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Dillingen

18.12.2018

Er lebt jetzt im Heim: Wie geht es für Baby Finn weiter?

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Knapp sechs Monaten lag der kleine Finn auf der Intensivstation im Augsburger Klinikum. Seine Mutter hat dieses Foto von ihm gemacht und unserer Redaktion zur Verfügung gestellt.
Bild: Privat

Nach einer Hauruck-Aktion ist der schwer kranke Bub mit seiner Mama in einem Heim in Amberg. Nun kämpft die Familie weiter, dass ihr Kind irgendwann nach Hause kann.

Große Wimmelbilder, Hörbücher und Geschichten von Benjamin Blümchen. Mama und Papa haben die Geschenke für Weihnachten schon besorgt. Und die Oma bringt weitere Überraschungen für Finn mit. Die Dillinger Familie freut sich auf Heiligabend, besonders auf ein paar ruhige und besinnliche Tage. Denn die braucht vor allem Mutter Nicole. „Es war ganz schön viel und ein bisschen Kraft tanken, schadet nicht. Das kann ich hier“, sagt sie. Hier, das ist Kinderhaus Ninos in Amberg in der Oberpfalz. Seit einer Woche ist es das neue Zuhause von Finn und seiner Mama. Ein Ort für intensivpflichtige Kinder. Kinder wie Finn.

Ein Umzug in die Oberpfalz

Wie berichtet, musste es vor wenigen Tagen plötzlich schnell gehen. Nachdem die Krankenkasse wochenlang geprüft hatte, ob Finn für das Kinderheim in der Oberpfalz geeignet ist, gab es am Montag grünes Licht, am Donnerstag wurde der kleine Kämpfer mit einem speziellen Krankenwagen von Augsburg nach Amberg transportiert.

Seit seiner Geburt am 30. Mai dieses Jahres lag Finn auf der Intensivstation der Kinderklinik in Augsburg – weil seine Familie keinen Pflegedienst findet, der die Versorgung von Finn zuhause gewährleistet (Lesen Sie: Finn will nach Hause, aber niemand pflegt ihn ). Verzweifelt sucht seine Familie, kontaktiert Einrichtungen in ganz Deutschland, macht öffentliche Aufrufe. Bisher ohne Erfolg. Der Umzug in das Kinderhaus für intensivpflichtige Kinder in Amberg war die Notlösung – auf eigenen Wunsch der Familie. „Wir müssen einfach aus dem Krankenhaus raus. Das ist nicht nur für Finn wichtig, sondern auch für andere Kinder. Wir mussten den Platz frei machen“, erzählt Mama Nicole.

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Deshalb machte sich die Dillinger Familie vergangene Woche auf in eine unbekannte Reise. Alle hatten Angst, wie Finn den Transport übersteht – er muss 24 Stunden beatmet und künstlich ernährt werden –, niemand wusste, wie das neue Zuhause in der Oberpfalz aussieht und wie ihr kleiner Bub die neue Situation annimmt. Finn hat es überstanden. Und wie. „Er war saucool während der Fahrt und seit wir hier in Amberg sind, hat er schon wieder alle um den Finger gewickelt. Er ist wie King Louis und lässt sich von allen verwöhnen“, sagt Mama Nicole und lacht. Sie klingt gelöst. Nach Monaten atmet sie wieder durch und sie schläft ohne schlechtes Gewissen. „Weil ich weiß, dass er top versorgt ist und ich nur wenige Stufen von ihm entfernt bin.“

Abschied aus Augsburg war hart

Seit seiner Geburt vor rund einem halben Jahr sind Mama und Papa täglich nach Augsburg in die Klinik gependelt, viele Nächte haben sie neben ihrem Sohn am Bett gewacht. Jeden Morgen war der erste Gang zum Telefon, um bei den Schwestern nachzufragen, ob Finn die Nacht gut überstanden hat. „Wir waren in der Klinik zuhause, alle waren nett und haben uns sehr geholfen. Als wir gegangen sind, sind sie Spalier gestanden. Ich musste weinen, wie ein Schlosshund“, erzählt Mama Nicole. Aber ihre Ängste, wie es nach dem Krankenhaus weitergeht, sind verflogen. Zumindest für den Moment.

Denn im Kinderhaus in Amberg ist alles bunt, alles leuchtet. „Uns geht es gut. Es ist wirklich sehr schön hier. Alle sind sehr bemüht und dennoch zurückhaltend. Es soll ja so ähnlich ablaufen, wie zuhause.“ Deshalb macht Nicole soweit wie möglich alles selbst. Sie wickelt ihr Baby, gibt Medikamente, schaut nach den Schläuchen, liest vor … und hat eben auch die Freiheit, sich in ihrem Elternzimmer, das einem großzügigen Hotelzimmer ähnelt, zurückzuziehen, oder sich in der Gemeinschaftsküche etwas zu kochen, einkaufen zu gehen und mit der Familie zu telefonieren. Pro Schicht sind zwei bis drei Pflegekräfte rund um die Uhr im Haus, je nach Bedarf greifen sie der jungen Mama unter die Arme – speziell in der Nacht. „Er ist einfach in guten Händen.“

