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Interview

12.10.2019

Früher spürte sie immer, „dass etwas fehlte“

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Die Franziskanerin Hannah Piterek hat in der Klosterkirche die Profess abgelegt und dabei ein Leben in Armut und Ehelosigkeit versprochen. Die 27-Jährige verrät, dass sie auch einmal von einer Hochzeit ganz in Weiß geträumt hat

Schwester Hannah Piterek hat am Sonntag in der Dillinger Klosterkirche ihre Erstprofess abgelegt. In einem feierlichen Gottesdienst sagte die 27-Jährige, die früher Tina hieß, Ja zu Gott und der Gemeinschaft der Dillinger Franziskanerinnen. Die junge Frau versprach, ein Leben in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam zu führen. Wir befragten die Schwester, die jetzt als Erzieherin im Kindergarten St. Michael in Vöhringen arbeitet, zu ihrer Entscheidung.

Wie haben Sie überhaupt die Dillinger Franziskanerinnen kennengelernt?

Ursprünglich bin ich evangelisch getauft. Mit zehn Jahren bin zum katholischen Glauben konvertiert. Mein Lebensweg führte mich etwas später nach Oettingen ins Kinderheim. Dort lernte ich die Schwestern der Dillinger Franziskanerinnen kennen. Wer jetzt denkt, dass ich zur Schwester erzogen wurde, täuscht sich. Wir waren eine sehr gemischte Gruppe aus verschiedenen Altersstufen, mit unterschiedlichen Geschichten und Bekenntnissen. Das franziskanische Lebenszeugnis der Schwestern wirkte auf mich echt, ich behielt diese Zeit sehr positiv und warm in Gedächtnis. Wären die Schwestern unfreundlich oder bigottisch fromm gewesen, wäre dies sicherlich anders.

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Was hat Sie am Ordensleben fasziniert?

Fasziniert hat mich, dass sich ein Mensch ganz auf Gott einlässt und dafür alles in die Waagschale wirft. Dass ein Leben als Ordenschrist nicht weltfremd ist, sondern dass diese Menschen dem Leben in all seinen Facetten zugewandt sind. Mit das Wesentliche am Ordensleben ist für mich das Gemeinschaftsleben. Obwohl wir doch oft sehr unterschiedlich sind, haben wir alle zusammen ein Ziel – und das heißt Gott. Wir versuchen gemeinsam, Gott und den Menschen zu dienen. Durch das Leben nach den evangelischen Räten (Gelübde) bekommen wir eine Freiheit geschenkt, für Gott und unsere Mitmenschen fruchtbar zu sein.

Gab es ein entscheidendes Erlebnis, das Ihren Entschluss reifen ließ, ein Leben in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam zu führen?

Ich kann von keiner Vision oder einem anderen besonderen Moment berichten. Ich führte das ganz „normale“ Leben einer jungen Frau. Ich hatte eine eigene schöne Wohnung, machte meine Ausbildung zur Erzieherin, unternahm viel mit Freunden, ging zum Feiern und hatte einen Freund. Außerdem war ich bei uns in der katholischen Jugend tätig, ministrierte und war in Oettingen in der Pfarrei als Lektorin tätig. Allerdings spürte ich immer wieder, dass etwas fehlte. Wusste aber nie genau was.

Gab es doch einen entscheidenden Anstoß?

Ich erinnere mich noch gut, als ich bei uns in Oettingen auf dem Rossfeld alleine spazieren ging. Plötzlich stand für mich wie in einem leeren Raum ganz groß das Wort Kloster. Anfangs wollte ich es überhaupt nicht wahrhaben. Hatte ich doch einen ganz anderen Plan für mein Leben. Nur ließ mir der liebe Gott keine Ruhe. Ich beendete meine Beziehung und vertraute mich einer Schwester an. Später sprach ich mit unserer Provinzoberin. Anfangs wollte ich Gott überzeugen, dass er sich bei meiner Berufung irrt. Aber schließlich bat ich im Sommer 2012 den Orden um die Aufnahme in die Kandidatur. Im Sommer 2015 zog ich in einen unserer Konvente ein und kam ins Postulat. Im Herbst 2017 begann mein Noviziat. Aus dem Versuch Gott zu beweisen, dass ich nicht geeignet bin, ist die Sicherheit gewachsen, dass dies genau mein Weg und unsere Gemeinschaft der richtige Ort ist.

