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Lauingen

12.08.2020

Rassismus-Debatte: Muss der Lauinger Mohr verschwinden?

Am Schimmelturm, am Rathaus und natürlich im Lauinger Wappen: Der Mohr gehört zu Lauingen, sagen viele. Doch manch einer sieht die Darstellung eines Schwarzen auch kritisch.
Bild: Jonathan Mayer

Plus Die ganze Welt spricht über Rassismus, vielerorts wurden bereits Statuen, Bilder und Wappen, die man rassistisch deuten könnte, abgerissen. Ein solches Symbol hat auch Lauingen. Sollte sich daran etwas ändern?

Die Szene spielt vor über 1000 Jahren: Das hunnische Heer ist in weite Teile Europas eingefallen. Krieg und Zerstörung sind die Folge. Unweit vom heutigen Lauingen stellt sich der deutsche Kaiser dem Eindringling entgegen. Ein Zweikampf soll über Sieg oder Niederlage entscheiden. Aus den Reihen der Hunnen tritt ein Hüne hervor, da kommt ein Schuster aus Lauingen und stellt sich dem Duell. Nach langem Kampf gewinnt er, und der Kaiser gewährt ihm drei Gnaden: Der Mann bittet um eine Wiese, wünscht sich, dass die Stadt künftig mit rotem Wachs siegeln dürfe, was sie auf ähnlichen Rang mit Reichsstädten stellt. Und fordert, dass die Herren von Pappenheim einen Mohren im Wappen tragen dürfen. Auf Beschluss des Kaisers erhält schließlich auch Lauingen ein solches Wappen.

So beginnt die Geschichte um den Lauinger Mohren – zumindest eine davon, niedergeschrieben 1818 im Buch „Deutsche Sagen“ von den Gebrüdern Grimm. Viel Wahres steckt darin wahrscheinlich nicht, doch dazu später mehr. Die Darstellungen wie die im Lauinger Wappen geraten immer öfter, auch im Zuge der weltweiten Debatten um die Bewegung Black Lives Matter, in Kritik. In Coburg etwa fordert eine Petition die Änderung des Stadtwappens. Ist das Symbol der „Mohrenstadt“ also noch zeitgemäß? Oder sollte man über eine Änderung nachdenken? Eine entsprechende Anregung gibt es zumindest schon.

Der "Lauinger Mohr" als Eigenname

Wie Bürgermeisterin Katja Müller (CSU) erklärt, hat sie eine Anfrage bekommen, wieso Lauingen einen Mohr im Wappen trägt – und, ob sich in Zeiten von Debatten um Rassismus nicht eine Änderung anbieten würde.

Müller jedenfalls sieht das nicht so. „Das war bis jetzt noch nie ein Thema und wir sehen da auch keinen Bedarf“, sagt sie. Die Lauinger seien schließlich stolz auf ihr Wappen und den Mohren. Es handle sich dabei aber nicht um ein rassistisches Motiv. „Sonst hätten wir schon gehandelt.“ Über das Wort „Mohr“ lasse sich wiederum streiten, sagt die Bürgermeisterin. „Bei uns ist das aber wie ein Eigenname und keine Bezeichnung für Dunkelhäutige.“ Auch die Gäste aus der nigerianischen Stadt Lagos, mit der Lauingen eine Umweltpartnerschaft hat, hätten sich nie über das Wappen beklagt. „Es war eher so, dass sie sich darüber freuten. Für sie ist das eine Art der Wertschätzung.“

Die Legende vom Anfang ist bei Weitem nicht die einzige, die sich mit dem Thema auseinandersetzt. Andere Theorien verorten den Zweikampf in die Ungarn-Kriege oder die Kreuzzüge. So recht passen die Elemente aber nicht zusammen, findet Bernhard Ehrhart, Historiker und Leiter des Lauinger Heimathauses. Und das hat einen Grund: Die Wappensagen, die Erklärungen zu den Motiven städtischer Logos bieten, wurden Ehrhart zufolge erst im Nachhinein erfunden. Mit dem tatsächlichen Ursprung haben sie, wenn überhaupt, wenig zu tun.