Es gibt keinen Pflegedienst für Finn

Die Kosten für die Unterkunft für Finn und Mama Nicole übernimmt die Krankenkasse. Der Papa pendelt jedes Wochenende von Schwaben in die Oberpfalz. So lange wie nötig. Denn so schön das Kinderhaus auch ist, es soll nicht das Zuhause von Finn werden. Das ist in Dillingen. Dort steht seit seiner Geburt im Mai das Babybettchen leer. Weil es keinen Pflegedienst gibt, der genügend geschultes Personal hat, um die Betreuung von Finn zu übernehmen. Hinzu kommen die schlechte Bezahlung der Pflegekräfte und die ernüchternde Unterstützung von der Krankenkasse. So schildert Mama Nicole ihre Situation.

Der kleine Finn hat auch im Kinderhaus in Amberg sofort alle Herzen gewonnen. Mit Mama Nicole lebt er seit einer Woche in der Oberpfalz.
Bild: Familie

Deshalb will sie einen anderen Weg einschlagen. Sie will es selbst stemmen. Für ihr Kind. Der Plan: Sie stellt Pflegekräfte ein, mit einem von der Kasse zur Verfügung gestellten Budget. Das bedeutet, dass sie der Arbeitgeber ist, sie das Personal versichert, Dienstpläne schreibt und vieles mehr. Nicole ist bewusst, dass das jede Menge Arbeit und Verantwortung bedeutet. Viele raten ihr von dieser Idee ab. „Aber es gibt aktuell keine andere Lösung und ich will mit meinem Kind nach Hause“, sagt sie. Drei Vollzeitkräfte hat sie bereits an der Hand, einige weitere Interessenten auf 450-Euro-Basis gibt es auch. So könne sie auch garantieren, dass die Pflegekräfte ihr Gehalt zu hundert Prozent erhalten. Ohne jegliche Abzüge.

Es gibt weitere betroffene Familien aus dem Landkreis Dillingen

Katrin Fiedler kennt all diese Sorgen und Probleme. Die Dillingerin, deren Tochter Lucy-Sophie vor zehn Jahren ebenfalls schwer krank auf die Welt gekommen ist, steht mit Mama Nicole in Kontakt und will helfen, wo sie kann (Lesen Sie: Lucy-Sophie ist schwer krank: Tag und Nacht braucht sie Pflegekräfte ). „Der Bub muss nach Hause. Aber es ist so schwer. Das Problem ist, dass Finn so klein ist, und beamtet werden muss. Das trauen sich wenige zu und das können auch wenige. Es ist verzwickt“, sagt sie. Trotzdem setzt sie alle Hebel für Finn in Bewegung, gibt ihre Kontakte zu Pflegekräften, Krankenkassen und anderen wichtigen Ansprechpersonen weiter. Auf Facebook hat sie eine Plattform eingerichtet, wo sich andere betroffene Familien austauschen können. Zwischenzeitlich haben sich zwei weitere Elternpaare mit intensivpflichtigen Kindern gemeldet. Alle kennen sie das Thema Pflegenotstand. „Ich überlege die ganze Zeit, wie man Finn helfen könnte. Ich will nicht, dass andere Familien das Gleiche durchmachen müssen, wie wir es mussten“, sagt Katrin Fiedler.

Finns Mama ist dankbar für die Unterstützung und das Gefühl, nicht allein zu sein. Am Ende des Tages ist es aber ihr Schicksal. Damit hadert sie nicht. Nicht ein einziges Mal. Es geht um ihr Kind. Und das soll endlich nach Hause dürfen. „Unser Ziel war es, dass Finn an Weihnachten daheim ist. Das haben wir nicht geschafft“, sagt sie. Dass sie gemeinsam mit ihrem Partner nun in Amberg Heiligabend verbringt, das ist in Ordnung. „Wir machen es uns hier einfach nett und stellen auch ein Bäumchen auf. Finn ist ja mit dabei“, sagt Nicole.

Bis Ostern heim nach Dillingen

Aber die Ostereier, die will die Dillingerin nächstes Jahr nicht in Amberg verstecken. Bis dahin will die Familie allerspätestens in der schwäbischen Heimat wieder vereint sein. „Ich komme hier runter und sammele wieder Kraft. 2019 geht es dann mit Vollgas in Richtung nach Hause.“ Dort warten noch mehr Wimmelbücher, Hörspiele und Kuscheltiere auf Finn. Seit sieben Monaten.

Kontakt: Die Dillingerin Katrin Fiedler hat eine E-Mail-Adresse eingerichtet, an die andere betroffene Eltern ihre Anliegen schicken können. Die Adresse: Intensivkind-im-Alltag@gmx.de. Zudem hat die Dillingerin eine Infoplattform auf Facebook erstellt, auf der Eltern schnellstmöglich wichtige Informationen für ihre Kinder bekommen. Die Facebook-Gruppe lautet „Intensivkind im Alltag Region Dillingen-Donau“.

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