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Dillingen

02.04.2017

Tim Wiese: Das glücklose Comeback der pinken Maschine

Tim Wiese musste bei seinem Ein-Tages-Comeback zwei Mal hinter sich greifen.
Bild: Stefan Puchner/dpa

Es war die große Tim-Wiese-Show: Der Ex-Nationaltorwart kassiert mit der SSV Dillingen eine 1:2-Niederlage. Der Torhüter sorgt dennoch für beste Unterhaltung im Donaustadion.

Der Anfang war noch vielversprechend: Mit knallig-pinkem Trikot (Nummer 99), neon leuchtenden Torwarthandschuhen und weißen Fußballschuhen betritt Tim Wiese, 35, am späten Samstagnachmittag mit einer, im wahrsten Sinne des Wortes, breiten Brust das Dillinger Donaustadion. Der Körper des 1,93 Meter großen Profiwrestlers („The Machine“) ist wuchtig und muskulös, das Gesicht unnatürlich braun, die Haare glatt nach hinten gegelt. Selten hat wohl so eine imposante Erscheinung das Spielfeld in Dillingen betreten. 

Beim Warmmachen wirkt der ehemalige Torwart von Werder Bremen und dem 1.FC Kaiserslautern trotz Dutzender TV-Kamerateams um ihn herum sehr fokussiert und motiviert. Rund 2000 Menschen sind gekommen, um dieses ganz besondere Ein-Tages-Comeback von Wiese zu sehen - unter anderem auch Fanklubs aus Bremen und Kaiserslautern.

Alle Augen sind auf den 120-Kilo-Mann gerichtet. „Die Katze ist endlich wieder da“, schreit Norbert Gerder aus Hamburg euphorisch. Der langjährige Bremen-Fan ist nur wegen Tim Wiese die 800 Kilometer nach Dillingen gereist. „Das ist noch einer vom alten Schlag, ein richtiger Kerl, der sich auch mal was sagen traut - nicht so ein weichgespülter Profi wie die anderen“, drückt Gerder seine Bewunderung für Wiese aus.

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Comeback in der Kreisliga: Tim Wiese spielt in Dillingen vor 2200 Zuschauern
Bild: Karl Aumiller

Ist das jetzt ernst oder alles nur Show?

Wiese wirkt ruhig und abgeklärt. „Ruhig, ruuuuhig“, ruft er zu Beginn seinen nervösen Vordermännern zu. Seine tiefe Stimme klingt dabei wie ein dröhnender Diesel-Motor. Das soll beruhigen, kann dem durchschnittlichen Kreisligaspieler aber auch Angst machen. Die erste Ecke fängt Wiese ab. Szenenapplaus für den Startorwart. Wobei nicht klar ist, ob dieser ironisch oder ernst gemeint ist.

In der Folge bekommt Wiese mehr zu tun, als ihm lieb ist: Mehrere Schüsse aus der Distanz und aus nächster Nähe - alles wehrt „The Machine“ mit Händen und Füßen ab. Man merkt ihm seine ungeheure Athletik an, Wiese ist immer noch voller Sprungkraft und wirkt körperlich noch sehr fit. Doch am Boden hat er seine Probleme: Es ist auffällig, wie er immer seinen linken Fuß umgeht und jeden Ball mit dem rechten Fuß schlagen will. Ein moderner, mitspielender Torwart wie Manuel Neuer ist Wiese sicherlich nicht - er ist eben einer von der alten Schule. "Ihr müsst drauf“, brüllt Wiese nach einer weiteren Torchance mit bedrohlicher Stimme seinen Verteidigern zu. Der 35-Jährige zeigt sich nun nicht mehr so gelassen, rempelt sogar seinen Gegenspieler, den Haunsheimer Stürmer Robin Hördegen, an. „Da haste den Mund aber ordentlich vollgenommen“, ruft Wiese ihm zu und spielt dabei auf ein Zeitungsinterview an, in dem Hördegen angekündigt hatte, gegen Wiese zu treffen. Oft ist man sich als Zuschauer nicht wirklich sicher: Ist das nun sein Ernst oder alles nur Show? Eine wiederkehrende Frage, wenn es um die Person Tim Wiese geht.

