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Dillingen

30.07.2020

Simone Kirner ist Teil der Cafesitobar-Familie

Perfekter Milchschaum auf dem Cappuccino: Nach fünf Jahren Arbeitserfahrung in der Cafesitobar ist das ein Klacks für Simone Kirner.
Bild: Polednia

Plus Porträt: Simone Kirner hat eine Lernschwäche. In der inklusiven Cafesitobar in Dillingen hat die 31-Jährige trotzdem eine passende Arbeit und auch eine zusätzliche Familie gefunden.

Wenn ein Gast die Cafesitobar in Dillingen ohne Maske betritt, ist Simone Kirner sofort zur Stelle. Freundlich, aber bestimmt gibt die Mitarbeiterin zu verstehen, dass die Mundschutzpflicht im Café gelte. Seit 2015 – und damit von Anfang an – ist Kirner Teil des inklusiven Teams in Dillingen. Ihr souveränes Auftreten von heute hat sich die 31-Jährige hart erkämpft.

Simone Kirners Selbstwertgefühl war am Boden

Nach ihrer Schulzeit an der Theresia-Haselmayr-Schule beginnt die Gundelfingerin eine Ausbildung zur Hauswirtschaftshelferin. Im Unterricht wird Simone Kirner wegen ihrer Lernschwäche ausgegrenzt und gemobbt. „Ich brauche einfach ein wenig länger, um Sachen zu verstehen.“ Die junge Frau ist unglücklich und kommt häufig weinend nach Hause. Die Erniedrigungen und der Lerndruck werden ihr schließlich zu viel. Sie bricht ihre Ausbildung ab und ist arbeitslos. Ihr Selbstbewusstsein ist am Boden. „Ich dachte nur noch: Ich kann nichts. Ich bin nichts“, erinnert sich Kirner, und ihre Augen verengen sich zu Schlitzen.

Die Cafesitobar ändert Simone Kirners Leben

Doch die Gundelfingerin lässt sich nicht hängen. Im Berufsbildungsbereich der Werkstatt für behinderte Menschen in Dillingen probiert sie sich in verschiedenen Bereichen aus: „Ich war Praktikantin in der Gärtnerei und Wäscherei. Im Arbeitsbereich Küche hat es mir aber besonders gut gefallen“, sagt Kirner. Die Arbeit macht ihr Spaß. Sie beweist sich und den anderen, dass sie mit Lebensmitteln und Gästen umgehen kann. Die Werkstatt vermittelt die junge Frau deswegen an die Cafesitobar.

Simone Kirner ist Teil der Cafesitobar-Familie

Die Mitarbeiter im Café tragen alle ein orangefarbenes Polo-Shirt. Von den insgesamt 17 Beschäftigten haben acht ein Handicap. „Wir sind eine Familie“, sagt Kirner. Der Umgang sei rücksichtsvoller, sagt Dominik Kratzer, Geschäftsführer der Lebenshilfe Dillingen, der die Frau schon lange auf ihrem Weg begleitet. „Sie hat sich immer mehr Selbstbewusstsein und Routine im Arbeitsalltag aneignen können“, lobt Kratzer, „und ist nun eine vollwertige Arbeitskraft.“ Simone Kirner hört zu und nickt, sie weiß mittlerweile, was sie kann.

Simone Kirner ist stolz auf sich

Im Juli 2015 wird das Café gegenüber vom Busbahnhof eröffnet. Viele Menschen kommen damals, um das inklusive Projekt der Lebenshilfe, der gemeinnützigen Roko GmbH und der Gundelfinger Bäckerei Lindenthal, zu begutachten. Praktikantin Kirner, schüchtern und nervös, verschwindet damals in die Küche zum Geschirrspülen. Im Backshop und im Service lernt sie Tag für Tag hinzu. Mit stressigen Situationen umzugehen, fällt ihr nun leichter. Im November 2018 wird ihre Leistung endgültig honoriert: Sie erhält einen unbefristeten Arbeitsvertrag und ist nun Teil des Koordinierungsteams. „Darauf habe ich hingearbeitet und darauf bin ich stolz“, freut sich Kirner immer noch. Auch privat hat sie ihr Glück gefunden. Wegen der Liebe ist die 31-Jährige vor kurzem nach Mertingen gezogen. Mit ihrem Freund ist sie Teil der Darts-Mannschaft „Black Mamba“ aus Nordendorf.

Cafesitobar-Mitarbeiter Dewid Rickles arbeitet seit einem Jahr im Café. Der junge Mann, der an diesem Tag für den Service eingeteilt ist, findet nur lobende Worte für seine Kollegin: „Sie ist immer nett und höflich. Sie ist einfach ein besonderer Mensch.“ Kirner poliert währenddessen Besteck, nimmt Bestellbons entgegen und gießt Spezi und Wasser ein. Jede Handbewegung sitzt; kein Tropfen geht daneben. Eine ältere Frau im Rollstuhl fährt am Tresen vorbei – die Cafesitobar ist barrierefrei – und wird von Kirner gegrüßt. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, dass die Frau mit dem braunen Pferdeschwanz und der roten Brille Probleme auf dem Arbeitsmarkt haben könnte. Ihrem früheren Ich würde Simone Kirner gerne sagen: „Es kommt etwas Besseres auf dich zu. Gib nicht auf!“

Lesen Sie dazu den Kommentar: Eine Arbeit, die sich auszahlt

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