Bild: Jonathan Mayer

Im Falle Lauingens sei wahrscheinlicher, dass die Stadtväter in dem Moment, als die Stadt ihre eigene Stadtverfassung erhielt, das alte Siegel abändern durften. Dieses zeigte einen staufischen Herrscher, womöglich Friedrich I. Barbarossa oder Konrad IV., in Frontalansicht mit Bügelkrone. Das Siegel ist noch heute im Heimathaus zu sehen, mit dem heutigen Wappen hat es aber nur noch wenig gemeinsam. Trotzdem gibt es die Theorie, der Lauinger Mohr sei in Wahrheit Barbarossa – auch wenn andere zeitgenössische Darstellungen des Kaisers keinen Dunkelhäutigen zeigen.

Ehrhart zufolge ist es wahrscheinlicher, dass das Wappen im Zuge des Erhalts der Stadtverfassung geändert wurde. Mit Rassismus oder Ausgrenzung habe der Lauinger Mohr aber nichts zu tun. Im Gegenteil: „Wenn überhaupt, ist das doch ein Akt der Willkommenskultur“, findet er. Es zeige die Weltoffenheit der Stadt und sei schon im Mittelalter mehr aus Ehrfurcht vor den unbekannten, fremden Kulturen geschehen, als aus Abneigung gegen diese. „Man dachte wahrscheinlich: ‚Das ist ein schönes Wappen, das hebt uns von anderen ab.‘“ Gewissermaßen habe man den „Markenauftritt“ der Stadt erneuert. Und auch das hebt Ehrhart hervor: Auf dem Schimmelturm ist der Mohr ebenfalls verewigt, eingebettet in eine Bilderzählung, die wesentliche Momente der Stadtgeschichte zeigt. „Das war damals eine Besonderheit. Bemalte Gebäude gab es zu der Zeit selten.“

Mit Rassismus habe der Lauinger Mohr nichts zu tun

Ehrhart fürchtet im Zuge der aktuellen Diskussion – auch um das Hotel Drei Mohren in Augsburg – um das Lauinger Wappen. „Das ist eine heraldische Kunstfigur. Sie ist mehr als ein halbes Jahrtausend alt und entstanden, bevor der Rassismus der Kolonialzeit begonnen hat.“ Im Mittelalter, so der Historiker, habe man die Hautfarbe völlig wertfrei gesehen.

Ähnlich sieht das auch der dunkelhäutige Lauinger SPD-Politiker Alexander Baumgärtner. „Das wird Sie überraschen, aber ich bin gegen eine Änderung“, sagt er. Er selbst fühle sich durch die Darstellung nicht angegriffen. Seiner Meinung nach sollte man das Lauinger Stadtwappen als Kulturerbe sehen. „Mit Rassismus hat das für mich nichts zu tun.“ Weder das Wappen noch die Bezeichnung „Mohr“ dienten im historischen Kontext der Herabwürdigung dunkelhäutiger Menschen. „Es geht ja nicht um eine zu erniedrigende Person. Nicht jeder Farbige ist der Lauinger Mohr.“ Im Zusammenhang mit der Stadtgeschichte erkenne Baumgärtner daher keine Diskriminierung. Die Zeiten von damals ließen sich mit den heutigen auch schlicht nicht mehr vergleichen. „Wenn eine 85-Jährige ‚Neger‘ sagt, dann meist doch auch nur, weil sie damals so sozialisiert wurde. Das ist ja nicht zwangsläufig rassistisch oder beleidigend gemeint.“ Er fügt an: „Wäre der Lauinger Mohr ein rassistisches Motiv, würde ich es sagen.“

Im Hotel Drei Mohren in Lauingen hat man sich Gedanken gemacht

Auch an anderer Stelle ist der Mohr in Lauingen zu finden: In der Imhofstraße nahe dem Marktplatz findet sich das Hotel Drei Mohren, seit neun Jahren betrieben von Alexander Lodner. Dieses, so erklärt er, ist eng mit dem Augsburger Hotel Drei Mohren verbunden, das seinen Namen nach Jahren des Protests nun ändern wird: Ein Sohn des Augsburger Hoteliers gründete 1840 das Lauinger Hotel. Nach dem Namenswechsel in Augsburg gefragt, sagt Lodner: „Ich hätte das nicht gemacht.“ Er sehe keinen Grund, den Namen zu ändern. „Das Wort ist ja nicht negativ behaftet. Und der Mohr galt ja immer als der Weise, der Gebildete.“ Auch bei Lodners habe man kurz über den Namen diskutiert. „Aber wir haben beschlossen, dass wir das nicht einsehen.“ Von den Gästen, egal ob dunkelhäutig oder nicht, habe sich bisher niemand über den Namen beklagt, sagt er.

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