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Höchstädt

03.10.2020

Festakt in Höchstädt: Ein etwas anderer Blick auf die Wiedervereinigung

Beifall erhielt Bischof Bertram Meier am Freitagabend für seine beiden Festvorträge zum Tag der Deutschen Einheit im Rittersaal des Höchstädter Schlosses.
Bild: Berthold Veh

Plus Beim Festakt im Höchstädter Rittersaal berichtet Bischof Bertram Meier, wie Papst Johannes Paul II. durch sein Wirken zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen hat. Warum der Referent seinen Vortrag wiederholt

Der Abend im Rittersaal des Höchstädter Schlosses ist für Bischof Bertram Meier eine Premiere. „Zweimal hintereinander habe ich einen Vortrag auch noch nicht gehalten“, sagt der Oberhirte des katholischen Bistums Augsburg.

Wegen der Corona-Regeln passen nur 50 Menschen in den Rittersaal

Wegen der notwendigen Sicherheitsabstände in Zeiten von Corona passen nur etwa 50 Menschen in den Rittersaal. Weil aber der Landtagsabgeordnete Georg Winter ( CSU), der zusammen mit Bezirksrat Johann Popp seit Jahren diesen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in der Region organisiert, viel mehr Anmeldungen erhalten hatte, erklärte sich der Bischof bereit, seinen Vortrag mit dem Titel „Reißt die Tore für Christus auf“ am Freitagabend zwei Mal zu halten.

Die Zeremonie ist feierlich. Bertram Meier schreibt Widmungen ins goldene Buch der Stadt Höchstädt und des Schlosses. Pianist Gerhard Polifka und der Tenor Maximilian Daum tragen unter anderem auch Beethovens „Ode an die Freude“ vor. Georg Winter erklärt, weshalb er seit 2005 den Festakt ausrichtet. „Es wird viel über dieses Ereignis deutsche Einheit gesprochen – und dabei nicht nur Positives“, bedauert der CSU-Politiker. Deshalb sei es sinnvoll, sich einmal im Jahr mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zu beschäftigen. Ihm sei kein Ereignis aus der Geschichte bekannt, bei dem solch gravierende Veränderungen so friedlich abgelaufen seien. Winter fordert das Publikum zum Nachdenken auf, ob die deutsche Wiedervereinigung heute mit Putin und Trump noch gelingen würde.

Papst Johannes Paul II. lernte der Bischof in Rom kennen

Bischof Bertram wirft einen etwas anderen, kirchlichen Blick auf die deutsche Einheit und den Zusammenbruch des einstigen Ostblocks – und stellt dabei die Bedeutung des Wirkens von Papst Johannes Paul II. heraus. Meier hat den Pontifex in den 1990er Jahren als Mitarbeiter im päpstlichen Staatssekretariat in Rom kennengelernt und dessen nicht zur Veröffentlichung freigegebene Predigten eingesehen. Johannes Paul II. habe in der Wende nicht nur einen politischen Akt gesehen, sondern das Wirken „der gewaltigen Kraft des Heiligen Geistes“.

1997 habe der Papst in einer Predigt in Gnesen (Polen) auf seine Wahl mit den Worten zurückgeblickt: „Will nicht vielleicht Christus, fügt es nicht vielleicht der Heilige Geist, dass dieser polnische, dieser slawische Papst gerade jetzt die geistige Einheit des christlichen Europas sichtbar macht, das durch die zwei großen Traditionen des Westens und Ostens geprägt wurde?“ Und er gab, wie der Bischof erinnert, die Antwort: „Ja, Christus will es.“ Wenn Europa eine dauerhafte Einheit anstrebe, müsse es von diesen spirituellen Werten ausgehen, die einst seine Grundlage waren, zitiert Meier Papst Johannes Paul II. „Europa, öffne Christus deine Tore!“, lautete dessen Botschaft 1999 ans polnische Parlament. Das „Europa des Geistes“ sei zum Leitmotiv des Papstes geworden. Das freiheitlich kapitalistische Wirtschaftssystem westlicher Demokratien dürfe nicht in einem Konsumismus enden, das den Menschen allein nach seiner Kaufkraft definiere. Es brauche eine Rückbindung an ethische Vorgaben, wie dies laut Meier in Deutschland mit der sozialen Marktwirtschaft der Fall sei.

Bereits 1988 habe Johannes Paul II. vor dem Europäischen Parlament Ziele für „das Haus Europa“ formuliert, „die mit Fug und Recht als prophetisch gelten können“, wie der Bischof betont. Der Pontifex habe schon damals von Klimaschutz, Bewahrung der Schöpfung sowie über Migration, Flüchtlingsfragen und Digitalisierung gesprochen. Grundanliegen seines Pontifikats sei der Aufbau einer „Kultur des Lebens“, die einer sich ausbreitenden „Kultur des Todes“ entgegenwirken soll. Der Papst habe „den unbedingten Schutz des Lebens vom Augenblick seiner Empfängnis an bis zu seinem natürlichen Tod“ eingefordert.

Bischof Meier: Den Fall der Mauer hat der Papst vorausgesehen

Bischof Bertram zeigt auf, dass Papst Johannes Paul II. den Fall des Eisernen Vorhangs vorausgesehen habe. Er ernannte 1987 den in der DDR lebenden Kardinal Joachim Meisner zum Erzbischof von Köln. Als Meisner selbst Einwände gegen seine Versetzung in den Westen hatte, habe der Papst zu ihm gesagt: „Was wollen Sie denn? Sie werden der erste von vielen Ostdeutschen sein, die nach Westdeutschland gehen, und viele Westdeutsche werden danach nach Ostdeutschland gehen. Die Verhältnisse werden sich grundlegend verändern.“ Meier beendet den Vortrag mit einer Anekdote, dem Besuch des einstigen brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe, der dem Papst und der polnischen Kirche für das Mitwirken am Zusammenbruch des Kommunismus dankte. Johannes Paul II., so Meier, habe fast zaghaft zurückgefragt: „Weiß man das in Deutschland?“

Bischof Bertram Meier trug sich ins goldene Buch der Stadt Höchstädt und des Schlosses ein. Die Zeremonie verfolgten (von links) Bürgermeister Gerrit Maneth, der Günzubrger Landrat Hans Reichhart, Landtagsabgeordneter Georg Winter und Bezirksrat Johann Popp.

Der Günzburger Landrat Hans Reichhart ist ebenfalls in Höchstädt

Bischof Bertram erhält am Ende viel Beifall. Zu den Zuhörern des ersten Vortrags zählen neben Bezirksrat Johann Popp und dem Höchstädter Bürgermeister Gerrit Maneth, die Grußworte sprechen, auch der Günzburger Landrat und Ex-Bauminister Hans Reichhart, die Höchstädter Pfarrer Daniel Ertl und Wolfram Schrimpf sowie mehrere Rathauschefs, etwa Lauingens Bürgermeisterin Katja Müller. „Anspruchsvoll“ sei das Referat gewesen, stellt die Unterglauheimerin Bernadette Mayer nach dem etwas anderen Blick auf die Wiedervereinigung fest. Und der Wertinger Pfarrgemeinderatsvorsitzende von St. Martin, Fabian Braun, sagt: „Ich wusste schon, dass Johannes Paul II. eine Rolle beim Zusammenbruch des Ostblocks gespielt hat.“ Dass er dabei „offensichtlich so viel bewirkt hat“, sei ihm vor diesem Festakt aber nicht bewusst gewesen.

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