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Landkreis Dillingen

01.12.2018

Schwenningerin pflegte ihre Mutter Jahrzehnte daheim

Bis zum Tod hat die Schwenningerin Karin Gerstmeier ihre Mama gepflegt. Die Mutter litt an Multiple Sklerose und ist am 9. September dieses Jahres mit 74 Jahren gestorben.
Bild: Simone Bronnhuber

Karin Gerstmeier hat ihre kranke Mutter jahrzehntelang in den eigenen vier Wänden in Schwenningen gepflegt. Die Tochter verzichtete dafür auf Vieles.

Engel müssen nicht überirdisch sein. „Ach, du bist ein Engel“, sagt man zu einem Menschen, dem man besonders dankbar ist. Wir suchen Menschen, die einen Engel haben, und sich bei ihm bedanken möchten. Oder eben Menschen, die für andere Engel sind oder waren. So wie Karin Gerstmeier.

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Die Redakteure einer Heimatzeitung bekommen täglich unzählige Anrufe und E-Mails mit Anliegen von Lesern, Firmen oder anderen Einrichtungen. Alltag für Lokaljournalisten. Doch dieser eine Brief, der in der Redaktion der Donau-Zeitung vor wenigen Wochen angekommen ist, war sehr berührend. Handgeschrieben von Sandra Redl. Darin steht, dass ihre Freundin Karin Gerstmeier bald den 50. Geburtstag feiert und mehr als nur Geschenke verdient hätte.

Ein Auszug: „Sie hat 28 Jahre ihre Mama im Rollstuhl gepflegt. Sie verdient was Außergewöhnliches für ihre Leistung. Sie hat nie gejammert, dass ihr das zu viel ist oder etwas zu schwer ist und hat sich nie beklagt, wenn sie auf etwas verzichten musste. Eine außergewöhnliche Frau. Karin hat eine goldene Nadel verdient.“ Karin Gerstmeier liest den Brief, ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie wusste, dass eine ihrer besten Freundinnen sich an die Heimatzeitung gewandt hatte und sie damit überraschen wollte.

Schwenningerin pflegte ihre Mutter Jahrzehnte daheim

Die Zeilen von Sandra Redl rühren die blonde Frau trotzdem zutiefst. „Sehr süß“, sagt sie leise und schluckt. Den Brief werde sie behalten und gut aufbewahren. Auch, weil die Schwenningerin sich vermutlich selbst nicht oder nur wenig auf die Schulter klopft. Dabei hätte sie das mehr als verdient – sie ist heute unser Engel in unserer neuen Serie. Denn Karin Gerstmeier hat ihre geliebte Mama, die an der Krankheit Multiple Sklerose litt, zu Hause gepflegt. Bis zum Tod vor wenigen Monaten. „Für mich war das immer selbstverständlich. Ich habe da nicht weiter drüber nachgedacht. Es ist doch die Mama.“

Früh waren die drei Frauen auf sich alleine gestellt

Karin Gerstmeier ist gemeinsam mit ihrer Schwester und ihren Eltern auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in Gundelfingen aufgewachsen. Dass die Mama krank ist, war für die Kinder normal. Sie kannten es nicht anders. „Es hatte nie wirklich einen Nachteil für uns. Es war einfach so. Ich kann mich aber beispielsweise daran erinnern, dass meine Mama beim ersten Schultag schon mit Gehilfe dabei war“, erzählt die heute 50-jährige Tochter. Als sie 16 Jahre alt ist, ist der Vater gestorben. Von da an waren die drei Frauen auf sich alleine gestellt. Dass die beiden Schwestern im Haushalt und Hof mit anpackten, das war Alltag. „Ich habe trotzdem ganz normal eine Lehre bei einem Bäcker in Gundelfingen gemacht und später bei BSH gearbeitet. Bis Mama dann in den Rollstuhl musste“, erzählt Karin Gerstmeier. Das war 1994.