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Vom Torwart zur "Machine": Tim Wieses Karriere in Bildern
Bild: Sven Hoppe, dpa

Eine Zeitlang ist Wiese beschäftigungslos, er stolziert wie ein Löwe auf und ab in seinem Strafraum und trinkt von seiner Wasserflasche, die in seinen kräftigen Händen aussieht wie ein kleines Schnapsglas. Im Hintergrund läuten die Dillinger Kirchenglocken. Es ist die Ruhe vor dem Sturm: Der Haunsheimer Stürmer Yves Krpic schießt kurz darauf ganz knapp an Wieses linken Torpfosten vorbei. Wenig später ist es ausgerechnet Robin Hördegen, der kurz vor der Halbzeit einen Schuss an den linken Innenpfosten für Wiese unhaltbar m Tor platziert. Die pinke Maschine ist geschlagen. „Meine Fresse, klares Abseits war das“, hadert der Torwart und feuert seine Flasche auf den Boden.

Die ehemalige Nummer Zwei im deutschen Tor wirkt von diesem Gegentreffer tatsächlich etwas angefressen.  Die zweite Halbzeit verläuft für Wiese ähnlich glücklos wie die erste. Ein Spieler liegt verletzt am Boden. „Jetzt schon Krämpfe“, murmelt Wiese und schüttelt den Kopf. Seine Wasserflasche hat er mittlerweile auf die Torlinie gelegt. „Ein kleiner Trick“, verrät Wiese augenzwinkernd den Fotografen hinter dem Tor. Ein hoher Ball fliegt in den Strafraum. Wiese schreit „LEO“ und in Sekundenbruchteilen steht keiner mehr um ihn herum, sodass er den Ball ganz locker herunterpflücken kann. Sogar die gegnerischen Stürmer springen - wie die eigenen Verteidiger - ehrfürchtig zur Seite. Was so eine Präsenz im Tor alles ausmacht. 

Sportlich hat sich Wiese den Abend anders vorgestellt

Und doch kann Wieses Aura nicht alles verhindern: Nach 78 Minuten ist es erneut Robin Hördegen, der aus nächster Nähe das zweite Mal an Wiese vorbei ins Tor schießt. Nun liegt Wiese frustriert auf dem Bauch und schlägt beide Hände auf den Boden. Kurz vor Schluss gibt es noch einen Elfmeter für Dillingen. Das Publikum fordert natürlich Tim Wiese. Doch der lässt Stürmer Alexander Imgrunt den Vortritt, der anschließend auch sicher verwandelt. In der Schlussphase geht Wiese unter dem Jubel der Zuschauer bei Standardsituationen noch mehrmals mit nach vorne, bekommt den Ball jedoch nicht. So steht am Schluss ein bitteres 1:2 für die Mannschaft von Trainer Andreas Meyer. 

Für Tim Wiese ist die Arbeit trotzdem nicht vorbei: Zuschauer rennen auf das Spielfeld und wollen Autogramme und Selfies. Der Hauptdarsteller flüchtet aber erstmal in die Kabine, um dann später den vielen Medien Interviews zu geben. Es geht im Donaustadion ein bisschen so zu wie am Stachus: Polizeibeamte müssen grölende Zuschauer entfernen, TV-Kamerateams streiten sich mit lauten Wortgefechten darum, wer zuerst Tim Wiese interviewen darf. Währenddessen feiert Robin Hördegen mit gelb-schwarzer Haunsheim-Fahne in der kleinen Fankurve des TSV Haunsheim. „Ein geiles Gefühl gegen Tim Wiese einen Doppelpack gemacht zu haben“, sagt der zweifache Torschütze. „Ich glaube, das kann nicht jeder von sich behaupten.“ Hinter ihm warten schon seine Fans mit Bier und Kippen. Kreisliga eben. 

Wrestling in München
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Die Wrestling-Premiere von Tim Wiese
Bild: Sven Hoppe

Am Ende verschwindet Tim Wiese mit seinem Duschbeutel in den Katakomben. Es war für ihn ein gebrauchter Nachmittag - zumindest sportlich gesehen. „Das habe ich mir natürlich anders vorgestellt“, sagt Wiese nach dem Spiel mit ernster Miene. Viel Zeit zum Grübeln bleibt ihm jedoch nicht: Er muss sich fertig machen für die After-Show-Party. Denn die große Tim-Wiese-Show, sie ist noch lange nicht vorbei. 

Mehr zu Tim Wiese und seinem Einsatz in Dillingen lesen Sie hier:

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