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Buchveröffentlichung

06.12.2016

Schmerzhafte Heimatgeschichte

In der Buchhandlung Brenner in Dillingen las Anton Kapfer aus seinem Buch „Braune Hemden, gelbe Sterne, schwarze Spiegel, grüne Helme“. Bernd Brenner freute sich über die interessante Buchpremiere. Kapfer sagte, dass es nicht darum gehe, anzuklagen, sondern für die Thematik zu sensibilisieren und an das große Leid von jüdischen Mitbürgern zu erinnern, das diese im Nationalsozialismus millionenfach erleiden mussten. Auch im kleinen Binswangen habe der braune Terror seine Spuren hinterlassen.
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In der Buchhandlung Brenner in Dillingen las Anton Kapfer aus seinem Buch „Braune Hemden, gelbe Sterne, schwarze Spiegel, grüne Helme“. Bernd Brenner freute sich über die interessante Buchpremiere. Kapfer sagte, dass es nicht darum gehe, anzuklagen, sondern für die Thematik zu sensibilisieren und an das große Leid von jüdischen Mitbürgern zu erinnern, das diese im Nationalsozialismus millionenfach erleiden mussten. Auch im kleinen Binswangen habe der braune Terror seine Spuren hinterlassen.

Anton Kapfer aus Binswangen hat sich als Autor mit Lebenslinien und Schicksalen einstiger Juden in seiner Heimatgemeinde befasst. Warum er ihnen ein geistiges Denkmal setzen will

Der gebürtige Binswanger Anton Kapfer, Lehrer und Schulamtsdirektor a.D. ist der Vorsitzende des Förderkreises Alte Synagoge. Die Geschichte seines Heimatortes hat den geerdeten Bauernsohn schon immer interessiert und ihn aufmerksam gemacht auf den Teil der Historie Binswangens, der eng mit den dunklen Seiten deutscher Geschichte verbunden ist. Vier Jahrhunderte lang waren die Bewohner des Ortes im friedlichen Einvernehmen mit dem jüdischen Teil der Bevölkerung. Das änderte sich schlagartig mit dem Beginn des unheilvollen Nationalsozialismus, der auch in schwäbischen Dörfern seine Spuren hinterlassen hat.

Anton Kapfer hat in seinem 170-seitigen Erzählband „Braune Hemden, gelbe Sterne, schwarze Spiegel, grüne Helme“ den braunen Terror in den Fokus genommen. Er ist sensibel in einer eindringlich einfachen Sprache den Spuren jüdischer Menschen nachgegangen, hat ihre Schicksale mit historischen Daten verknüpft und Geschichten um sie herum gewoben, die berühren und unter die Haut gehen. Schon immer haben Einzelschicksale Leser mehr angesprochen als das Wiedergeben von noch so grausamen nüchternen Fakten. Wir haben mit Anton Kapfer über sein offizielles Erstlingswerk als Autor gesprochen.

Sie treten erstmals schriftstellerisch in Erscheinung. Was hat Sie zu diesem Buch bewegt?

Anton Kapfer: Jeder Mensch hat so seine geheimen Vorlieben. Neben der Musik, vor allem dem Chorgesang, gilt meine große Leidenschaft der Erforschung von heimatgeschichtlichen Abläufen und Zusammenhängen sowie dem Schreiben, dem Verfassen von Texten: Erzählungen, Kurzgeschichten, Essays, Gedichten und erstmals einem Roman. Die jüdische Lebenskultur beschäftigt mich eigentlich seit meiner Kindheit, weil ich schon als Schulkind mit jüdischen Zeugnissen im Dorf in Berührung kam. Seitdem ich nach der Restaurierung der ehemaligen Synagoge im „Förderkreis Synagoge Binswangen“ mitarbeite, dem ich nunmehr seit vielen Jahren vorstehe, hat mich diese Thematik immer intensiver in Beschlag genommen. Mit zunehmender Beschäftigung wuchs die Erkenntnis, welche große Bedeutung die Lebens- und Glaubenskultur der jüdischen Menschen für die Entwicklung des Ortes im Laufe der Jahrhunderte gewonnen hat. Es ist das Gebot unserer Generation, diesen Menschen, die ja auch deutsche Landsleute waren und lediglich einen anderen Glauben lebten als die Christen im Dorf, in Wort und Schrift ihre Würde zurückzugeben.

Ist es für einen einheimischen Verfasser nicht ein großes Spannungsfeld, wenn er historische Fakten aufgreift, die in seinem Dorf vielleicht nicht ungeteilte Zustimmung finden und an alte Wunden rühren?

