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Dillingen

27.07.2019

Warum die Spätzle in Bächingen lang sind

Im Bild (von rechts): Vereinsvorsitzender Dieter Schinhammer, Johannes Moosdiele-Hitzler und stellvertretender Vorsitzender Arnold Schromm.
Bild: Pawlu

Johannes Moosdiele-Hitzler aus Bächingen berichtet über die regionalen Folgen konfessioneller Trennung. Das zeigt sich etwa beim Essen oder der Sprache.

Mit dem Vortrag „Zeltdach unter Zwiebeltürmen“ charakterisierte Johannes Moosdiele-Hitzler, promovierter Archivrat am Bayerischen Hauptstaatsarchiv München, die Konsequenzen, die sich im westlichen Teil des Landkreises Dillingen durch die konträre konfessionelle Zugehörigkeit in Ortschaften ergaben. Am Beispiel des lutherischen Bächingen und des katholischem Obermedlingen lasse sich zeigen, dass insbesondere durch die strikte „Trennung der Heiratskreise“ in unmittelbarer Nachbarschaft zwei völlig getrennte Gesellschaften entstanden.

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Auch Erfahrungen aus der eigenen Lebenswelt

Johannes Moosdiele-Hitzler, geboren 1984 in Heidenheim, wuchs in Bächingen auf. Sein Vortrag, der auf seiner Doktor-Arbeit basiert (lesen Sie hier mehr dazu) und bei der Jahreshauptversammlung des Historischen Vereins Dillingen gehalten wurde, umfasst nicht nur Forschungsergebnisse, sondern auch Erfahrungen aus der eigenen Lebenswelt. Der Referent erinnerte an die weit ins 20. Jahrhundert hineinreichenden Vorurteile gegenüber den „Lutherischen“, die bei vielen Katholiken als „Wüstgläubige“ galten, und gegenüber den Katholiken, deren religiöses Brauchtum in evangelischen Kreisen als „Klerikalklimbim“ bezeichnet wurde. Moosdiele-Hitzler informierte zunächst über die politisch-historischen Gründe, die dazu führten, dass Bächingen im Gegensatz zur katholischen Umgebung evangelisch wurde und evangelisch blieb. Eine Folge bestand in der Seltenheit von „Mischehen“. Beide Seiten förderten die Abgrenzung. Das Bächinger „Ehebuch“ beweist, dass auswärtige Ehepartner seit dem Dreißigjährigen Krieg fast ausnahmslos aus dem evangelischen Württemberg und anderen reichsritterschaftlichen Territorien kamen.

Diese trennende Konfrontation bestimmte auch die Kontraste im Alltag. Weihnachtsgebäck heißt in Bächingen „Breedla“, in katholischen Nachbarorten „Loibla“. Die als „Knöpfle“ bezeichneten brotlaibgroßen Hefeknödel sind gemäß Moosdiele-Hitzlers Erhebungen außerhalb Bächingens kaum bekannt. In Bächingen sind lange Spätzle, in katholischen Gebieten runde, gehobelte Spätzle beliebt.

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Der Kirchturm in Obermedlingen war ein Symbol

In katholischen Kirchen dienten „Kontroverspredigten“ der massiven Kritik an evangelischem Glauben und evangelischer Lebensart. Eine besondere Rolle spielte in diesem Zusammenhang der Dillinger Universitätskanzler Franz Schmalzgruber, der Luther als grunzendes Schwein und Calvin als quakenden Frosch bezeichnete. Das katholische Überlegenheitsgefühl bestimmte sogar die Architektur: In Obermedlingen steht der höchste Kirchturm des Landkreises Dillingen. Dieses Bauwerk verstand sich, auch im Vergleich mit dem schlichten Zeltdach der Kirche in Bächingen, als „weithin sichtbares Symbol des alles überragenden katholischen Glaubens“.

Im Gegensatz zur barocken Pracht im Katholizismus bekannte sich der Protestantismus zu einer „rigiden Kultur des Verzichts“. Die unterschiedlichen Weltbilder führten sogar zu einer kontrastierenden Gefühlskultur, die aus historischen Gründen den „Reichsgedanken“ im Protestantismus stärkte. „Bei der letzten freien Reichstagswahl am 5. März 1933 lag Bächingen beim NSDAP-Stimmanteil unter den 76 Gemeinden des Bezirksamts Dillingen mit 91,2 Prozent auf dem vierten Platz, Obermedlingen dagegen mit 22,8 Prozent auf dem fünftletzten“, berichtete Moosdiele-Hitzler. Der interessante, lichtbildgestützte Vortrag wird noch einmal am 28. November 2019 im Dorfgemeinschaftshaus Bächingen zu hören sein.

Wir haben kürzlich über den Historiker Johannes Moosdiele-Hitzler geschrieben:

Er hat die Historie Bächingens erforscht

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