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Lauingen
17.01.2021

Per Brücke über die Gleise? Wie der Lauinger Bahnhof schneller barrierefrei werden könnte

Für Rollstuhlfahrer, ältere Menschen mit Gehwagen oder Familien mit Kinderwagen ist der Bahnhof in Lauingen aktuell kaum benutzbar. Denn der einzige Weg auf den Bahnsteig führt durch eine Unterführung mit vielen Stufen. Altbürgermeister Georg Barfuß will hier eine Brücke bauen.
Foto: Karl Aumiller

Bis der Lauinger Bahnhof endlich barrierefrei wird, dauert es noch mindestens sechs Jahre. Ex-Bürgermeister Georg Barfuß hat jedoch eine Idee, wie es schneller geht. Und was sagt die Deutsche Bahn dazu?

Manch einem, erzählt man sich, kommen die besten Ideen ja, wenn er am Fenster sitzt, den Blick in die Ferne schweifen lässt und fröhlich vor sich hin sinniert. Johann Wolfgang von Goethe soll so jemand gewesen sein. Und Lauingens Altbürgermeister Georg Barfuß zählt wohl auch dazu. Der blickte vor nicht allzu langer Zeit aus dem Fenster seiner Wohnung in der Lauinger Altstadt. Und was er da sah, brachte ihn auf eine Idee: Die Feuerwehr war mit ihrer Drehleiter im Einsatz, den Korb in schwindelerregende Höhe ausgefahren. Und Barfuß dachte sich: „Wenn das Teil 30 Meter hoch fahren und zwei Leute halten kann, dann klappt so was doch auch waagerecht auf drei Meter.“ So entstand die Idee, die er seitdem verfolgt: Eine ausfahrbare Brücke, um den Bahnhof der Herzogstadt barrierefrei zu machen.

Per Brücke über die Gleise am Lauinger Bahnhof

Barfuß, selbst Rollstuhlfahrer, kennt das Problem, das Menschen mit Behinderung, aber auch Familien mit Kinderwagen oder Reisende mit viel Gepäck am Lauinger Bahnhof haben, nur zu gut: Dutzende Stufen führen in die Unterführung hinunter, danach ebensoviele wieder nach oben. Für viele eine schier unüberwindbare Hürde. Barfuß selbst, erklärt er, lasse sich vor Zugreisen meist einfach nach Günzburg fahren. Denn dort gibt es schon seit vielen Jahren einen Aufzug.

Nun ist es so, dass Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bereits vergangenen Sommer seine Zusage gab, dass die Bahnhöfe in Lauingen und Gundelfingen barrierefrei umgebaut werden sollen. Kosten: Etwa zehn Millionen Euro. Fertigstellung: Frühestens Ende 2027. Barfuß geht das nicht schnell genug. Seine Idee, so sagt er, sei deutlich schneller und billiger umzusetzen. Er weihte Ferdinand Munk, Chef der Firma Günzburger Steigtechnik, in seine Pläne ein. Und der hat sich direkt überlegt, wie eine solche Brücke umzusetzen sei. Prinzipiell geht es darum, die ersten beiden Gleise per Brücke zu überwinden. Damit der Zugverkehr noch durchfahren kann, muss die Brücke aber auch weichen können. Dafür gibt es Munk zufolge mehrere Möglichkeiten: Entweder sie ist schwenkbar, sodass sie in unbenutztem Zustand nicht über die Gleise ragt. Sobald sie jemand benutzen möchte, würde sie dann per Knopfdruck im 90-Grad-Winkel über Gleis 1 schwenken und – ähnlich der Drehleiter – über Gleis 2 hinweg ausfahren. Dann klappen Rampen aus und Rollstühle wie Kinderwagen können über die Gleise hinwegrollen. Die andere Idee sieht eine Konstruktion ähnlich einer Zugbrücke vor, die einfach nach oben geklappt wird. Letzteres, erklärt Munk, habe er bereits in ähnlicher Form schon einmal für einen Privatkunden konstruiert.

