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Dillingen

23.10.2020

Ulrichspreis: Sie tun das, was Gerd Müller fordert

Die Leiterin des Dillinger Weltladens, Beate Bauer (links), und die ehrenamtliche Mitarbeiterin Maria Lechner, freuen sich, dass Bundesentwicklungsminister Gerd Müller an diesem Samstag den Europäischen St.-Ulrichs-Preis erhält.
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Die Leiterin des Dillinger Weltladens, Beate Bauer (links), und die ehrenamtliche Mitarbeiterin Maria Lechner, freuen sich, dass Bundesentwicklungsminister Gerd Müller an diesem Samstag den Europäischen St.-Ulrichs-Preis erhält.

Plus Mitarbeiter der Weltläden in Dillingen und Wertingen freuten sich, dass der Entwicklungsminister in der Basilika hätte geehrt werden sollen. Nach der Absage ist die Stimmung gedrückt.

Die Atmosphäre an diesem trüben Herbsttag im Weltladen in der Dillinger Königstraße ist heimelig. Kaffee aus Afrika und Südamerika steht in den Regalen, Tee aus Indien und Tansania. Kunstvoll gefertigte Wäschekörbe aus Bangladesch sind zu sehen, Klangschalen aus Nepal, Kartoffelchips aus Peru. Was die angebotenen Waren aus vielen Ländern der Welt verbindet: „Die Hersteller bekommen faire Preise, von denen sie leben können“, sagt Weltladenleiterin Beate Bauer. Dies ist genau das Anliegen des Bundesentwicklungsministers Gerd Müller, der an diesem Samstag in Dillingen den Europäischen St.-Ulrichs-Preis hätte erhalten sollen. Wegen der Zunahme der Corona-Fälle hatte der Minister nun am Donnerstag die Teilnahme abgesagt (wir berichteten).

In Entwicklungsländer wie Afrika

Dennoch ist die Arbeit Müllers in diesen Tagen in der Region ein Thema. Die Wahl des CSU-Politikers, der als Grüner unter den Schwarzen gilt, hat den etwa 25 Ehrenamtlichen des Dillinger Weltladens gefallen. Maria Lechner, die sich seit rund 30 Jahren für den fairen Handel mit Entwicklungsländern engagiert, sagt: „Ich finde die Wahl von Gerd Müller sehr gut, er ist der Einzige, der die Situation in den Entwicklungsländern in Afrika und andernorts richtig gut kennt.“ Die Fluchtursachen müssten, wie es Müller in seinem Afrika-Plan fordere, vor Ort bekämpft werden. Und das gehe nur, wenn die Bauern und andere Produzenten faire Preise für ihre Erzeugnisse bekommen, sagt Lechner. Die Geiz-ist-geil-Einstellung mache vieles kaputt.

Billiges Zeug aus China

So sieht es auch Beate Bauer, Lechners Schwägerin und einzige Hauptamtliche des Dillinger Geschäfts, das zum Weltladen Augsburg gehört. „Wir leben in einer Welt und sind deshalb verantwortlich füreinander. Ich möchte hier in diesem reichen Deutschland nicht auf Kosten der anderen leben“, sagt Bauer. Sie zitiert den brasilianischen Bischof Dom Helder Camara mit den Worten: „Eure Almosen könnt ihr behalten, wenn ihr uns faire Preise bezahlt.“ Die Weltladenleiterin hat festgestellt, dass die Menschen während der Corona-Pandemie sensibler für dieses Thema geworden seien. Es sei aber ärgerlich gewesen, dass im Weltladen nur Lebensmittel und keine Handwerksartikel verkauft werden durften. In Drogeriemärkten sei dagegen „billiges Zeug aus China“ angeboten worden. Die Waren des Herstellers der Filzarbeiten aus Nepal, die im Weltladen stehen, seien jedenfalls nicht verkauft worden, bedauert Bauer. Die Dillingerin versucht, den täglichen Bedarf ihrer Familie zu einem großen Anteil durch fair gehandelte Waren zu decken. „Meinen Verbrauch an Kaffee, Tee, Gewürzen, Reis decke ich grundsätzlich hier“, erläutert Bauer. Und auch Geschenke könne sie gut im Weltladen kaufen.

