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Villenbach

25.05.2020

Kriegserinnerung: Und dann kamen die Russen

Diesen Sowjetstern hat Jörg-Olaf Müller im Alter von fünf Jahren kurz vor Kriegsende von einem russischen Offizier geschenkt bekommen.
Bild: Brigitte Bunk

Plus Jörg-Olaf Müller lebt seit 20 Jahren in Villenbach. Er wirkte am Bühnenbild von „Starlight Express“ in Bochum mit. Der bald 80-Jährige erlebte vor 75 Jahren, wie ein Nachbar erschossen wurde.

An vielen Theatern Deutschlands arbeitete Jörg-Olaf Müller mit am Bühnenbild und hat dabei viel erlebt. Anfangs in Wien an der Volksoper und am Burgtheater. Später in Hamburg im Schauspielhaus und wiederum später beim Musical „Cats“. In Bochum war er bei „Starlight Express“ tätig, danach hat er mit den Kollegen in Hamburg „Phantom der Oper“ und in Stuttgart „Miss Saigon“ installiert. „Dort habe ich auch meine heutige Frau kennen und lieben gelernt, sie stammt vom Niederrhein“, ist ihm wichtig zu erwähnen.

Er arbeitete im Augsburger Theater

Als er am Augsburger Theater arbeitete, haben sie über einen Wertinger Makler das Haus in Villenbach gefunden. Hier sind die beiden seit März 2000 zu Hause und er konnte mit seinem Fachwissen auch bei der Freilichtbühne gewisse Dinge beitragen und sich in einem Arbeitskreis der Dorferneuerung einbringen. Doch was er während des Zweiten Weltkriegs und dem Kriegsende vor 75 Jahren erlebte, das ist ihm noch gut in Erinnerung. So erzählt der bald 80-Jährige, was er als kleiner Bub erlebt hat und wie vor seinen Augen ein Nachbar erschossen wurde.

Es war mitten im Krieg. Jörg-Olaf Müllers Vater hatte eine Stellung in Linz, in Oberösterreich. Dort hatte die Familie auch eine Wohnung. Doch eine Luftmine blies das Haus weg, während seine Mutter gerade mit ihm unterwegs war. Dann gingen sie zur Großmutter nach Chemnitz. „Meine Mutter war der Meinung, da kann nichts passieren.

Sie flüchteten nach dem Bomenangriff nach Dresden

Aber auch dort kam der Bombenangriff.“ Daraufhin flüchteten sie nach Dresden, zur Schwester der Mutter, die dort verheiratet war. „Als im Februar ’45 der Bombenangriff auf Dresden war, hatte meine Mutter die Nase voll und wir gingen mit ihrer Schwester und deren Sohn nach Oberwiesenthal, ins Erzgebirge.“ Dort hatte die Mutter schon früher bei einem Bauern übernachtet, als sie beim Skifahren waren.

Nun hatte sie organisiert, dass auch Großmutter und Großvater dort wohnen konnten. Eines Tages ging plötzlich das Gerücht durch die Ortschaft: Die Russen kommen. Die Leute waren von dem Schreckensgespenst aufgescheucht. Aus der Tschechei, über die Grenze, kamen die Soldaten ins Erzgebirge. Jörg-Olaf Müller war damals fünf Jahre alt. Er erinnert sich daran, wie er sich mit seinem zwölfjährigen Cousin gerade vor dem Bauernhof ans Mäuerchen gesetzt hatte, als die Russen ohne viel militärisches Getöse in die Ortschaft fuhren.

Gegenüber befand sich ein Kolonialwarenhändler, der Nazi war, und Blockwart. Der stand über dem Eingang des Geschäfts, auf dem Balkon mit dem schmiedeeisernen Gitter, hielt die Hakenkreuzfahne und ein altes Gewehr. „Er dachte, dass er die Russen aufhalten könne“, sagt Müller, der mit ansah, wie der Nachbar von den Russen erschossen wurde und über das Geländer nach unten fiel. Woraufhin sich die Fahne über ihm ausbreitete und sich der weiße Kreis mit dem Hakenkreuz darin rot färbte. „Da könnte man einen Film drehen“, meint der Villenbacher zu dem Geschehen, das er heute noch in Gedanken vor sich ablaufen sieht. Als die Buben ins Haus gerannt sind und das erzählten, sagte der Opa: „Gottseidank ist dieses alte Nazischwein weg.“

Russen kamen ins Bauernhaus

Der Nachbar hatte versucht, den Opa zum Volkssturm zu bringen und den Zwölfjährigen als Flakhelfer einzusetzen. Müller erinnert sich außerdem, wie die Russen ins Bauernhaus kamen und der Offizier fragte, ob seine Soldaten im Stroh oder Heu schlafen dürften. Der Bauer sagte: „Von mir aus, aber sie müssen ihre Zündhölzer und Feuerzeuge abgeben, nicht dass der Stadel abbrennt, wenn sie dort sitzen und rauchen.“ Müller erklärt: „Die Russen waren sehr anständig, auch zu den Frauen im Haus.“ Sie hatten Gerüchte gehört vorher, dass sie über die Frauen herfallen würden. Aber keine war angerührt worden.

Die Familie versteckte sich vor Angst

Die Buben bekamen sogar ein Geschenk. „Ich hatte eine Lederhose an, mit Hosenträgern. Da hat der Offizier den Sowjetstern hingemacht.“ Den bewahrt Müller heute noch auf als Erinnerung. Als der Bauer in diesen Tagen auf dem Feld arbeitete, hätten die Russen ihm geholfen, so Müller. Allerdings sei ein Tiefflieger gekommen, der sofort angefangen habe zu schießen, als er die Russen bemerkte.

Die versteckten sich, während der Bauer Angst hatte, dass sein Ochse verletzt wird. Müller berichtet, dass nichts passiert sei, aber sie kurz darauf sahen, wie der Tiefflieger abgeschossen worden sei. Das war das Kriegsende in Oberwiesenthal, worauf die große Lebensmittelknappheit folgte. Jörg-Olaf Müller: „Man hofft natürlich immer, dass es nie wieder einen Krieg gibt.“

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