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Wittislingen

14.06.2018

Seit 20 Jahren pflegt dieser Wittislinger seine Frau

Das Ehepaar Ewald und Lieselotte Engelniederhammer aus Wittislingen. Seit 20 Jahren pflegt der 81-Jährige seine Ehefrau.
Bild: Cordula Homann

Lieselotte Engelniederhammer hatte einen Schlaganfall und sitzt im Rollstuhl. Ihren Mann belastet anderes mehr.

Eine schicke, weiße Kurzhaarfrisur, hellblaue Augen, feuerrot lackierte Fingernägel, so sitzt Lieselotte Engelniederhammer am Tisch. Sie wirkt weder wie 80 noch schwer gehandicapt, doch das täuscht. Vor genau 20 Jahren, mitten in der Nacht, hatte die damals 60-Jährige einen Schlaganfall. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl.

Auch Ehemann Ewald Engelniederhammer kann sich noch gut an die Nacht erinnern. Das Paar hatte einen der drei Söhne besucht, als die Frau mitten in der Nacht den Lichtschalter suchte, aber nicht fand. Es war ihr Mann, der Licht machte und dann sofort den Notarzt verständigte. Erst wurde seine Frau nach Günzburg verlegt, dann nach Dillingen, zuletzt verbrachte sie 17 Wochen in Ichenhausen. Genau in diese Zeit fiel der Renteneintritt ihres Mannes. „Aber bin ich ja eigentlich nicht, ich arbeite ja zu Hause weiter“, sagt er. Bis vor zwölf Jahren schaffte er die Pflege allein. Seitdem unterstützt ihn morgens der Sozialdienst. Der Krautgarten, in dem er früher sogar Spargel zog, ist verpachtet, um den Garten kümmert sich der Mieter, ein Mal in der Woche kommt die Putzfrau. Der Tag hat einen festen Ablauf vom Kaffeetrinken über Zeitunglesen und Mittagessen bis zum Ausflug. „Ich hab einen E-Rolli, mein Mann fährt mit dem Rad, so fahren wir nach Ziertheim und zurück, wenn es das Wetter zulässt“, schildert die 80-Jährige. Der Radweg sei wunderschön. Regelmäßig radelt sie zu Hause weiter, auf dem elektrischen Heimtrainer. Auch dabei hilft ihr Mann. Er kauft ein, kocht und schneidet das Essen. Weil seine Frau nur noch den rechten Arm bewegen kann, kann sie nicht Messer und Gabel halten. Abends kommt noch mal jemand von der Sozialstation

Seit 57 Jahren sind die beiden inzwischen verheiratet, ohne Streit, sondern immer miteinander, sagt sie. „Man muss halt nachgeben können“, sagt er und lacht. Ihr Haus ist bereits das zweite und weitestgehend selbst gebaut. Die Zimmer sind aufgeräumt. Bis in die Schubladen würde ihr Mann für penible Ordnung sorgen, verrät sie und schmunzelt. Beide versuchen so oft wie möglich rauszukommen. Mal zur Schwester nach Mödingen, mal zu den Söhnen. Fünf Enkel gehören inzwischen dazu. „Auf die Familie wartet man immer gern“, sagt die gebürtige Bergheimerin. Schon springt ihr Mann auf und holt das große Familienfoto, das die Kinder seiner Frau zum 80. geschenkt hatten. „Meine Enkelin hat mit ihrer Mutter ein Ständchen vorgetragen“, sagt Lieselotte Engelniederhammer mit leuchtenden Augen. 40 Jahre lang war sie selbstständige Damenschneiderin, erzählt sie und blickt auf ihre linke, gelähmte Hand. „Was hat diese Hand gearbeitet. Jetzt liegt sie da und kann nichts.“

Damit dem Paar nicht die Decke auf den Kopf fällt, ist es viel draußen. Doch Ausflüge sind nicht einfach. Zuerst beantragte Ewald Engelniederhammer einen Schwenksitz für den Wagen. Den lehnte seine Kasse acht Tage später ab. Auf seine Nachfrage habe er eine freche Antwort kassiert, erzählt der 81-Jährige. Da rief er den Chef an. Wenige Minuten später hatte er die Zusage, der Sitz wurde bezahlt. Seit einigen Jahren geht das Paar regelmäßig zu einer Badekur nach Füssing, ein Teil davon wird erstattet. Die 80-Jährige freut sich jedes Mal auf die drei Wochen. Doch nun hieß es, solche Kuren gibt es nicht mehr. Doch der Wittislinger, ausgezeichnet mit der bayerischen Pflegemedaille, gab nicht auf: „Das zeigen Sie mir mal, wo das steht“, sagte er zu dem zuständigen Mitarbeiter. Es stand nirgends. Die Kur wurde wieder genehmigt. Auf einer Reha für pflegende Angehörige erfuhr der gelernte Maurer dann von Leichtmetallrollstühlen. Die wären leichter zu bewegen, kosten aber mehr. Also hat das Paar keinen. Ansonsten gibt Engelniederhammer, der in Giengen bei der MÜAG berufstätig war, nie auf. Als er die Befreiung der GEZ-Gebühr beantragte, weil seine Frau zu über 80 Prozent behindert ist, wurde das abgelehnt. Der Rentner legte Widerspruch ein, ging zum Sozialverband VdK und wehrte alle Anrufe seitens der Versicherung ab, die ihm geraten haben soll, nicht vor Gericht zu gehen. „Ich habe es angefangen, das wird durchgezogen.“ Die Verhandlung dauerte laut Engelniederhammer 15 Minuten, dann war sein Anliegen genehmigt. „Die Pflege wäre nicht so schlimm, wenn das nicht alles wäre“, sagt er. Den Rollstuhllift zur Haustür musste er selbst zahlen. Es gab nur einen Zuschuss. Und wer nicht so viel Rente habe und sich nicht durchsetzen könne, sei besonders arm dran.

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