Die „Munk-Brücke“ in halb ausgefahrenem Zustand. Von hier könnte sie um 90 Grad eingeschwenkt werden, um nicht mehr über Gleis 1 zu ragen. Oder sie fährt aus, um den Bahnhofszugang mit dem Bahnsteig für die Gleise 2 und 3 zu verbinden.

Um die Sicherheit der durchfahrenden Züge zu gewährleisten, könnte die Brücke laut Munk etwa nur per Schlüssel bedienbar sein, den man sich bei der Stadt oder an anderer Stelle abholen kann. Oder Bahnmitarbeiter bedienen die Konstruktion. Der Chef der Günzburger Steigtechnik sagt, der Bau koste maximal 40.000 Euro, je nach Sicherheitsstandard. „Wenn die Bahn sagt, sie will das haben, dann wird das auch zu dem Preis gemacht.“

Doch will die Bahn? Wie ein Sprecher des Konzerns erklärt, müsste das Gleis für den Einsatz der „Munk-Brücke“ signaltechnisch gesperrt werden, um sicherzustellen, dass bei ausgefahrener Brücke kein Zug unterwegs ist, der in den Übergang rast. „Stark vereinfacht und unfachmännisch ausgedrückt bedeutet es also, dass die Signale für diesen Abschnitt auf Rot stehen müssen, solange die Brücke ausgefahren ist. Dies erfordert jedoch eine entsprechende Einbindung in die vorhandene Leit- und Sicherungstechnik und das Stellwerk und somit einen zeitaufwendigen Genehmigungsprozess, dessen Erfolgschancen wir nicht bewerten können“, so der Sprecher weiter. Aus einem internen Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt, geht hervor, dass die vorhandene Sicherungstechnik in Lauingen aus dem Jahr 1977 stammt. Diese werde aktuell weder vertrieben noch weiterentwickelt. Aus Sicht der Bahn könnte der Zulassungsprozess allein zwei Jahre dauern – ohne Erfolgsgarantie. Möglicherweise, so der Bahnsprecher, wäre jedoch ein höhengleicher Überweg über die Gleise eine schneller realisierbare Alternative. Dies werde aktuell auf Realisierbarkeit geprüft. Die Bahn ist dabei aber wiederum auf eine Genehmigung ihrer Aufsichtsbehörde, dem Eisenbahnbundesamt, angewiesen. Am Willen, erklärt ein anderer Sprecher, fehle es nicht. „Wir greifen gerne unkonventionelle Vorschläge auf, wenn sie schnell und im Kostenrahmen realisierbar sind“, erklärt er.

Der Lauinger Ex-Bürgermeister nennt die Bahn "innovationsfern"

Munk und vor allem Barfuß hatten wohl schon mehrere Gespräche mit Vertretern des Konzerns sowie aus der Politik und des Verkehrsministeriums, bislang jedoch ohne Ergebnis. Der Altbürgermeister und Ex-Abgeordnete will aber nicht aufgeben: Er vergleicht die „Munk-Brücke“ mit anderen Bahnübergängen in der Region: Die Anrufschranke in Faimingen etwa, bei der der zuständige Bahnmitarbeiter nur Funkkontakt, keine optische Kontrolle habe. Oder der Übergang an der Johannes-Scheiffele-Straße in Dillingen, wo es keine Schranken, sondern nur eine Ampel gibt. „In Neuburg dürfen Reisende über drei Gleise völlig legal gehen, ebenso in Dingolfing. Sind die Menschen dort intelligenter und die Züge weniger gefährlich?“ Die „Munk-Brücke“ würde nach seiner Vorstellung zumindest per Video überwacht. „Natürlich ist sie nach Bahnstandards nicht voll sicher. Aber sie ist sicher genug.“

Barfuß sieht in dem Konzept ein Pilotprojekt für die ganze Region, vielleicht für ganz Deutschland. Vor allem aber will er, dass dieses Pilotprojekt in Lauingen gebaut wird. Bei der Bahn habe man bereits Interesse bekundet, so wirklich vorangehen will wegen der Unsicherheiten aber nichts. Der Ex-Rathauschef wirft der Bahn gar Innovationsferne vor. „Wenn es einfach wäre, hätten es andere schon gemacht. Probieren kann man es ja“, sagt er.

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