1. Startseite
  2. Lokales (Dillingen)
  3. Er kümmert sich um das „Gedächtnis der Gemeinde“

Ehrenamt

25.11.2016

Er kümmert sich um das „Gedächtnis der Gemeinde“

Helmut Herreiner ist Archivpfleger in Bissingen – und Ansprechpartner für alle Kommunen im Landkreis Dillingen. Wie seine Arbeit aussieht

Auf dem Tisch direkt am Eingang türmen sich Schachteln, Bücher und Fotos. Erst vor wenigen Tagen hat eine Familie den alten Fundus ihres Hauses ausgemistet – und einen Großteil davon Helmut Herreiner gegeben. Denn bei ihm sind die alten Schätze nicht nur gut aufgehoben, er weiß auch, welche Bedeutung so manche Fotoaufnahme, Urkunde oder Aufzeichnung für das Kesseltal hat. Wie etwa dieses kleine, unscheinbare Bild, auf dem Frauen und Männer auf einem Holzsteg zu sehen sind. „Den gibt es heute nicht mehr. Den Steg hat man damals gebaut, um bei Hochwasser nach Bissingen zu kommen. Das Bild ist sensationell. Das weiß heute keiner mehr“, sagt Herreiner. Er wird es deshalb gut aufbewahren – und zwar genau dort, wo es hingehört. Im Archiv der Marktgemeinde Bissingen. Seit 2003 ist der 53-Jährige offiziell der zuständige Archivpfleger. Mit Herzblut, Leidenschaft, großem Interesse für Heimatgeschichte und ganz viel Wissen hat er sich schnell einen Namen gemacht – im ganzen Landkreis. Erst kürzlich wurde er zum zweiten Mal für fünf Jahre zum Kreisarchivpfleger bestellt. Seine zentrale Aufgabe: Städte und Gemeinden in allen Fragen des Archivwesens unterstützen und beraten. Und das reicht von Einrichtungsfragen bis hin zur Unterscheidung zwischen Registratur und Archiv.

Alle 27 Kommunen im Landkreis haben ein Archiv, einzig Bachhagel hat seine Unterlagen mit in Syrgenstein gelagert. Laut Herreiner gibt es in vielen Gemeinden ehrenamtliche Archivpfleger, mancherorts sind es gar Gruppen oder Vereine. Nur die Stadt Wertingen und die Gemeinde Buttenwiesen haben gemeinsam einen hauptberuflichen Archivpfleger. „Meine Intention war es, dass ich in den ersten fünf Jahren alle Archive im Landkreis anschaue. Das habe ich auch geschafft“, erzählt Helmut Herreiner. Auch ein Grund, der ihm bei seiner Aufgabe als Kreisarchivpfleger besonders gefalle: die vielen Begegnungen und Kontakte mit den Menschen, „die oft über eine lange und tiefgründige Lebenserfahrung verfügen und diese weitergeben können und wollen“. „Von ihren Erzählungen und Berichten können wir alle in vielerlei Hinsicht profitieren.“

Herreiner hat sein Interesse für Heimatgeschichte genau von solchen Erzählungen „geerbt“. „Mir wurde das in die Wiege gelegt“, sagt er und lacht. So war seine fünfjährige Zeit im Studium in Augsburg auch „die einzige Zeit in der Ferne“, wie er erzählt. Mit Hauptfach Geschichte studierte er Lehramt, arbeitete am Lehrstuhl mit und schrieb schon Arbeiten über die Kesseltaler Heimatgeschichte. Viel habe er sich auch mit dem damaligen Archivpfleger der Gemeinde ausgetauscht und von ihm abgeschaut. 2000 wurde er dann offiziell vom Bürgermeister gefragt, ob er sich um das Archiv kümmern wolle. Wollte er. 60 Ordner sind im Rathaus und im Privathaushalt rumgelegen, weitere Unterlagen stapelten sich in Kartons im alten Feuerwehrhaus. 2003 hat er dann mit Unterstützung von Simon Knaus und Nikolaus Keis angefangen, alles zu sortieren, zusammenzustellen und neu zu orden. „Archiv heißt nicht nur aufheben, sondern auch wegschmeißen“, sagt Herreiner. Das klassische Archiv definiere sich so, dass historische, bedeutende Unterlagen einer Gemeinde einmal aufzubewahren sind – denn ein Archiv ist eine kommunale Pflichtaufgabe. Deshalb melden sich immer wieder Bürgermeister bei Herreiner, der zusätzlich im Gemeinderat aktiv und hauptberuflich stellvertretender Schulleiter an der Grund- und Mittelschule Bissingen ist, und holen sich Tipps.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

All sein Wissen rund um die Archivpflege hat sich der Familienvater selbst angeeignet. Sein Ziel war es, dass das Bissinger Archiv öffentlich zugänglich ist, eine heimatkundliche Bibliothek hat und Schaugegenstände beinhaltet – das ist ihm in den vergangenen Jahren gelungen. Davon können sich am morgigen Samstag beim Tag der offenen Tür Besucher überzeugen. „Da kommen alle Generationen, und es ist immer wieder spannend, wer was über seine Heimat oder gar Familie herausfindet“, so Herreiner. Und im Bissinger Archiv findet man vieles heraus. „Ich weiß auf jeden Fall, wo ich suchen muss.“ Mindestens drei bis vier Stunden verbringt er pro Woche im Archiv bei der Feuerwehr. Nur einen Steinwurf entfernt lebt er mit seiner Familie. „Meine Frau sieht genau, wann ich im Archiv bin“, sagt er und lacht. Ohne ihre Unterstützung und die seiner Familie, aber auch mancher Freunde und guter Bekannter, sei sein ehrenamtliches Engagement in dieser Form nicht möglich. „Es ist mein Faible. Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert“, sagt er. Sei es von diesem kleinen Steg, den es schon lange nicht mehr gibt. Und von dem wohl nur noch wenige Bissinger wissen. Jetzt ist diese Erinnerung archiviert. Im „Gedächtnis der Kommune“, wie Herreiner das Archiv bezeichnet.

Wer in der Geschichte von Bissingen und seinen Ortsteilen stöbern will, kann dies am morgigen Samstag, 26. November, von 9.30 bis 12 Uhr tun. In dieser Zeit ist das Archiv geöffnet.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20IMG_8672.tif
Landkreis Dillingen

Schwerkrankes Baby Finn ist jetzt in einem Heim in der Oberpfalz

WhatsappPromo.jpg

Alle News per WhatsApp

Die wichtigsten Nachrichten aus Augsburg, Schwaben
und Bayern ganz unkompliziert auf Ihr Smartphone.

Hier kostenlos anmelden