Maria Lechner hätte es gefallen, wenn Ulrichspreisträger Müller in den Dillinger Weltladen gekommen wäre. „Wir hatten schon den Gedanken, ob er uns nicht besucht“, sagt Lechner. Und bei der Preisverleihung, deren Teilnehmerzahl auf etwa 130 beschränkt wurde, wären die Ehrenamtlichen ebenfalls gerne dabei gewesen. „Es wäre ein schönes Zeichen gewesen“, sagt Lechner, „wenn der Weltladen dazu eingeladen worden wäre.“

Gerd Müller war im Wertinger Weltladen

Tatsächlich besucht hat Gerd Müller bereits den Wertinger Weltladen – am 13. Mai 2019. Anton Stegmair, Vorsitzender des Wertinger Vereins „Solidarität für Eine Welt“, erinnert sich noch bestens. Es war für ihn nicht das erste und einzige Mal, dass er den Bundesentwicklungsminister live erlebt hat. Als Leiter der Abteilung Weltkirche im Bistum Augsburg hatte er immer mal wieder Kontakt mit Gerd Müller. Doch was ihm in Wertingen besonders imponiert hat, wie „normal, natürlich und authentisch“ er gleichermaßen mit Schülern und dem Team im Weltladen umgegangen ist. „Er ist ein Politiker mit großem Format, der sich über die Parteigrenzen hinaus engagiert“, findet Stegmair. Ihm gehe es um die Armen in der Welt und darum, gerechte Strukturen zu schaffen. „Gerd Müller traut sich hinzustehen und geht auch hin zu den Menschen, reist in Krisenregionen und nimmt persönlichen Kontakt auf.“ Für den Wertinger ist der CSU-Politiker im Laufe der Jahre „immer mutiger“ geworden. Ihn beeindrucke, wie Gerd Müller auf der einen Seite ganz im christlichen Sinne handle, wie Jesus agiere er als barmherziger Samariter und helfe denjenigen, die in Not sind. Auf der anderen Seite lasse er sich weder von Religionen noch politischen oder ideologischen Strukturen abhängig machen.

Ausbeutung und Kinderarbeit

Beim fairen Handel sieht Stegmair in Gerd Müller einen guten Motor, weil er ihn überall propagiere. Und er appelliere nicht nur dafür, dass Menschen in den Weltladen kommen, sondern sehe gleichzeitig, dass das Thema viel größer anzusetzen ist. „Man muss die Ursachen bekämpfen und nicht an den Symptomen rumdoktern“, stimmt Stegmair mit ihm überein. „Unser Handeln im Weltladen ist beispielhaft, wir arbeiten exemplarisch, um zu zeigen, wo es schiefläuft – Ausbeutung, Kinderarbeit und Zerstörung von Grund und Boden durch Pestizide.“ Doch Müller gehe einen Schritt weiter, indem er Strukturen schaffen will, die möglichst viele mit einbeziehen. „Mit dem Lieferkettengesetz müssen alle Unternehmen schauen, ob sie fair handeln.“ Der Wertinger Eine-Welt-Vorsitzenden findet es interessant, welchen Weitblick Entwicklungsminister Müller damit zeige.

Nach der zweiten Absage der Ulrichspreis-Verleihung, die ursprünglich am 16. Mai geplant war, ist die Stimmung bei der Europäischen St.-Ulrichsstiftung gedrückt. „Im ersten Moment durchlebt man schon eine Phase der Enttäuschung“, sagt Geschäftsführer Hurler, der die Verleihung unter Corona-Bedingungen akribisch geplant hat. Stiftungsvorsitzender Leo Schrell betont aber auch: „Wir haben Verständnis für die Entscheidung des Ministers.“ Der Landrat hatte am Donnerstagmittag noch mit Gerd Müller telefoniert, der sich auf die Verleihung am Samstag gefreut habe. Kurz vor 13 Uhr hat Schrell dann in einer SMS die Absage des Entwicklungsministers erhalten. Die Mitglieder der Bundesregierung seien angehalten, derzeit die Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen auf ein Mindestmaß zu reduzieren, ließ Müller wissen.

Mit einem strengen Hygienekonzept habe die Stiftung alle nur denkbare Vorsorge getroffen, um ein Ansteckungsrisiko so gut wie möglich auszuschließen, sagt Schrell. Man habe sich schon vor der Absage darauf verständigt, das geplante Festessen im Speisesaal der Akademie abzusagen. Die etwa 100 Teilnehmer des Festakts in der Basilika hätten durchgehend Masken tragen müssen. Wie der Ulrichspreis nun verliehen werden kann, stehe noch nicht fest. „Wir suchen mit Minister Müller gemeinsam nach einer Lösung“, sagt Schrell. Ende November wird eine Sitzung des Kuratoriums der Ulrichsstiftung stattfinden. Bis dahin will der Vorsitzende einen Vorschlag für einen würdigen Rahmen der Preisverleihung präsentieren.

Lesen Sie den Kommentar von Berthold Veh:

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