Ab diesem Zeitpunkt gab die Tochter für die Mama nicht nur den Job auf, sondern tauschte den eigenen Alltag mit Haus, Mann und drei eigenen Kindern mit einem ganz neuen. Freiwillig. Und jederzeit wieder, wie Karin Gerstmeier sagt. „Ich bin da rein gewachsen. Meine Mama war immer gut zu haben und einfach dankbar. Es gab nie Streit. Meine Familie hat es mitgetragen, auch sie kannte es nicht anders“, berichtet sie. Denn als die junge Karin vor vielen Jahren ihren jetzigen Ehemann traf, war schon klar, dass sie nur von Gundelfingen nach Schwenningen zieht, wenn die kranke Mama mitkommt. Mit 18 Jahren hatte die Tochter damals beschlossen, ein Haus in der Gärtnerstadt für sich und die Bedürfnisse der Mama zu bauen. Das hat sie damals gemacht. Und nur kurze Zeit später ein zweites Mal mit ihrem Mann in Schwenningen. Wieder barrierefrei und mit einer Einliegerwohnung für die Mutter.

Anfangs konnte sich ihre Mama Babette noch selbstständig versorgen, ab dem Moment, als die neurologische Krankheit so schlimm wurde und die Frau in den Rollstuhl musste, war Karin Gerstmeier gefragt. Und die Schwenningerin hat nicht überlegt. Es sei klar gewesen, dass sie sich um ihre Mutter kümmert. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Die letzten fünf Jahre sahen in etwa so aus: zwei Mal in der Nacht aufstehen und die Mama im Bett drehen, früh aufstehen, Frühstück für die ganze Familie herrichten, Mama wecken, um- und anziehen, Haushalt organisieren, Mittagessen kochen, Mama zum Nachmittagsschlaf hinlegen, wieder wecken, Kinder nach der Schule betreuen, Brotzeit machen, Mama bettfertig machen.

Von Freunden und Familie gab es immer Unterstützung

Nur einmal im Jahr für drei Wochen war Mama Babette in Kurzzeitpflege. „Das war für sie und für uns Urlaub“, sagt Karin Gerstmeier und lacht. Ein bisschen mehr als 700 Euro hat sie im Monat für ihre Pflege ihrer Mutter erhalten. Wenn man diesen niedrigen Verdienst mit einer Unterbringung im Heim vergleiche, könne sie gut verstehen, dass andere in ihrer Situation, sich gegen eine Pflege in den eigenen vier Wänden entscheiden. „Aber um Geld ging es nie.“ Sie weiß, dass sie mit ihrer Entscheidung, ihre Mama zu Hause zu pflegen, auf Vieles verzichten musste. Sie weiß es umso mehr zu schätzen, dass ihre Familie und auch Freunde das all die vielen Jahre mitgetragen haben, sagt sie. „Es ist ganz normal, dass das Kaffeekränzchen bei mir stattfindet“, erzählt sie und schaut zur hellen Holzkommode gegenüber des Esstisches im Wohnzimmer. Dort steht ein eingerahmtes Bild von ihrer Mama, das Sterbebildchen lehnt daran und ein großer Engel mit goldenen Flügel wacht darüber. „Sie fehlt. Es ist jetzt alles anders.“ Am 9. September ist Babette Meck im Alter von 74 Jahren gestorben. Die Krankheit hatte sich überraschend schnell verschlimmert. Für Karin Gerstmeier nicht nur ein emotionaler schwerer Verlust. „Ich hatte ja im Grunde von jetzt auf gleich auch keinen Job mehr“, sagt sie. Bewerbungen schreiben? Wieder zurück in einen „normalen“ Alltag? „Ich hatte keine Ahnung, ob das noch mal klappt und ob mich noch jemand will“, sagt die 50-Jährige und schmunzelt.

Mittlerweile arbeitet Karin Gerstmeier in der Kantine im Schülerheim Höchstädt und zusätzlich bei einer Bäckerei in Gremheim. Ihre Chefs und Kollegen seien wunderbar, sie fühle sich richtig wohl und blühe auf. „Und ich hätte nie gedacht, dass mir wieder so viel Spaß macht. Ich war doch 30 Jahre zu Hause. Aber es ist toll.“

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