich einen einzigen Aufsichtsratsposten. Der damit zusammenhängende Zeitaufwand ist ebenso wie die Vergütung mehr als überschaubar. In den Aufsichtsgremien, in denen ich darüber hinaus Sitz und Stimme habe, bin ich kraft Amtes als Landrat vertreten, um dort die Interessen und Belange des Landkreises in die Beratung und Entscheidung des Gremiums einzubringen.

Besteht die Gefahr, dass es aufgrund der finanziellen Lage des Landkreises und der Corona-Pandemie zu einem Investitionsstau kommt?

Schrell: Die finanzielle Lage des Landkreises ist sehr geordnet und wir haben in den vergangenen Jahren mehr als zehn Millionen Euro Schulden abgebaut, obwohl wir im hohen Maße – insbesondere in den Bildungsbereich und in das Gesundheitswesen – investiert haben. Deshalb wird es wegen der aktuellen finanziellen Situation unseres Landkreises keinen Investitionsstau geben. Wie sich allerdings die Corona-Pandemie in den nächsten Jahren auf die finanzielle Lage unseres Landkreises und auch aller anderen Landkreise auswirken wird, kann ich auch mit dem allerbesten Willen nicht vorhersehen.

Wie lange ist die Trägerschaft für zwei Krankenhäuser noch unantastbar?

Schrell: Ich bin unverändert ein uneingeschränkter Befürworter der kommunalen Trägerschaft unserer beiden Krankenhäuser. Die jüngste Corona-Krise hat eindrucksvoll bewiesen, wie wichtig wohnortnahe und auch kleinere Krankenhäuser sind. Deshalb hoffe ich sehr, dass bundespolitisch endlich die richtigen Konsequenzen gezogen werden und für eine ausreichende Finanzierung der Häuser gesorgt wird. Dazu gehört auch, dass wir als Träger der beiden Krankenhäuser in naher Zukunft unsere nunmehr anstehenden Hausaufgaben zu erledigen haben und die Strukturen zukunftssicher gestalten müssen.

Warum brauchen wir – angesichts der angespannten finanziellen Lage – zwei Altenkrankenpflegeschulen im Landkreis?

Schrell: Es gab in der Vergangenheit in unserem Landkreis keine zwei Altenpflegeschulen und es wird sie auch in Zukunft nicht geben. Vielmehr wurde durch den Gesetzgeber inzwischen die sogenannte generalistische Ausbildung eingeführt. Das bedeutet konkret, dass Kranken- und Altenpflege gemeinschaftlich ausgebildet werden. Deshalb haben wir unsere Krankenpflegeschulen mit der Altenpflegeschule in Wertingen fusioniert. Damit wollen wir einen spürbaren Beitrag leisten, um dem Mangel an Altenpflege- und Krankenpflegefachpersonal zu begegnen. Angesichts der demografischen Entwicklung auch eine gesellschaftspolitisch äußert wertvolle Maßnahme.

Wie wäre es mit einem großen touristischen Wurf à la Brombachsee?

Schrell: Wir haben uns vor einigen Jahren dazu entschieden, unsere touristischen Aktivitäten in den hochinteressanten Bereichen Radfahren, Wandern und Wasser zu konzentrieren. Deshalb haben wir in den zurückliegenden Jahren viele Rad- und Wanderwege neu ausgewiesen und sehr gut beschildert. In diesem Zusammenhang denke ich beispielsweise an den Donauwald-Premiumwanderweg und an den Donautäler-Vier-Sterne-Radweg. Beim Thema Wasser haben wir die Besucherströme gelenkt, sodass man im Landkreis Dillingen baden, angeln, Wasserski fahren, tauchen und auch segeln kann. Dafür wurde in anderen Bereichen der Ökologie Vorfahrt gewährt. Diese Maßnahmen haben sich als absolut richtig erwiesen. Zunehmende Touristenzahlen und das deutlich verbesserte Angebot für die Menschen in unserer Region auf dem Gebiet der Naherholung sind ein klarer Beweis dafür.

Könnten Sie nicht etwas Druck aufbauen, damit die B16 schneller um Höchstädt herumführt?

Schrell: Zur B16-Nordumfahrung Höchstädt habe ich bereits unzählige Male Stellung genommen. Meine Überzeugung hat sich nicht geändert. Ich bin für die Nordumfahrung. Ohne diese Umfahrung würden wir wieder beim Null-Punkt anfangen und hätten für viele, viele Jahre keine Lösung in Höchstädt. Das kann weder im Interesse der Stadt Höchstädt noch im Interesse des Landkreises liegen. Deshalb werde ich mich unverändert für diese Variante einsetzen.

Ist das Thema Hochwasser erledigt?

Schrell: Das Thema Hochwasser ist keinesfalls erledigt. In den vergangenen Monaten wurde diese Problematik lediglich durch das Corona-Virus überlagert. Nach meiner Überzeugung gilt es für alle Verantwortlichen und Beteiligten, dafür zu sorgen, dass beim Eintritt eines 100-jährlichen oder noch größeren Hochwassers die Schäden im privaten und öffentlichen Bereich so gering wie möglich gehalten werden. Die Funktionsfähigkeit unseres Landkreises muss aufrechterhalten bleiben. Niemand konnte sich vor sechs Monaten eine Pandemie wie Corona und deren Auswirkungen vorstellen. Genauso ist es mit dem 100-jährlichen Hochwasserereignis. Das kann sich aktuell auch niemand vorstellen, und trotzdem kann es morgen Realität sein. Davor müssen wir uns schützen. Es wäre nach meinem Verständnis vonseiten der Politik unverzeihlich, davor die Augen zu verschließen und zu hoffen, dass uns diese Katastrophe niemals erreichen wird.

Was hat sich durch die Pandemie für Sie verändert?

Schrell: Da bin ich noch nicht sicher. Ein Beispiel: Mir war es immer wichtig, auch durch meine Präsenz meine Wertschätzung etwa für das Ehrenamt auszudrücken. Wie ich das jetzt, wo es keine Veranstaltungen gibt, ausdrücke, weiß ich noch nicht.

Wo machen Sie heuer Urlaub?

Schrell: Unser Landkreis Dillingen und unsere Region haben tolle Naherholungsziele zu bieten. Deshalb werde ich mit meiner Familie meinen Urlaub – abgesehen von einem kurzen Abstecher – in unserer Region verbringen.


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