Kapfer: Interessanterweise erlebte das Thema „Die Juden im Dorf“ bis Mitte der Achtzigerjahre eine gewisse Tabuisierung. Viele Zeitzeugen wollten einfach vergessen und blendeten die schlimmen Ereignisse der 1930/40er-Jahre aus. Doch jetzt machten sich namhafte Historiker auf, die Geschichte in den ehemaligen Landjudengemeinden aufzuarbeiten. Das zunehmende öffentliche Interesse an den damaligen Ereignissen, aber auch an der Geschichte des Judentums auf dem Land ganz allgemein entwickelte eine gewisse Dynamik. In diese Zeit fällt auch die Restaurierung ehemaliger Synagogen, auch der Binswanger Synagoge, die nun als sichtbare Zeugnisse zu wichtigen Begegnungszentren wurden. Zugleich ins Leben gerufene Förderkreise verschrieben sich einer engagierten Erinnerungskultur. In vielen Vorträgen, Veröffentlichungen und Gedenkakten kristallisierte sich eine wichtige Erkenntnis heraus, die der schwäbische Bezirksheimatpfleger, Dr. Fassl, mit folgenden Worten auf den Punkt bringt: „Zur Wahrheit gibt es keine Alternative!“. Es ist das Gebot der Stunde, zu dieser Wahrheit zu stehen, auch wenn es zuweilen noch Überzeugungsarbeit zu leisten gilt.

Derzeit geht ein W-Seminar des St.-Bonaventura-Gymnasiums in Dillingen historischen Vorgängen in Binswangen nach, die in Zusammenhang mit Enteignungen jüdischer Bürger in Zeiten des Nationalsozialismus stehen. Halten Sie es für wichtig, dass sich junge Menschen mit dieser Thematik auseinandersetzen?

Kapfer: Ich halte es für wichtig, dass junge Menschen einen Bezug zur Heimatgeschichte entwickeln, auch wenn es sich um einen brisanten Themenkomplex handelt. Historische Vorgänge sind nun einmal Tatsachen, die sich nicht umkehren lassen. Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik soll die Schüler motivieren, sich künftig auch mit anderen jüdischen Themenbereichen zu befassen. Außerdem geht es um Kontinuität und Nachhaltigkeit in der Erinnerungsarbeit.

Ihr Buch zeigt auf, wie in den 1930er- Jahren die nationalsozialistische Ideologie auch auf das Land überschwappte und plötzlich aus netten Nachbarn für jüdische Mitbürger selbst im kleinen Binswangen erbitterte Gegner wurden. Letztes Jahr kamen in Deutschland Tausende von Flüchtlingen an. Plötzlich ist trotz mannigfachen sozialen Engagements wieder allenthalben Hass spürbar. Haben wir nichts aus unserer Geschichte gelernt?

Kapfer: Ich glaube, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen aus den bitteren Erfahrungen mit der Hitler-Diktatur und den verheerenden Ereignissen des Zweiten Weltkriegs sehr wohl etwas gelernt hat. Der beste Beweis ist unser Grundgesetz, das die Würde des Menschen als oberste Priorität definiert und die Menschenrechte als nicht verhandelbar erklärt. Die Pluralität unserer Gesellschaft allerdings gibt einer Meinungsvielfalt Raum, die der Rückwärtsgewandtheit bestimmter Kreise zuweilen ein willkommenes Forum bietet. Als überzeugte Demokraten müssen wir uns stets bemühen, unseren im Grundgesetz definierten Wertekanon zu verteidigen, ja offensiv zu vertreten.

Auf welche Quellen konnten Sie zurückgreifen bei den Recherchen, die die Bindeglieder zu den Einzelschicksalen in Ihrem Buch sind?

Kapfer: Ich darf die relevanten Quellen auflisten:

viele Gespräche mit noch lebenden oder erst in jüngster Vergangenheit verstorbenen Augenzeugen

Gernot Römer, „Austreibung der Juden aus Schwaben“ und „Wir haben uns gewehrt“

Gedenkschrift „Alte Synagoge Binswangen“

Karl Öhlschläger, „Binswangen – lebendiges Zeugnis reicher Vergangenheit“

Ludwig Reißler, „Geschichte und Schicksal der Juden in Binswangen, einem Dorf in der ehemals österreichischen Markgrafschaft Burgau im heutigen Bayerisch-Schwaben“

Originaldokumente aus dem Archiv der Gemeinde Binswangen.

Ihr Buch ist erkennbar nicht nur ein Roman. Wie Sie das Thema angingen und tatsächlich einmal in Binswangen lebende Menschen wie etwa die Baldaufs und die Geschwister Schwarz, alias Weiß, sowie ihre tragischen Schicksale beleuchten, wirkt wie ein virtuelles Denkmal, das Sie ihnen posthum errichten möchten.

Kapfer: Mir geht es nicht darum anzuklagen, sondern für die Thematik zu sensibilisieren und an das große Leid von jüdischen Mitbürgern zu erinnern, das diese im Namen des Nationalsozialismus millionenfach erleiden mussten.

Interview: Margot Sylvia Ruf

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