Ist solch ein Leben in der heutigen Zeit, in der Menschen auf Selbstverwirklichung setzen, noch zeitgemäß?

Ich würde nicht sagen, dass ich mich nicht selbst verwirkliche und fremdbestimmt lebe! Oft denken Menschen, dass ich tun muss, was meine Vorgesetzten mir sagen. Dies ist heute nicht mehr so! Wir sprechen miteinander und es wird gemeinsam hingeschaut, was die einzelne Schwester kann und wo sie gebraucht wird.

Haben Sie manchmal die Sorge, dass Sie diese Gelübde nicht durchhalten können?

Sorge oder Angst würde ich nicht sagen. Das Gefühl, dass ich damit verbinde, ist Respekt. Ein Leben nach den evangelischen Räten ist eine Lebensaufgabe. An manchen Tagen wird es mir ganz leicht fallen und an manchen Tagen wird es mich alle Kraft kosten. Aber ich denke, das ist in einer Ehe genauso.

Hatten Sie nie den Wunsch zu heiraten und Kinder großzuziehen?

Wie die meisten Mädchen habe ich von einer Hochzeit ganz in Weiß geträumt. Auch haben Kinder fest in meinen Lebensplan gehört, aber Gott hat einen anderen Plan für mich. Ehelos leben heißt für mich nicht beziehungslos leben. Ich lebe mittlerweile mit fünf Mitschwestern in einem Haus und habe jeden Tag viele Kinder um mich. Dadurch, dass ich keine Familie habe, habe ich die Möglichkeit und die Freiheit, viele andere Dinge zu tun, die mir unendlich viel Freude bereiten.

Bedrückt Sie der Gedanke, dass Ihr Orden zahlenmäßig abnimmt und Botschaften der Kirche eine geringe Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung zu spielen scheinen?

Nein. Am Anfang unserer Ordensgeschichte steht eine kleine Zahl von Frauen. Im weiteren Verlauf gab es immer wieder kritische Situationen. Einmal waren es ja nur noch fünf Schwestern. „Herausgefordert durch die Zeichen der Zeit und geführt vom Heiligen Geist, versuchten sie (die Dillinger Franziskanerinnen, Anm. d. Red.) Antwort zu geben.“ Dieser Satz aus der Anfangszeit ist nach wie vor aktuell! Sowohl für uns als Gemeinschaft, als auch für die Kirche. Wir müssen immer wieder schauen, was heute von uns gefordert ist. Und dann mit der Führung Gottes versuchen, Antwort zu geben.

Zweifeln Sie gelegentlich am Glauben und Verheißung der Auferstehung in Christus?

Ohne Zweifel und Hinterfragung kann es, glaube ich, keinen reifen Glauben geben. Gott möchte mit uns in Beziehung leben. Diese Beziehung fordert uns immer wieder auf, uns mit Gott und seiner Botschaft auseinanderzusetzen. Diese Botschaft, dieses Angebot der bedingungslosen Liebe, lässt schon Menschen zweifeln, die Jesus persönlich kannten. Hier denke ich an Petrus, der Jesus dreimal verleugnet hat – und dreimal von ihm nach seiner Liebe gefragt wurde. Am Ende antwortet Petrus: „Herr du weißt alles. Du weißt, dass ich dich liebe!“ Auch in der Erzählung des Thomas wird uns gesagt, dass Zweifel zum Glauben gehören.

Gibt es eine Stelle im Evangelium, die Sie besonders schätzen?

Meine Evangeliumsstelle zur Erstprofess war diese Frage Jesu an Petrus: „Liebst du mich?“ Und Petrus antwortet: „Du weißt alles Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“

Was tun Sie, wenn Sie mal nicht auf Ihre Berufung konzentriert sind?

Meine Berufung braucht keine Freizeit. Ich bin immer Christin und Ordensfrau. Aber wenn es mir zeitlich möglich ist, versuche ich viel draußen beim Sporteln zu sein. Das kann beim Schwimmen im See sein, oder mit dem Rad durch den Wald, oder während der Arbeit Fußballspielen mit den Kindern. Bis vor kurzem tanzte ich Zumba. Auch einem guten Buch kann ich schlecht widerstehen. Mit Freude spiele ich Gitarre. Auch verbringe ich gerne Zeit mit Freunden bei einer Tasse Kaffee. Interview: Berthold Veh

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